22. 05. 2012
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Jugend 2010: Pragmatisch und zuversichtlich durch die Krise
Am gestrigen Dienstag stellten die Autoren die 16. Neufassung der Shell Jugendstudie vor. Trotz der zwischenzeitlichen Wirtschaftskrise bleiben die jungen Bundesbürgerinnen und –bürger zuversichtlich und optimistisch. Tatsächlich ist der Anteil der Optimisten sogar gegenüber der letzten Studie aus dem Jahr sogar noch gestiegen, wie die Verantwortlichen in einer Presseerklärung verlautbaren ließen. Allerdings bleibt trotz positiver Tendenzen ein grundsätzlicher Makel. Die Herkunft und das soziale Umfeld entscheiden über die Meinung der Jugendlichen. So ist die Zuversicht von Jugendlichen aus sozial schwachen Haushalten weiter gesunken. Ein Indiz dafür, dass sich die Luft zwischen den Milieus weiter verschärft hat.
Gegenüber der letzten Erfassung aus dem Jahr 2006 stieg der Anteil der "Optimisten" von 50 auf 59 Prozent. Mehr als ein Drittel (35 Prozent) äußerten sich "unentschieden" und sieben Prozent betrachteten ihre persönliche Zukunft eher als "düster". In der Teilmenge der Jugendlichen aus sozial schwachen Haushalten ergab sich hingegen ein anderer Trend. Hier hatte sich der Anteil der "Optimisten" binnen vier Jahren auf ein Drittel reduziert. Ein wichtiger Indikator war die Frage nach der persönlichen Zufriedenheit. Während fast drei Viertel aller Jugendlichen grundsätzlich zufrieden mit ihrem Leben sind, sinkt der Prozentsatz bei Jugendlichen aus unterprivilegierten Schichten auf 40 Prozent ab. Auf ein ähnliches Ergebnis kommen die Sozialforscher der Universität Bielefeld, die die Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung wissenschaftlich betreuten, auch bei der Frage nach der Hoffnung auf berufliche Perspektiven. Während die Gesamtheit zu 71 Prozent optimistisch ist, die eigenen Ziele zu erreichen, sind dies bei den "Unterprivilegierten" nur 41 Prozent. Auch die Familie spielt bei der überwiegenden Mehrheit der Befragten eine große bis sehr große Rolle. Neun von zehn gaben an, sie hätten ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern.
Ein Mega-Trend ist die Nutzung von Medien. Im Schnitt bewegt sich der Nachwuchs inzwischen zwölf und 25 Jahren inzwischen 13 Stunden pro Woche im World Wide Web. Insbesondere bei den männlichen Nutzern wird die Spaltung zwischen Gesamtheit und den "Sozial Schwachen" noch deutlicher. Fast ein Viertel (24 Prozent) aller Online-Nutzer bewegt sich in Spielewelten ("Gamer"), vorwiegend männliche Jugendliche aus sozial schwachen Haushalten. Ein weiteres Viertel nutzt soziale Netzwerke, hier vorwiegend weibliche Jugendliche. Ältere weibliche User nutzen das Internet eher als "Funktions-User" (E-Mail-Kommunikation, Online-Shopping). Und etwas mehr als ein Drittel (34 Prozent) sind nach wissenschaftlicher Typisierung "Multifunktions-User", sie nutzen die gesamte Bandbreite des Internet. Hier überwiegen ältere männliche Jugendliche aus "oberen Schichten". Als positiv ist zu werten, dass in der Gesamtheit das allgemeine Interesse an Politik leicht gestiegen ist, bei den Zwölf- bis 14-Jährigen sogar um das Doppelte (2010: 21 Prozent). Mädchen und junge Frauen sind dabei "aktivitätsbereiter", um für ihre oder die Rechte anderer zu demonstrieren. 44 Prozent aller würden an Demonstrationen teilnehmen, so ein weiteres Ergebnis.
Auch in Sachen Globalisierung hat die junge Generation ein überwiegend positives Bild. Die Verbindung von weltweitem Wohlstand und der zunehmenden Verflechtung hatten vor der Wirtschaftskrise 37 Prozent verstanden. In diesem Jahr sind es bereits 53 Prozent, wobei die Studie drei Profile identifizierte (Befürworter-Gegner-Mainstream). Auch hier zeigten sich wieder schichtspezifische Unterschiede. Zuletzt nahmen sich die Autoren noch das Verhältnis der Generationen aus Sicht der Jungen vor. Im Gegensatz zur landläufigen Pauschalbeurteilung stieg der Anteil der "sozial engagierten" Jugendlichen auf 39 Prozent an. Allerdings bezeichnet die Hälfte der Befragten das Verhältnis der Generationen als "angespannt" an. In Sachen Verteilungsgerechtigkeit überwiegt der Anteil derer, die den Reichtum zwischen den Generationen als "gerecht verteilt" ansehen (47 Prozent), den der Skeptiker. Ein Viertel meinte, dass die Älteren ihre Ansprüche reduzieren müssten.
Bei der Einstellung zur Religion gibt es hingegen ein anderes Gefälle. Während lediglich 44 Prozent der katholischen Jugendlichen Gott für wichtig halten, ist dieses Verhältnis bei der Teilmenge der Jugendlichen mit Migrationshintergrund ein anderes. Für diese Jugendliche hat die Bedeutung von Religion in den vergangenen zehn Jahren sogar zugenommen. Hauptproblem der Menschheit ist und bleibt der Klimawandel. Viele gehen damit eher pragmatisch um. So erklärten immerhin 39 Prozent, sie würden zugunsten der Nachhaltigkeit auf ein kleineres Auto umsteigen. Etwas mehr (44 Prozent) wollen dafür öfter mit dem Fahrrad fahren. Für mehr als drei Viertel (76 Prozent) aber bleibt der Klimawandel ein "großes" bzw. "sehr großes Problem". Das Fazit der Autoren zur Stimmung unter den Jüngeren fällt positiv aus. "Die Werte und Lebenseinstellungen von Jugendlichen sind weiterhin pragmatisch. Der persönliche Erfolg in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft ist für Jugendliche
von großer Wichtigkeit. Leistung ist jedoch nicht alles: Auch wenn Fleiß und Ehrgeiz für 60 Prozent der Jugendlichen hoch im Kurs stehen, darf der Spaß nicht zu kurz kommen: 57 Prozent wollen ihr Leben intensiv genießen. Optimistisch und mit ihrer Lebenssituation zufrieden, geht es ihnen nicht nur um ihr persönliches Vorankommen, sondern auch darum, ihr soziales Umfeld aus Familie, Freunden und Bekannten zu pflegen. Viele interessieren sich dafür, was in der Gesellschaft vor sich geht", hieß es dazu abschließend.
Die Shell-Studie wurde erstmals im Jahr 1953 veröffentlicht und fand in diesem Jahr zum 16. Mal statt. Zur Umfrage werden 2500 junge Menschen im Alter von zwölf bis 25 Jahren nach ihren Einstellungen gefragt. Die Studie – die renommierteste ihrer Art in Deutschland – bietet so seit mehr als einem halben Jahrhundert eine verlässliche Grundlage zur Beurteilung der Stimmung im Land. Durchgeführt wird die Studie durch Experten der Marktforschungsgesellschaft TNS Infratest und der Universitäts-Professoren Klaus Hurrelmann und Matthias Albert sowie der Sozialwissenschaftlerin Dr. Gudrun Quenzel.

























