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22. 05. 2012
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Verbundprojekt gegen Analphabetismus vorgestellt


24.01.2009 16:42 von:

Schlagwörter: Studie,Verbundprojekt,Analphabetismus,Köln,Universität,Wissenschaft,Dr. Agnes Kl

Zwischen drei und fünf Prozent aller Bürgerinnen und Bürger dieses Landes gelten als funktionelle (massive Schreibdefizite) oder soziale Analphabeten. In Deutschland können es bis zu vier Millionen sein, in Köln gehen die Experten von bis zu 47.000 Menschen ohne „literacy“-Kompetenzen aus. Nun will die Stadt über das Amt für Weiterbildung (VHS) zusammen mit verschiedenen Verbundpartner vor allem aus dem Bereich der Wissenschaft genau dieses Problem aktin angehen. Gefördert mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) will die VHS die Zahl ihrer Alphabetisierungskurse von derzeit 80 pro Jahr um weitere 38 erhöhen. Aktuell laufen bereits die ersten fünf Kurse, von den vier bereits die gewünschte Mindestteilnehmerzahl von acht erreicht haben. 4400 Unterrichtsstunden pro Jahr sollen es werden, wie die Verantwortlichen am heutigen Dienstag bekannt gaben.

Schwieriges Thema

„Das Thema Analphabetismus ist „sperrig, schwierig und nicht ganz populär“, erklärte Kölns Bildungs- und Schuldezernentin Dr. Agnes Klein. Die Arbeit in der so genannten Grundbildung von Menschen mit einer häufig gebrochenen Bildungskarriere ist ein „Langstreckenlauf“, das auf drei Jahre finanzierte Projekt folglich nur ein erster Schritt. In drei von zehn Sozialräumen will die Stadt mit dem Angebot zusätzlicher Kurse beginnen. Auch in den anderen sieben Sozialräumen will man schon bald mit den Netzwerkpartnern vor Ort Gespräche über eine konkrete Zusammenarbeit aufnehmen. Klein betonte dabei die Rolle der universitären Verbundpartner. „Das Projekt ist ein gutes Beispiel für die Vernetzung kommunaler und wissenschaftlicher Stellen“, erklärte die Dezernentin, auch wenn der Zeitrahmen (erster Zwischenbericht im November 2008) „ehrgeizig“ sei, wie Klein einräumte.

Ursprünglich sollte das Projekt bereits im Herbst vergangenen Jahres starten, doch dank einiger Verzögerungen ging es erst zu Beginn dieses Jahres los. Am Anfang standen vor allem Gespräche mit den verschiedenen Netzwerkpartnern aus den Stadtteilen. Dann wurde entschieden, mit welchen Stadtbezirken bzw. Stadtteilen man anfangen wollte „und dann ging es auch sofort in die Bewerbungsphase“, erläuterte VHS-Projektleiterin Maria Morales. Zusammen mit einer Sozialpädagogin ermittelt sie die spezifischen Bedarfe in den Stadtteilen, ein Unterfangen, das ausgesprochen schwierig ist. Schließlich haben gerade diese Menschen enorme Schwierigkeiten, die Botschaften zu verstehen. Plakate, Zeitungsanzeigen oder Internet-Bannerwerbung scheidet in diesem Fall schon vorab komplett aus. Es bleiben zwar andere Medien, aber die Initiatoren setzen vor allem auf die Partner vor Ort und Mund-zu-Mund-Propaganda. So ist der bisherige Zulauf mit bereits vier gut besuchten Kursen als Erfolg zu werten.

Ziele gehen in beide Richtungen

Die wissenschaftliche Begleitung durch die Sprach- und Humanwissenschaftler der Universitäten in Köln und Siegen hat nun verschiedene Ziele. Neben dem erstrangigen Ziel einer Alphabetisierung der Zielgruppe gilt es zudem, die Lernwege zu erforschen, wie die Dekanin und Angilzistin Prof. Dr. Christiane M. Bongartz von der Philosophischen Fakultät der Uni Köln erläuterte. Die Ziele dürfen dabei allerdings nicht abgehoben sein, sondern müssen den Menschen sofort nutzen. „Schrift funktional einsetzen“, nennt das Bongartz`Kollege Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek vom Institut für Deutsche Sprache an der Kölner Uni. „Das Verstehen, Entziffern und Schreiben von Rechnungen und Memos ist wichtiger als das Textverständnis von Kafka“, beschreibt der Germanist die Zielsetzung. Und Prof. Dr. Klaus Künzel von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Kölner Uni will die Zusammenhänge zwischen Wohn- und Lernort, überhaupt den Einfluss der Örtlichkeit als solcher auf den Lernprozess untersuchen. Im konkreten Fall bedeutet das ein „Ausschwärmen“ motivierter Studierender in die Viertel, um genau das in Erfahrung bringen zu können. Die Notwendigkeit solcher Maßnahmen ist dabei dringend geboten.

So ist das Bewusstsein um Analphabetismus durch das zunehmende Wegfallen „einfacher“ Jobs und die zunehmende Durchdringung textlicher Komptenzen durch das mediale Zeitalter in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Prof. Dr. Richard Huisinga von der Universität Siegen, zeichnet ein bedrohliches Zukunfts-Szenario. Bis zu einem Viertel der nachwachsenden Generation könnten ohne entsprechende Förderung und Unterstützung nachhaltig und langfristig vom ersten Arbeitsmarkt ausgegrenzt und dabei auf staatliche Leistungen angewiesen sein. Huisinga will daher mit seiner Projektgruppe in den Stadtteilen Meschenich / Rondorf eine komplette „Domain-Kartierung“ vornehmen. Hierzu gehören neben der eigentlichen Klientel auch die entsprechenden Gewerbe und potenziellen Arbeitgeber, sortiert nach Branchen.

Lösungen nicht alleine durch System Schule

Einfache Schulzuweisungen, zum Beispiel in Richtung Schule, lehnen die Verantwortlichen ausdrücklich ab. Amtsleiterin Hammelrath bezeichnet solche pauschalen Vorwürfe als „ungerecht“ und Dezernentin Klein kann sich eine nachhaltige Lösung „alleine aus dem System Schule heraus“ ebenfalls nicht vorstellen. Insofern gibt es ein ganzes Bündel von Maßnahmen, die notwendig sind. Schulsozialarbeit, ASD und spezielle Projekte für einzelne Schulformen und Zielgruppen müssen ineinandergreifen, damit das Problem beherrschbar bleibt. Doch trotz annähernd gleichbleibender Zahlen von Analphabeten machen sich die Experten auch keine Hoffnungen auf ein Bildungswunder. „Die Kluft zwischen den verschiedenen Gruppen auch hinsichtlich des Bildungsstands werden größer“, fasst Humanwissenschaftler Künzel seine Prognose zusammen.

Das Projekt startet in den Stadtteilen Meschenich/Rondorf, Chorweiler/Blumenberg und Ostheim/Neubrück. Koordiniert wird das Projekt vom Verein Lernende Region – Netzwerk Köln e.V.. Weitere Einzelheiten sowie eine laufende Dokumentation des Projekts finden Sie im Internet unter: www.bildung.koeln.de.







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