24. 05. 2012
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Studie: Junge Türkinnen sind selbstbewusst und gut integriert
Junge Türkinnen sind selbstbewusst und gut integriert. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Universität Würzburg. Das landläufige Vorurteil, dass Mädchen und junge Frauen auf ein Leben als Hausfrau und Mutter am eigenen Herd "brennen", stimmt nicht mehr. In Sachen Freizeitgestaltung und Zukunft weichen die Aussagen der befragten jungen Türkinnen erheblich von diesem Klischee ab. "Erstaunlich dabei ist, dass die Mädchen ihren türkischen Altersgenossen teilweise weit voraus sind", sagt Studienleiter Professor Heinz Reinders, Inhaber des Lehrstuhls Empirische Bildungsforschung an der Universität Würzburg. Der Wissenschaftler hat 430 türkische Mädchen im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren und 400 türkischen Jungen gleichen Alters befragt. Die Erhebung geschah über einen Zeitraum von drei Jahren an Hauptschulen im Rhein-Necker-Gebiet. Junge Türkinnen fordern gegenüber ihren Eltern fast durchweg mehr Selbstständigkeit ein als die Jungen. In einigen Bereichen, etwa bei der Freizeitgestaltung, sind die Unterschiede weniger deutlich, in anderen hingegen sind sie vergleichsweise groß, zum Beispiel in Sachen Berufswahl.
So gaben mehr als drei Viertel (77 Prozent) aller befragten jungen Frauen an, sie wollen sich ihre Freunde und Bekannten selbst auswählen. Bei türkischen Jungen ist dieser Drang etwas geringer ausgeprägt, hier erklärten dies nur 72 Prozent. Bei der Freizeitgestaltung lassen sich rund zwei Drittel (67 Prozent) der Befragten ungern hineinreden, auch hier sind die Türkinnen ihren männlichen Altersgenossen etwas voraus, bei den Männern unterschrieben 59 Prozent diese Aussage. Etwas deutlicher wird der Abstand zwischen Frauen und Männern bei der Frage der Autonomie in Familienangelegenheiten. 75 Prozent der jungen Frauen wollen selbst entscheiden, ob sie an Familienfeiern teilnehmen, nur 65 Prozent der jungen Türken pochen hier auf ihre Unabhängigkeit. Daraus lässt sich nach Meinung der Autoren zwar noch nicht ableiten, ob die jungen Türkinnen tatsächlich unabhängig sind, aber der Drang ist klar feststellbar. "Da findet eine kleine Revolution statt", kommentierte Reinders das Ergebnis der Würzburger Studie.
So vertreten beispielsweise 85 Prozent der jungen Türkinnen ein Recht auf eine eigene Meinung, auch und gerade gegenüber der Elterngeneration. Bei den türkischen Jungen gilt dies nur für etwas mehr als drei Viertel der Befragten (76 Prozent). Auch bei den Vorschlägen fürs Familienleben zeigen sich die jungen Frauen mutiger. Diese Aussage gilt für 81 Prozent der jungen Frauen, aber nur für 74 Prozent der jungen Männer. Dabei – und auch das überraschte die Autoren – sind die Mädchen bei der Durchsetzung ihrer Vorschläge deutlich erfolgreicher als die Jungen. Gegenüber den Eltern haben junge Türkinnen deutlich seltener großen Streit als bei den jungen Männern. Bei der Berufswahl wird dieses Phänomen besonders deutlich. Hier lassen sich 77 Prozent der Befragten nicht hineinreden, bei den jungen Türken sind dies gerade mal 62 Prozent. Das Thema Traumberuf scheint dabei allerdings seltener Ursache für familiären Streit zu sein. Bei beiden Geschlechter berichteten lediglich zwölf Prozent von Auseinandersetzungen mit den Eltern wegen der Berufswahl. "Beim Ablöseprozess von den Eltern unterscheiden sich türkische und deutsche Mädchen gar nicht mehr so stark voneinander. Auch in deutschen Familien haben die Mädchen gegenüber den Jungen die Nase vorn", erläuterte Reinders. Der Würzburger Erziehungswissenschaftler sieht hier Zusammenhänge zur Integration, die bei türkischen Mädchen offenbar größer ist als bei Jungen. Der Wunsch, ins Herkunftsland zurückzukehren, sei bei den Mädchen mit elf Prozent geringer ausgeprägt als bei den Jungen (15 Prozent). Auch scheinen die Mädchen im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen lockerer zu sein: 78 Prozent von ihnen sprechen sich eine hohe interkulturelle Offenheit zu, bei den Jungen tun das nur 69 Prozent.
"Das Erstaunliche an den Ergebnissen ist die Normalität. Türkische Jungen brauchen ebenso wie deutsche Jungen generell etwas länger, um sich von der Familie zu lösen. Mädchen sind offenbar besser integriert, was ihre Abnabelung leicht zu beschleunigen scheint", so die Erkenntnis der Autoren. Das Fazit des Studienleiters fällt eindeutig aus: "Wenn sie denn jemals in der Mehrheit waren, dann sind zurückhaltende türkische Mädchen deutlich seltener anzutreffen als selbstbewusste und gut integrierte junge Türkinnen." An diesem Phänomen ändern auch die jüngst geschehenen Verbrechen nichts, bei denen junge Frauen mit türkischem Zuwanderungshintergrund immer wieder wegen ihrer Unabhängigkeit mit Gewaltandrohung oder tatsächlicher Gewalt konfrontiert werden. Das sind eher Einzelfälle, die am grundsätzlichen Trend zunehmender Offen- und Unabhängigkeit der jungen Türkinnen wenig ändern können.


























