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23. 05. 2012
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Köln: Experten diskutieren über Mehrsprachigkeit


22.01.2009 00:18 von:

Schlagwörter: Köln,Stadtbibliothek,Buchlesung,Experten,Diskussion,Mehrsprachigkeit

Es versprach ein spannender Abend zu werden und so lockte das Thema Mehrsprachigkeit rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörer in den großen Lesesaal der Kölner Stadtbibliothek. Nachdem die Autorin und freie Journalistin Gerda Pighin Passagen aus ihrem neuen Buch "Vernäht & Zugeflickst" vortrug, diskutierten Pighin, Moderator Detlef Heints und die beiden Linguisten Dr. Iman N. Laversuch und Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek mit dem Publikum über Chancen und Risiken einer so genannten bilingualen Erziehung. Um es direkt vorwegzunehmen: Mehrsprachigkeit ist weder Segen noch Fluch, wie der Untertitel der Veranstaltung ahnen lässt. Vielmehr müssen die Wissenschaftler einräumen, dass sie trotz neuer Untersuchungen und der daraus gewonnenen Erkenntnisse weit von einer allgemein gültigen Lösung entfernt sind. Allerdings räumten sie gemeinsam und durchaus kontrovers mit einigen hartnäckigen Vorurteilen auf, die in Deutschland noch immer weit verbreitet sind.

"Jede Sprache hat ihre eigenen Besonderheiten. Menschen zu zwingen, auf ihre Muttersprache zu verzichten, weil sie in ihrer Lebensumgebung weniger anerkannt ist, ist eine Vergewaltigung der Seele", so die These der gebürtigen US-Amerikanerin Laversuch. Die farbige Soziolinguistin, die sich derzeit in Köln mit ihrer Habilitationsstudie beschäftigt, plädiert dabei für eine strikte Ausrichtung auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder. "Unser Ziel sollte nicht Perfektion sein. Kinder sollten vielmehr die Möglichkeit erhalten, ihre Gefühle in der jeweils geforderten Sprache auszudrücken", erklärte die US-Forscherin, die nach eigenen Angaben "verliebt" in die deutsche Sprache ist. Angesichts der derzeitigen Diskussion um Sprachförderung von Migrantenkindern rät Laversuch zu mehr Ehrlichkeit. "Viele Kinder aus Zuwandererfamilien werden von ihren Eltern benutzt", so eine weitere provokante These der Sprachwissenschaftlerin. Die Probleme werden aber wohl kaum in wenigen Jahren zu lösen. Prof. Michael Becker-Mrotzek lobt daher auch die Einsicht vieler Bildungspolitiker, Zweisprachigkeit nicht mehr als Verwirrung zu verteufeln, sondern sie vielmehr durch vermehrte bilinguale Angebote sogar zu fördern. Allzu große Hoffnungen sollten sich die Verantwortlichen in Ländern und Kommunen aber nicht machen. So hat eine aktuelle Studie von Heidelberger Forschern gezeigt, dass man mit viel Aufwand auch nichts erreichen kann. Die Wissenschaftler hatten Kindergartenkinder auf ihre Leistungsfähigkeit in der Grundschule untersucht, nachdem sie zuvor von geschultem Personal im Kindergarten "gefördert" wurde. Das Ergebnis war eher ernüchternd. Becker-Mrotzek äußerte die Vermutung, dass die Erzieherinnen einen Crashkurs in Sachen Sprachförderung erhalten haben. "Sie haben wohl so etwas wie vorgezogenen Unterricht gegeben und die Kinder damit total eingeschüchtert", mutmaßt der Universitätsprofessor.

Oberziel: Kinder zum Sprechen bringen

Aus der Debatte, in der auch die Zuschauer Fragen stellten und Kommentare abgaben, kristallisierte sich recht schnell heraus, dass es die Ideallösung nicht geben wird. Allerdings gelte es, beim frühkindlichen Spracherwerb aus Elternsicht vor allem auf eines zu achten. Reichhaltige Kommunikation, egal in welcher Sprache. Selbst die mehrsprachige Erziehung von Kleinkindern nach dem Modell "Eine Person – eine Sprache" stellt die Kinder nicht vor Probleme. "Wir müssen die Kinder zum Sprechen bringen", fordert Becker-Mrotzek. Seiner Meinung nach ist die ethnische Herkunft der Kinder völlig unerheblich. "Es gibt auch deutsche Kinder, die Schwierigkeiten mit dem Spracherwerb haben. Viel entscheidender ist die soziale Herkunft", weiß der Sprachwissenschaftler. Es macht eben doch einen Unterschied, ob die Eltern ihrem Nachwuchs regelmäßige "Sprachbäder" gönnen, in denen die Kinder schon früh Sprache – und zwar menschliche – hören und aufnehmen können oder die Kleinen doch lieber vor einen Fernseher setzen, um ihre Ruhe zu haben, so der Konsens der Expertenrunde. Und wer glaubt, dass Erzieher(innen) ohne akademische Ausbildung auskommen können, sollte solch leichtfertiges Gedankengut ebenfalls noch mal überdenken, forderte Becker-Mrotzek. Auf gar keinen Fall sollten sich Lehrer dazu aufschwingen, ihren Schülerinnen und Schülern aufzutragen, in ihrem familiären Umfeld nur noch "Deutsch" zu sprechen. "Dazu haben sie kein Recht", ergänzt Laversuch abschließend.







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