21. 05. 2012
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FWG-Abschlussklasse 2010: Ein besonderer Jahrgang
Die Abiturientinnen und Abiturienten des diesjährigen Abschlussjahrgang 2010 hatten in den letzten 15 Monaten besonders unter der Einsturzkatastrophe am Waidmarkt zu leiden. Als am 3. März 2009 das Gebäude des Historischen Archivs und zwei Nachbarhäuser im Kölner Untergrund vesanken und zwei Menschen unter sich begruben, kamen die mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler zunächst mit dem Schrecken davon. Aber schon am gleichen Tag war klar. Die damalige Jahrgangsstufe 12 wird es besonders schwer haben. Am Tag danach setzten sich die Mitglieder der Schülervertretung und der Schulleitung zusammen, um über den weiteren Gang der Dinge zu beraten. Zunächst ohne eigene Räumlichkeiten musste eine schnelle Lösung her. Das Lob galt neben den Schülerinnen und Schülern, dem Lehrerkollegium, der Schulpflegschaft und dem Förderverein aber auch der Stadt Köln. "Die haben sich richtig ins Zeug gelegt", lobte Janssen die schnelle Abhilfe in Sachen Unterbringung. Bereits im Herbst erhielt das FWG vor dem VHS-Studienhaus dann die dringend benötigten Fachräume für Physik und Chemie, schließlich gab es einen Leistungs- und einen Grundkurs. Beide naturwissenschaftlichen Fächer lassen sich nun mal nicht ohne Apparaturen, Versuchsreihen und Experimente sinnvoll erlernen.
"Was wir nach der Katastrophe erlebt haben, ist eine typische Kölsche Eigenart. Wenn es eng wird, rückt man zusammen", beschrieb Jansen seine Erfahrungen nach dem denkwürdigen 3. März 2009. Am heutigen Freitagabend fand die feierliche Übergabe der Abschlusszeugnisse in der Aula der Universität zu Köln statt. Dass auch die Schülerinnen und Schüler dieser Klasse sich sofort und jederzeit konstruktiv beteiligt haben, nötigt dem erfahrenen Schulleiter Respekt und Lob ab. Auch der humorige Einleitungsvortrag der beiden Beratungslehrer Heukemes und Bergheim, die mit spitzfindigen Bemerkungen zum "Independence Day" an mehreren Stellen stürmischen Applaus provozierten, ließ deutlich werden: Alle haben in dieser Jahrgangsstufe in einer besonderen Art und Weise an einem Strang gezogen, um gemeinsam das Schiff zu schaukeln. Dass am Ende auch die Leistung stimmte, dürfte schließlich auch dem Lehrerkollegium als Lob nachgereicht werden. Gleich zehn Abiturienten erreichen einen Notendurchschnitt von 1,4, acht sogar 1,2. Und mit einer 1,1 und zwei Jahrgangsstufenbesten, die mit 1,0 nur "sehr gute" Noten auf ihrem Abschlusszeugnis hatten, gehörte die Abschlussklasse 2010 zu den besseren Jahrgängen, wie Jansen mit einem Augenzwinkern durchblicken ließ.
An den aktuellen Planungen der Schulverwaltung hat sich bis auf Weiteres nichts geändert. Bis zum Beginn des Schuljahres 2011/2012 wird der "Ikarus" des FWG weiterhin das ehemalige VHS-Studiengebäude markieren. Im Spätsommer 2011 zieht das FWG dann an den angestammten und dann renovierten Standort am Waidmarkt um, rund 13 Millionen Euro soll die Ertüchtigung der Gebäudesubstantz kosten. Für Schulleiter Jansen beginnt dann das letzte Schuljahr seiner beruflichen Karriere, Im Jahr darauf wird der Pädagoge und Kantexperte in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Und im Nachklang zu diesem denkwürdigen Abiturjahrgang 2010 hatte der Schulleiter den 152 Absolventinnen und Absolventen Philosophisches mit auf den Weg gegeben. "Niemand hat das Recht, über einen anderen Menschen zu bestimmen oder ihn zu instrumentalisieren. Und es gibt Erfolge, die nicht mit Geld zu messen sind".
Bevor die nächsten Schritte ins neue Leben gemacht werden können, steht erst einmal der große Abi-Ball an. Der findet in der kommenden Woche im Maritim-Hotel statt, das der Schule beim Angebot "deutlich entgegen gekommen ist", wie Jansen bemerkte. Dass das notwendige Geld überhaupt eingesammelt wurde, war nur dem gemeinsamen Einsatz aller und der Idee eines "sponsored walk" zu verdanken. Zusammen mit einer weiteren Benefiz-Veranstaltung in einer Kölner Diskothek kamen so rund 40.000 Euro zusammen. Auch wenn die Schule das Geld dringend für sich selbst benötigte, zeigten sie sich großzügig. Ein Viertel der Erlöse spendeten sie dem Kölner Zentrum für Folteropfer, bemerkte der Schulleiter voller Stolz. Am Rande gab es dann noch eine Kuriosität zu vermelden: Der Schüler Valentin Quinkler dürfte seinem Zeugnis zufolge als jüngster Abiturient in die Geschichte der weiterführenden Schulen weltweit eingehen. Dort steht als Geburtsdatum der 3. März 2008 vermerkt. Doch die vermeintliche Sensation entpuppt sich schnell als Tippfehler. Tatsächlich ist der junge Absolvent der Abschlussklasse 2010 bereits 19, wenn für ihn der Ernst des Lebens beginnt.
Kommentar
Was dieser Klasse in den zurückliegenden Monaten widerfahren ist, ist für Außenstehende kaum nachvollziehbar. Von einem Tag auf den anderen hatte die Jahrgangsstufe 12 keine Schule und die ersten Tage auch keinen Unterricht mehr. Es folgte eine Odyssee mit gleich mehreren Umzügen, bis schließlich im Provisorium am Neumarkt so etwas wie eine vergleichsweise Normalität Einzug hielt. Und dabei musste gewährleistet werden, dass die angehenden Abiturienten keinen schulischen Nachteile auf diesem Wechselbad und dem Chaos in den Wochen und Monaten nach dem 3. März 2009 erleiden. Das ist geglückt und mit einer Abschlussfeier vor beeindruckender Kulisse und hohem Entertainment-Potenzial für alle spürbar zum Ausdruck gekommen.
Die nachdenklichen Worte des Schulleiters machen aber noch etwas anderes deutlich. In einer Zeit, in der viel über Konkurrenz, das Streben nach materiellem Erfolg und dem dazu notwendigen Egoismus das Wort geredet wird, haben die 152 jungen Frauen und Männer, die am heutigen Abend ihre Zeugnisse entgegen nahmen, noch etwas anderes mit auf den Weg bekommen: ein Gefühl der Gemeinschaft, mit dem sich selbst die ärgsten Notlagen und Krisen bewältigen lassen. Eine solche Erfahrung ist möglicherweise mehr wert als ein Abiturzeugnis. In jedem Fall ist es etwas, auf dass man stolz sein kann und an das man sich – bei aller Tragik – gerne und ein Leben lang zurückerinnern wird. Schule ist mehr als Bildung und Erziehung, steht auf der Homepage des FWG vermerkt. In den vergangenen 15 Monaten hat dieser Bildungsbetrieb diesen hohen Anspruch eindrucksvoll vorgelebt.

























