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23. 05. 2012
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Kölner Institut kritisiert Geheimhaltung von nützlichen Therapien


18.05.2010 22:21 von:

Schlagwörter: Köln,Kritik,Medizinforschung,IQEiG,Institut,Gesundheitswesen,Geheimhaltung,Aufsa

Trotz des wissenschaftlichen Austausches, zahlreicher Fachpublikationen und Kongresse und den Bemühungen um eine zentrale Erfassung von Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten, herrscht auf dem Gebiet der Medizin noch immer ein hohes Maß an Intransparenz. Das hat in dieser Woche das Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) angeprangert. In einer Presseerklärung machten die Kritiker aber auch deutlich, dass dieses Phänomen keineswegs neu sei. Schon die Erfindung der Geburtszange vor mehr als drei Jahrhunderten zeigt. Obwohl sich die Methode bereits nach kurzer Zeit als ausgesprochen nützlich erwies, wurde das Wissen darum von anderen Ärzten systematisch verschwiegen, zu Lasten der betroffenen Patienten und mit oftmals teuren Folgen. Die Erfindung der Brüder Chamberlen gehört zwar heute zur Grundausstattung einer jeden Geburtsstation. Aber zwischen der Erfindung der Zange und seiner flächendeckenden Nutzung lagen mehrere Jahrzehnte, wie die Experten des IQWiG herausfanden.

In einem Fachartikel in der Zeitschrift "Trials" haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kölner Instituts nun 60 Beispiele recherchiert und veröffentlicht, die die negativen Folgen der medizinischen Geheimniskrämerei dokumentieren sollen. Dabei analysierten sie mehrere hundert Fachartikel renommierter Zeitschriften. Die Beispiele von zurückgehaltenen Methoden und Therapien sind in nahezu allen Bereichen der Medizin zu finden, von der Psychiatrie über die Schmerztherapie bis hin zu Infektionskrankheiten. Entsprechend groß ist auch die Spannbreite der betroffenen Verfahren: Sie reicht von Arzneimitteln über Impfstoffe bis hin zu Medizinprodukten wie Ultraschallgeräten oder Hilfsmitteln zur Wundversorgung. Die Sammlung liest sich wie ein Skizzenbuch zu einer Krimiserie, betonte das Institut. In der Wissenschaft wird das Phänomen "publication bias" genannt, zu Deutsch etwa "Verzerrung durch selektives Veröffentlichen". Das geschieht auf zwei Ebenen. Auf der obersten Ebene bleiben ganze Studien unveröffentlicht: So zeigt eine Analyse von 90 neu in den USA zugelassenen Medikamenten, dass diese in insgesamt 900 Studien erprobt worden waren. Aber auch fünf Jahre nach der Zulassung waren immerhin 60 Prozent dieser Studien noch nicht veröffentlicht. Auf der zweiten Ebene werden nur ausgewählte Ergebnisse aus Studien publiziert: Forscher müssen heute vor Beginn einer Studie in einem so genannten Studienprotokoll aufschreiben, welche Ergebnisse sie messen wollen und wie diese ausgewertet werden. Vergleiche mit späteren Veröffentlichungen in Zeitschriften zeigen, dass in 40 bis 60 Prozent der Studien Ergebnisse entweder ganz weggelassen oder die Auswertungen geändert wurden.

"Dadurch werden Studienergebnisse oft positiver dargestellt als sie es eigentlich sind", erläuterte die stellvertretende Leiterin des Ressorts Arzneimittelbewertung beim IQWiG, Beate Wieseler. Das betrifft nicht nur pharmafinanzierte Studien. So zitieren die IQWiG-Mitarbeiter eine Analyse, in der 2000 Studien im Bereich Krebsmedizin nach Geldgebern getrennt ausgewertet wurden. Hier war der Anteil publizierter Studien extrem niedrig. Von den industriefinanzierten Projekten waren 94 Prozent nicht veröffentlicht, selbst von den durch Universitäten finanzierten Projekten fehlten 86 Prozent. "Auch Zulassungsbehörden sind aufgrund gesetzlicher Regelungen teilweise dazu gezwungen Daten zurückzuhalten", erklärte der Leiter des IQWiG-Ressorts, Thomas Kaiser. Das kann bisweilen gravierende Konsequenzen für betroffenen Patienten nach sich ziehen. So beobachteten die Experten des Kölner Instituts unter anderem, dass negative Nachrichten oder Misserfolge bestimmter Therapien oder Wirkstoffe ebenfalls unveröffentlicht bleiben. "Die Folge ist, dass Ärzte und Patienten Therapien einsetzen, die in Wahrheit nutzlos oder sogar schädlich sind", so Wieseler. Forscher schätzen zum Beispiel, dass in den 1980er Jahren verschriebene Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen zehntausende Menschen das Leben gekostet haben, weil frühe Hinweise auf gefährliche Nebenwirkungen nicht veröffentlicht wurden. Auslöser für die Suche der IQWiG-Mitarbeiter nach dokumentierten Beispielen für "publication bias" waren die eigenen Erfahrungen, die das Institut in der täglichen Arbeit macht, zuletzt beispielsweise bei der Bewertung des Medikaments Reboxetin zur Behandlung von Depressionen. Hier hat das Pharmaunternehmen Pfizer dem IQWiG erst unter öffentlichem Druck Studien zur Verfügung gestellt, die es bis dahin unter Verschluss gehalten hatte.

"Über viele Jahre wurden Patientinnen und Patienten, aber auch Ärztinnen und Ärzte getäuscht", so Wieseler weiter. Die in "Trials" veröffentlichte Fallsammlung zeigt, dass die Neigung, unliebsame oder nicht den eigenen Erwartungen entsprechende Ergebnisse unter den Tisch fallen zu lassen, so weit verbreitet ist, dass Appelle und Vorschläge freiwilliger Lösungen das Problem nicht wirksam beheben können. "Die zunehmende Anmeldung von Studien in öffentlichen Registern ist ein wichtiger erster Schritt. Wir brauchen aber zum Schutz von Patienten gesetzliche Regelungen, damit Ergebnisse aller klinischen Studien zügig und vollständig veröffentlicht werden", fordert Kaiser. Im Falle der Geburtszange gibt es inzwischen Entwarnung, das Instrument ist aus den Kreissälen der Republik nicht mehr wegzudenken. Aber, und auch das zeigt die nun veröffentlichte Studie, es hat Jahrzehnte gedauert.







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