22. 05. 2012
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Verbundprojekt gegen Analphabetismus vorgestellt
Zwischen drei und fünf Prozent aller Bürgerinnen und Bürger dieses
Landes gelten als funktionelle (massive Schreibdefizite) oder soziale
Analphabeten.
In Deutschland können es bis zu vier Millionen sein, in Köln gehen die
Experten von bis zu 47.000 Menschen ohne „literacy“-Kompetenzen aus.
Nun will die Stadt über das Amt für Weiterbildung (VHS) zusammen mit
verschiedenen Verbundpartner vor allem aus dem Bereich der Wissenschaft
genau dieses Problem aktin angehen. Gefördert mit Mitteln des
Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) will die VHS die
Zahl ihrer Alphabetisierungskurse von derzeit 80 pro Jahr um weitere 38
erhöhen. Aktuell laufen bereits die ersten fünf Kurse, von den vier
bereits die gewünschte Mindestteilnehmerzahl von acht erreicht haben.
4400 Unterrichtsstunden pro Jahr sollen es werden, wie die
Verantwortlichen am heutigen Dienstag bekannt gaben.
Schwieriges Thema
„Das Thema Analphabetismus ist „sperrig, schwierig und nicht ganz
populär“, erklärte Kölns Bildungs- und Schuldezernentin Dr. Agnes
Klein. Die Arbeit in der so genannten Grundbildung von Menschen mit
einer häufig gebrochenen Bildungskarriere ist ein „Langstreckenlauf“,
das auf drei Jahre finanzierte Projekt folglich nur ein erster Schritt.
In drei von zehn Sozialräumen will die Stadt mit dem Angebot
zusätzlicher Kurse beginnen. Auch in den anderen sieben Sozialräumen
will man schon bald mit den Netzwerkpartnern vor Ort Gespräche über
eine konkrete Zusammenarbeit aufnehmen. Klein betonte dabei die Rolle
der universitären Verbundpartner. „Das Projekt ist ein gutes Beispiel
für die Vernetzung kommunaler und wissenschaftlicher Stellen“, erklärte
die Dezernentin, auch wenn der Zeitrahmen (erster Zwischenbericht im
November 2008) „ehrgeizig“ sei, wie Klein einräumte.
Ursprünglich sollte das Projekt bereits im Herbst vergangenen Jahres
starten, doch dank einiger Verzögerungen ging es erst zu Beginn dieses
Jahres los. Am Anfang standen vor allem Gespräche mit den verschiedenen
Netzwerkpartnern aus den Stadtteilen. Dann wurde entschieden, mit
welchen Stadtbezirken bzw. Stadtteilen man anfangen wollte „und dann
ging es auch sofort in die Bewerbungsphase“, erläuterte
VHS-Projektleiterin Maria Morales. Zusammen mit einer Sozialpädagogin
ermittelt sie die spezifischen Bedarfe in den Stadtteilen, ein
Unterfangen, das ausgesprochen schwierig ist. Schließlich haben gerade
diese Menschen enorme Schwierigkeiten, die Botschaften zu verstehen.
Plakate, Zeitungsanzeigen oder Internet-Bannerwerbung scheidet in
diesem Fall schon vorab komplett aus. Es bleiben zwar andere Medien,
aber die Initiatoren setzen vor allem auf die Partner vor Ort und
Mund-zu-Mund-Propaganda. So ist der bisherige Zulauf mit bereits vier
gut besuchten Kursen als Erfolg zu werten.
Ziele gehen in beide Richtungen
Die wissenschaftliche Begleitung durch die Sprach- und
Humanwissenschaftler der Universitäten in Köln und Siegen hat nun
verschiedene Ziele. Neben dem erstrangigen Ziel einer Alphabetisierung
der Zielgruppe gilt es zudem, die Lernwege zu erforschen, wie die
Dekanin und Angilzistin Prof. Dr. Christiane M. Bongartz von der
Philosophischen Fakultät der Uni Köln erläuterte. Die Ziele dürfen
dabei allerdings nicht abgehoben sein, sondern müssen den Menschen
sofort nutzen. „Schrift funktional einsetzen“, nennt das
Bongartz`Kollege Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek vom Institut für
Deutsche Sprache an der Kölner Uni. „Das Verstehen, Entziffern und
Schreiben von Rechnungen und Memos ist wichtiger als das
Textverständnis von Kafka“, beschreibt der Germanist die Zielsetzung.
Und Prof. Dr. Klaus Künzel von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der
Kölner Uni will die Zusammenhänge zwischen Wohn- und Lernort, überhaupt
den Einfluss der Örtlichkeit als solcher auf den Lernprozess
untersuchen. Im konkreten Fall bedeutet das ein „Ausschwärmen“
motivierter Studierender in die Viertel, um genau das in Erfahrung
bringen zu können. Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen ist dabei
dringend geboten.
So ist das Bewusstsein um Analphabetismus durch das zunehmende
Wegfallen „einfacher“ Jobs und die zunehmende Durchdringung textlicher
Komptenzen durch das mediale Zeitalter in den vergangenen Jahren
deutlich gestiegen. Prof. Dr. Richard Huisinga von der Universität
Siegen, zeichnet ein bedrohliches Zukunfts-Szenario. Bis zu einem
Viertel der nachwachsenden Generation könnten ohne entsprechende
Förderung und Unterstützung nachhaltig und langfristig vom ersten
Arbeitsmarkt ausgegrenzt und dabei auf staatliche Leistungen angewiesen
sein. Huisinga will daher mit seiner Projektgruppe in den Stadtteilen
Meschenich / Rondorf eine komplette „Domain-Kartierung“ vornehmen.
Hierzu gehören neben der eigentlichen Klientel auch die entsprechenden
Gewerbe und potenziellen Arbeitgeber, sortiert nach Branchen.
Lösungen nicht alleine durch System Schule
Einfache Schulzuweisungen, zum Beispiel in Richtung Schule, lehnen die
Verantwortlichen ausdrücklich ab. Amtsleiterin Hammelrath bezeichnet
solche pauschalen Vorwürfe als „ungerecht“ und Dezernentin Klein kann
sich eine nachhaltige Lösung „alleine aus dem System Schule heraus“
ebenfalls nicht vorstellen. Insofern gibt es ein ganzes Bündel von
Maßnahmen, die notwendig sind. Schulsozialarbeit, ASD und spezielle
Projekte für einzelne Schulformen und Zielgruppen müssen
ineinandergreifen, damit das Problem beherrschbar bleibt. Doch trotz
annähernd gleichbleibender Zahlen von Analphabeten machen sich die
Experten auch keine Hoffnungen auf ein Bildungswunder. „Die Kluft
zwischen den verschiedenen Gruppen auch hinsichtlich des Bildungsstands
werden größer“, fasst Humanwissenschaftler Künzel seine Prognose
zusammen.
Das Projekt startet in den Stadtteilen Meschenich/Rondorf,
Chorweiler/Blumenberg und Ostheim/Neubrück. Koordiniert wird das
Projekt vom Verein Lernende Region – Netzwerk Köln e.V.. Weitere
Einzelheiten sowie eine laufende Dokumentation des Projekts finden Sie
im Internet unter: www.bildung.koeln.de.

























