21. 05. 2012
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Bertelsmann-Studie: Deutsche begrüßen Globalisierung
Globalisierung ist gut. In der Politikwissenschaft seit den bahnbrechenden Arbeiten von Robert Keohane und Joseph Nye längst gemeinsamer Sachstand, entwickelte die Globalisierung jedoch erst nach dem Ende des Ost-West-Konflikts an weltweiter Dynamik. Selbst kommunistisch geprägte und organisierte Staaten haben sich längst die "Goldene Zwangsjacke" angezogen, wie es der ehemalige Times-Journalist und Buchautor Thomas Friedman einmal so treffend ausdrückte. Doch das angebliche Schreckgespenst, einer kalten und nur auf ökonomische Vorteile bedachte Welt voller Egoismen und sozialer Ungerechtigkeiten, steht die Mehrheit der Deutschen dieser Entwicklung weiterhin mehrheitlich positiv gegenüber. Das ergab nun eine aktuelle Umfrage der Bertelsmann-Stiftung. Demnach spielen die negativen Folgen im Lebensalltag der meisten Bundesbürger nur eine untergeordnete Rolle.
Dabei ließen die vielen, negativen Nachrichten aus der internationalen Finanzwelt zuletzt fast den Eindruck aufkommen, dass trotz derzeitiger Hochkonjunktur die Befürchtungen überhand nehmen könnten. Aber 64 Prozent der Befragten verbinden mit der weltweiten Arbeitsteilung etwas durchaus Positives. Zwar sind den meisten die Risiken durchaus bewusst, doch der Einfluss der Weltökonomie auf die eigene Lebenssituation wird in der Regel als eher nachrangig eingestuft, so ein weiteres Ergebnis der Umfrage. Lediglich ein Viertel der Befragten ist der Meinung, dass die eigene soziale Absicherung ohne Globalisierung sicherer wäre. 22 Prozent stimmten dieser Aussage in Bezug auf die eigene Arbeitsbelastung zu. Lediglich 15 Prozent nehmen an, dass ihr Einkommen höher wäre und nur 14 Prozent glauben, ihr Arbeitsplatz wäre ohne die Globalisierung sicherer, so weitere Ergebnisse der Studie.
Deutlich höher und spürbarer werden aber die Auswirkungen der Globalisierung auf die Situation Deutschlands im allgemeinen eingestuft. Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten räumte ein, dass das Wirtschaftswachstum ohne internationale Verflechtung geringer ausfallen würde. Immerhin die Hälfte ist der Meinung, die Staatsverschuldung wäre geringer, 41 Prozent nehmen diese Aussage bei der Frage nach dem Einfluss der Globalisierung auf die Einkommensverteilung für bare Münze. Mehr als ein Drittel glauben, dass Arbeitslosigkeit und Armut ohne Globalisierung geringer wären. 43 Prozent hingegen meinen, dass Umwelt und Klima unter der "Globalisierung" am meisten zu leiden hätten. Etwas überraschend angesichts der gefühlten Mehrheitsmeinung in den Webforen mag die Erkenntnis anmuten, dass doch mehr Menschen der Globalisierung positive Effekte bei der Armutsbekämpfung zutrauten als umgekehrt (31 zu 29 Prozent), auch wenn der Unterschied zwischen den beiden Antwortvorgaben knapp war. Fast die Hälfte (46 Prozent) sind der Auffassung, der weltweite Bildungsstand wäre geringer, so die Autoren der Studie weiter.
Bei der Risikozuweisung liegen die Gefahren der Globalisierung vor allem in der befürchteten, zunehmenden Energie- und Rohstoffknappheit. Hier liegen die Zustimmungsraten zu diesen Aussagen sogar jenseits der 90-Prozent-Marke. Ein möglicher Staatsbankrott (81 Prozent), eine geplatzte Spekulationsblase (78 Prozent) oder auch eine weltweite Nahrungs- und Wasserknappheit (77 Prozent) werden als vorwiegende Risiken betrachtet. Einen bevorstehenden Handelskrieg, wie er zuletzt von einigen Wirtschaftswissenschaftlern als zukünftiges Szenario entworfen wurde, befürchten hingegen nur 40 Prozent. Immerhin: Die einzigen beiden Organisationen, denen die Deutschen ein Management oder gar eine Lösung der Globalisierungsrisiken zutrauen, sind neben der "G20" auch die Europäische Union. Auch das ist angesichts der bisweilen etwas hektischen Generaldebatte über Europa nur im ersten Moment denkwürdig. Eigentlich verfügt nur die EU über die einzig wirklich gangbaren Instrumente, die gesamten Breite der Globalisierung in seinen Zuständigkeiten wiederzuspiegeln. Und sie ist nach wie vor die einzige internationale Organisation, die über den Rang der rein intergouvernamentalen Gremien hinausgeht.
"Die Ergebnisse der Umfrage belegen indirekt das Vertrauen der Deutschen in die Leistungsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft. Dieses Konzept hat sich in der Globalisierung als erfolgreich erwiesen", schlussfolgerte Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, bei der Vorstellung der Studie. Der Blick auf die Risiken ist durchaus vorhanden, das Vertrauen in das derzeit gängige Geschäftsmodell stabil. Einzig die Politik scheint der Forderung nach entschlossenem Handeln derzeit nicht vollumfänglich nachzukommen. Vor diesem Hintergrund könnte die Debatte um die so genannten "FDP-Rebellen", die derzeit die eigene ohnehin schon gebeutelte Partie in eine innere Zerreißprobe, dem Vertrauen in die Handlungsfähigkeit der Regierenden eher abträglich sein.
Letzter Hinweis zur Aktualität
Die repräsentative Umfrage wurde im Zeitraum zwischen dem 22. Juni und dem 24. Juli dieses Jahres vom Meinungsforschungsinstitut infas im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt. Der Aktienkurs stand während dieser Zeit bei rund 7500. Das beständige Herbeireden von Krisenszenarien hatte schon die zurückliegenden Einschätzungen der Wirtschaft – auch in der Region Köln –eingetrübt. Die Dauerbeschallung mit "bad news" von der Börse dürfte auch an der breiten Masse der Deutschen nicht vorüber gehen. Insofern könnten die eigentlichen Zahlen schon längst wieder durch die Realität Lügen gestraft werden.

























