23. 05. 2012
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Heinrich-Böll-Preis für einen „sensiblen Beobachter“ des Zeitgeschehens
In der Piazetta des Historischen Rathauses fand am gestrigen Freitagabend die diesjährige Verleihung des Heinrich-Böll-Preises der Stadt Köln statt. Der 55-jährige Schriftsteller Ulrich Peltzer war zuvor von der Jury als Preisträger benannt worden. Oberbürgermeister Jürgen Roters trug sein Ornat, als er dem Preisträger Urkunde und Medaille im Namen des 1985 verstorbenen Kölner Literatur-Nobelpreisträgers und ehemaligen Ehrenbürgers überreicht. Der Heinrich-Böll-Preis gilt mit seiner Dotierung in Höhe von 20.000 Euro zu den renommiertesten Literatur-Auszeichnungen in der Bundesrepublik. Eine gute Wahl, darin waren sich Jury, Fachjury und auch der Hausherr des ältesten Rathauses der Bundesrepublik einig.
Peltzer, 1956 in Krefeld geboren, studierte von 1975 bis 1981 in Berlin Psychologie mit dem Abschluss Diplom. Nach einem kurzen Intermezzo als Mitarbeiter an der Forenischen Psychiatrie der Freien Universität in Berlin folgte eine Zeit der Orientierung mit längeren Aufenthalten in Süditalien. 1984 begann der junge Literat mit dem regelmäßigen Verfassen von Romanen. Sein erster Roman “Die Sünden der Faulheit” erschien 1987 im Züricher Ammann Verlag. Entgegen anderen Romanautoren umfasst das literarische Schaffen des Schriftstellers zwar erst fünf Romane, eine Erzählung, ein Drehbuch sowie zuletzt eine Zusammenfassung seiner Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die im vergangenen Jahr im Frankfurter S. Fischer Verlag erschienen sind. Trotz dieses eher geringen Outputs ist die Kölner Auszeichnung nicht die erste.
Bereits 1992 erhielt Peltzer den Bremer Literaturpreis, 1996 und 1997 folgten der Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung und ein Jahr später der Anne Seghers-Preis. 1999 erhielt der Wahl-Berliner ein Arbeitsstipendium der Berliner Senatsverwaltung. Es folgten weitere Auszeichnungen und Arbeitsaufenthalte in Amsterdam und dem Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf. Seine letzte Auszeichnung erhielt der Literat im Jahr 2008 mit dem deutschen Literaturpreis der Stadtsparkasse Düsseldorf. 2008 wurde dem Schriftsteller zum zweiten Mal die Ehre zuteil, den Berliner Literaturpreis zu erhalten, diesmal verbunden mit einer Gastprofessur an der FU Berlin. Peltzer gilt als einfühlsamer Beobachter des Zeitgeschehens, das er eher durch die Wiedergabe von Bewusstseinsvorgängen als durch den auktorialen Erzähler wiedergibt. Auf Beschreibungen seiner Romanfiguren will der Erzähler aber dennoch nicht gänzlich verzichten, was den Autor auch für die Literaturwissenschaft zu einem hochspannenden Objekt der Beschäftigung macht.
Oberbürgermeister Jürgen Roters begann in seiner Lobrede mit einem Zitat von Marcel Beyer. “Ulrich Peltzer begreift die klassische Moderne als ein Werkzeug zur hellsichtigen, unbestechlichen und sprachbewussten Analyse unserer Gegenwart. Für ihn liegt das Politische nicht zuletzt in der sprachlichen Genauigkeit, und diese Einsicht macht ihn zu einem Erzähler von europäischen Rang.” Der Hausherr lobte den “unermüdlichen Chronisten unserer Zeit” , von dem sicher noch weitere Highlights zu lesen sein werden. Auch der offizielle Laudator und Literaturkritiker Dr. Helmut Böttiger fand auf der Veranstaltung viel Gutes in der Person des Preisträgers und seinem literarischen Schaffen. Der verglich den Preisträger gleich zu Beginn seiner Rede mit einem der Größten seiner Zunft, dem genialen Schriftsteller Franz Kafka. Die Protagonisten seiner Romane stehen in “spürbaren Widersprüchen: ein hoher intellektueller Ansprich auf der einen Seite, auf der anderen aber die krude Notwendigkeit, sich durch mehr oder weniger zufällige Teilzeitjobs über Wasser zu halten”.
Dabei behält der Autor aber immer die gesellschaftlichen Dimensionen im Blick, was seine literarischen Werke zu feinsinnigen und realistischen Abbildern der Lebensrealität von immer mehr Menschen hat. Schon in seinem ersten Roman bildete der Autor dabei ein Phänomen ab, das erst Jahrzehnte später mit der Bezeichnung “prekäre Arbeit” Einzug auch in die politische Diskussion der modernen Arbeitswelt Einzug hielt. Dabei grenzt er sich auf eine nachdrückliche Art von der Pop-Ideologie der jeweiligen Gegenwart ab, was ihn zu einem Gegenpol der allzu häufig eher “oberflächlichen Propagandisten des Gegenwärtigen” macht, so der Schriftsteller Böttiger über seinen Künstlerkollegen. Seine präzise Sprache schafft es dabei, die Figuren seiner Romane ohne endlose Beschreibungen anhand kleiner Details zu charakterisieren. Dabei arbeitet er “mit schnellen Schnitten, mit Filmtechniken und knappen Dialogen”. Das der Autor dabei auch ein sensibles Bild seiner Wahlheimat Berlin und seinen akademischen Zirkeln zeichnet, ist eher ein Nebeneffekt. Im Mittelpunkt seiner Erzählungen und Handlungen steht immer der Mensch, wie Böttiger anhand seiner Romanfiguren und ihrer literaturwissenschaftlichen Analysen beschrieb.
Eingerahmt wurde die Veranstaltung durch die Pianistin Elnara Ismailova, die Werke von Kara Karajev (“Sieben Präludien”) und Boris Blacher (“Ornamente – Sieben Studien über variable Metren”) zum Besten gab.
Eine Zusammenfassung des literarischen Wirkens und seiner Würdigungen finden sie im Internet unter: www.literaturport.de.


























