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Stadt veranstaltet Fachtagung zum längeren "Gemeinsamen Lernen"


08.02.2010 17:11 von:

Schlagwörter: Köln,Fachtagung,2010,Gemeinsames Lernen,Rathaus,Schukdezernentin,Ratsbeschluss,I

Länger gemeinsam lernen, das scheint jahrzehntelang das Erfolgsrezept des skandinavischen Bildungssystems zu sein. Regelmäßig belegen die nordeuropäischen Staaten in den gängigen Bildungsrankings vordere Plätze. Nun scheint sich auch in Deutschland die Erkenntnis durchzusetzen, dass ein längeres Lernen in heterogenen Gruppen der Gesamtleistung der unterrichteten Schülergruppe durchaus zuträglich ist. Wie der Ausschuss für Schule und Weiterbildung im Juni vergangenen Jahres beschlossen hatte, sollte die Stadtverwaltung eine Fachtagung zu diesem Thema durchführen. Nach etwas mehr als einem halben Jahr Vorlauf war es am vergangenen Freitag soweit. Zahlreiche Pädagogen und Erziehungswissenschaftler folgten der Einladung von Dr. Agnes Klein, die auch im Namen des kurzfristig verhinderten Kölner Oberbürgermeisters Jürgen Roters die rund 150 Gäste begrüßte. "Das Thema nimmt an Geschwindigkeit auf und an Brisanz zu", so die einleitenden Worte der Kölner Schuldezernentin.

Allerdings ist es mit längerem gemeinsamen Lernen alleine nicht getan. Was auf den ersten Blick wie ein schlagkräftiges Patentrezept wirkt, ist bei näherem Hinsehen nur ein relativ kleiner Baustein in einem Gefüge unterschiedlicher pädagogischer Maßnahmen. So ist insbesondere auch eine Ganztagsbetreuung sowie mehr individuelle Förderung, folglich auch eine deutliche Verkleinerung der zu unterrichtenden Klassen an Grund- und weiterführenden Schulen Teil der Bildungsreform, innerhalb dessen sich auch das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen befindet. Dass es zudem einen signifikanten Zusammenhang zwischen der sozialen Situation, insbesondere der Einkommenssituation des Elternhauses, und den Bildungschancen gibt, macht die Sache nicht gerade einfacher. Schuldezernentin Klein machte überdies die frühe Selektion in ein dreigliedriges Schulsystem der weiterführenden Schulen für so manchen Missstand verantwortlich. "Eigentlich müsste man von einem fünf- und mehrgliedrigen Schulsystem sprechen", so eines der Hauptargumente der derzeitigen Bildungsdiskussion. Gemeinsamer Unterricht und mehr individuelle Förderung sind demnach nur ein, allerdings außerordentlich wichtiger Aspekt, der momentanen Reformdiskussion. Hinzu kommt, dass sich auch die deutsche Bundesregierung im Rahmen der UN-Konvention im April 2009 dazu bekannt hatte, die Plätze für den Gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung deutlich zu erhöhen. Zwar gibt es auch hier erste Fortschritte, das Land müsste jedoch die Zahl der pädagogischen Fachkräfte spürbar erhöhen, um diese Verpflichtung nachhaltig erfüllen zu können, forderte die Beigeordnete. "Die Gestaltungsmöglichkeiten für Städte sind in NRW besonders stark eingeschränkt", räumte Klein ein. Andere Bundesländern sind hier schon einen ganzen Schritt weiter, erklärte die zuständige Kommunalbeamtin mit Hinweis auf Berlin, Schleswig-Holstein oder Sachsen-Anhalt.

Ob die Herstellung eines Zustandes der Homogeneität von Lerngruppen neben seiner grundsätzlich als notwendig erachteten Verwirklichung überhaupt realistisch ist, ist in den Augen von Prof. Dr. Hans Brügelmann von der Universität Siegen aber eher zweifelhaft. So ist schon der Begriff Integration in der aktuellen Reformdiskussion aus seiner Sicht missverständlich bzw. schlicht falsch. "Der Begriff setzt die Perspektive voraus, dass es normale und nicht normale Kinder und Jugendliche gibt. Besser ist der Begriff der Inklusion, der eine Individualität aller zur Grundlage hat. Jeder ist so gesehen nicht normal", so die etwas provokante These des Erziehungswissenschaftlers. In der Folge seien sogar internationale Vergleichsstudien wie die viel zitierte PISA-Studie durchaus kritikwürdig. "Ich halte PISA für problematisch, weil hier Durchschnittsdenken gefordert wird. Der Pädagoge darf aber nicht nur auf den Durchschnitt schauen", so eine der Forderungen Brügelmanns. "Die Dynamiken einer Lerngruppe passen nicht in einfache Schemata, obwohl ein gewisses Schubladendenken manchmal durch brauchbar ist", so der Bildungsexperte weiter.

Trotz dieses Exkurses in die wissenschaftlichen Untiefen der Bildungsdebatte und ihre überprüfbaren Ergebnisse scheint jedoch ein Schulmodell von vielen Experten durchaus brauchbar: das der Gesamtschule. Hierzu erläuterte der Leiter der Gesamtschule Wuppertal-Langerfeld, Rainer Dahlhaus, dem interessierten Publikum die Erfahrungen seiner Schule. Auch in Köln wird ab dem kommenden Schuljahr mit einer neuen Gesamtschule in Nippes Platz für rund 120 Schülerinnen und Schüler in dieser Schulform zusätzlich geschaffen. Nach derzeitigem Stand der Dinge sieht die Landesregierung in ihren Planungen bisher aber nur eine Übermittagsbetreuung (Ümi) vor. Die Ratsmehrheit aus SPD und Grünen will jedoch notfalls den Klageweg beschreiten, um den Ganztagsbetrieb für die neue Schule sicherzustellen. Das hatten die bildungspolitischen Sprecher auch auf der letzten Ratssitzung erneut bestätigt.


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