23. 05. 2012
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In Köln-Nippes funktioniert rheinische Integration
"Nippes Pur", so lautet der Name einer Untersuchung des Bonner Amtes für Rheinische Landeskunde des Landschaftsverbands Rheinland. Die Verantwortlichen stellten gestern die dazugehörigen Bilder der wissenschaftlichen Arbeit von Volkskundlerin Gabriele Dafft vor. Die wissenschaftliche Referentin bei der Bonner Institution des LVR hatte in ihrer Untersuchung den Ansatz ein Positivbeispiel für gelungene Integration von Menschen verschiedener Herkunft kleinräumig unter die Lupe zu nehmen. Mitten in den Feiern der Interkulturellen Woche, die derzeit in der Domstadt an verschiedenen Spielorten stattfindet, präsentierte der Landschaftsverband im eigenen Haus die Visualisierung dessen, was empirisch-wissenschaftlich die Basis für ein friedliches Zusammenleben in einem "multi-kulturellen Stadtteil" darstellt. "Integration fängt in den Köpfen an und findet im Alltäglichen statt", fasste der Leiter des LVR-Instituts für Landeskunde und Regionalgeschichte, Dr. Eckhard Bolenz, die empirischen Ergebnisse der Milieustudie zusammen. Auch wenn die Untersuchung keinen sozialen Brennpunkt analysierte und durch ihre Ausrichtung auf die Darstellung positiver Beispiele nicht den allerstrengsten wissenschaftlichen Anforderungen entspricht, liefert sie seiner Ansicht nach wichtige Erkenntnisse über Integration und die notwendigen Voraussetzungen.
Alltägliche Integration in Nippes
Dass Integration kein Wunschkonzert in Moll ist, musste auch die Autorin schnell erkennen. "Integration funktioniert nicht ohne Ecken und Kanten". Aber die drei "K"s – Kennen, Kommunikation und Kontakt – helfen über die vielen Klischees und Vorurteile hinweg, die in so mancher öffentlicher Diskussion gerne zum Besten gegeben werden. "Die Menschen in Nippes schimpfen und lamentieren auch, aber durch den alltäglichen Kontakt und das Gespräch entwickelt sich in vielen Fällen allmählich ein Miteinander. Und mit dem täglichen Kontakt im Café, beim Bäcker oder im Kiosk lernen sich die Menschen verschiedener Herkunft nach und nach kennen. Den "Einheimischen" hilft dabei sicherlich auch die rheinische Toleranz. "Köln war immer schon eine Migrations-Metropole", weiß Institutsleiter Bolenz. Dieses seit langem eingeübte Grundhaltung macht sicher einen Teil der in Nippes gewonnenen Erkenntnisse aus. Dafft nennt das die "innere Voraussetzung für Integration". An drei Aspekten lässt sich dieses Phänomen der rheinländischen Toleranz festmachen. "Ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn, die Neigung eigene Regeln nicht immer so ernst zu nehmen und schließlich die Fähigkeit, das Besondere und das Alltägliche zusammenzuführen", fasste Dafft das Wesentliche ihrer Studie zusammen. "Die Integrationsampel steht erst auf rot, dann auf gelb und springt schließlich auf Grün", ergänzte Bolenz diese Entwicklung.
Allerdings stellen Begegnungen zufälliger Art nur einen ersten Schritt zur Integration dar. Die Eindrücke und Einstellungen, die man gewinnt, müssen kontinuierlich eingeübt und damit gelebt werden. Davon zeugen auch die Bilder des Fotografen Thomas Scheidt, der sich mit der Autorin der Studie auf die Suche nach geeigneten Motiven machte. Herausgekommen ist eine Vielzahl an Menschen unterschiedlicher Kultur, die einander in Respekt und gegenseitiger Achtung begegnen. "Die Menschen belassen es nicht beim Schimpfen und Lamentieren, sie finden im Alltag zueinander. Die Welt sieht im direkten Kontakt ganz anders aus und das leben sie", weiß Volkskundlerin Dafft zu berichten. Eine Anekdote, die auf die Bonner Forscherin wie ein Schlüsselerlebnis wirkte, hatte sie auf dem Wilhelmsplatz mitten im Kern des Stadtteils. Als sie gemeinsam mit dem Fotografen auf Motivsuche war und eine geschlossene Hochzeitsgesellschaft entdeckte, erhielt sie nach kurzem Gespräch Zugang zu der Feier. "Das ist wie so viele andere auch ein Zufallsprodukt und doch anschaulicher und greifbarer Beleg für das Funktionieren von Integration", so Dafft abschließend.
Die Ausstellung "Integration auf Rheinisch" bleibt noch bis zum 20. November in Köln-Deutz. Bereits im Sommer waren die Bilder und Schautafeln im Bezirksrathaus Nippes zu sehen. Die Initiatoren wollen nach dem Abbau im Horion-Haus die Ausstellung an andere Orte bringen. Köln Nachrichten wird darüber berichten.
Das Buch zur Studie ist 112 Seiten schwer und ist im Kölner Greven Verlag erschienen. Der Kaufpreis beträgt 7,50 Euro (ISBN 978-3-7743-0410-9). Das Buch kann auch auf der Internetseite des Greven Verlags bestellt werden. Die Publikation findet sich in der Kategorie "Köln und Rheinland" im Verlagssortiment unter: www.greven-verlag.de.
Kommentar
Angesichts der heftiger werdenden Integrationsdebatte in Deutschland um eine angeblich gescheiterte Integration, Parallelgesellschaften und Islamismus, bieten Studie und Fotoausstellung den empirischen Gegenbeweis. Auch wenn die Wissenschaftlichkeit von den Forschern selbst in Frage gestellt wird, die vielen sonstigen Umfragen und angeblichen Erkenntnisse, erfüllen die strengen Kriterien mindestens gleichermaßen wenig. Und gerade bei einem so sensiblen und vielschichtigen Thema wie Integration ist diese Analyse des Lebens in einem Kölner Stadtteil eine Wohltat für all diejenigen, die sich in Foren als "Gutmenschen", "Idealisten" und "Unwissende" verspotten lassen müssen, wenn sie die Integrationsfähigkeit von Millionen Zugewanderter betonen und den Pauschalisten die Stirn bieten. Lieber wird aus einem jugendlichen S-Bahn-Schläger, der zufälligerweise dunkle Haare und einen türkischen Nachnamen trägt, ein Paradebeispiel für eben jene angeblich gescheiterte Integration, aus einem Extrem- der Regelfall. Und auch ein feiner Bundesbanker namens Sarrazin prügelt verbal lieber auf die "kleinen Kopftuchmädchen" ein, die zu Zehntausenden in Städten wie Berlin, Köln und anderswo in die Welt gesetzt werden und sich angeblich doch nicht integrieren lassen. Vielleicht sollte der feine Herr Sarrazin mal eine Woche in Nippes Quartier beziehen, bevor er solche Zoten in die Boulevardpresse schmeißt. In Köln-Nippes und den vielen anderen multi-ethnischen Stadtteilen deutscher Großstädte - nicht nur in Köln – sieht die Realität anders aus, und das wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten.Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wer der Parallelgesellschaft das Wort redet und bei jeder Gewalttat von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sofort Abschiebung und damit das Ende der grundgesetzlich garantierten Menschenrechte fordert, ist möglicherweise selbst Gefangener einer Mentalität, die offenbar so gar nicht zu Köln passt. Und offenbar reden diese Menschen nicht so gerne mit anderen, lieber igeln sie sich im Sud ihrer eigenen Vorurteile ein. Wie unglaublich zynisch klingt da der Begriff "pro Köln", der von einer Organisation benutzt wird, die sich auf die Fahnen schreibt, mit der Angst vor Überfremdung, Terror und Parallelwelten politisch "Kasse zu machen"? Noch viel bitterer: Fast 20.000 in Köln gemeldete Wahlberechtigte haben die Rechten gewählt. Eines aber ist klar: Pro Köln will keine Integration, sie benutzen zwar diesen Begriff, haben aber offenbar den tieferen Sinn dieses Wortes nicht verstanden, wie auch die Studie eindrucksvoll unter Beweis stellt. Pro Köln meint mit "Integration" Zwangsassimilierung oder gleich die Ausweisung und sie bedienen damit die Vorurteile und Ressentiments einer Minderheit in dieser Stadt. Genau das aber ist das Gegenteil von gelebter Demokratie und damit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.


























