24. 05. 2012
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Wer russisch singt, kann bald auch Deutsch
(js) Marika spricht nicht gern. Das ist schlecht für ihre Sprachentwicklung. Doch Marika (Name geändert) singt gern. Und das ist gut für ihre Sprachentwicklung. Irina Streltsova ist glücklich, weil sie helfen kann, der Vierjährigen ihre russische Muttersprache näher zu bringen – und damit auch die Grundlagen für gutes Deutsch legen kann. Als Vorleserin für Russisch kommt die Musiklehrerin und Sozialpädagogin in ihrer Freizeit einmal jede Woche in die Kindertagesstätte des Familienzentrums in der Stegerwaldsiedlung. Genau wie Nataya Arslan, die regelmäßig türkische Geschichten vorliest, singt und spielt.
Beide sind Teil des Projekts "Unsere Omas und Opas erzählen in vielen Sprachen". Wissenschaftliche Grundlage dafür ist die Tatsache, dass Kinder von Migranten die Sprache ihres "Gastlandes" und später auch weitere Sprachen um so besser lernen, je besser sie ihre Muttersprache beherrschen – Mehrsprachigkeit als Chance etwa im Beruf. "Eine Erkenntnis, die sich in der Öffentlichkeit allerdings noch nicht durchgesetzt hat", so Axel Bitterlich von der Universität Köln. Stattdessen werde die Sprache der Eltern oft als zweitklassig disqualifiziert. Die Folge: Die Kinder sprechen oft keine Sprache richtig. Dies soll durch die Vorlesestunden in der Muttersprache geändert werden, wobei auch gesungen, gespielt und gebastelt wird. "Die Kinder erfahren dabei, dass auch ihre Erstsprache wertgeschätzt wird", sagt Piraya Yesitas-Touré, die das Projekt des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften in Köln betreut. Gleiches gelte auch für die vorlesenden Migrantinnen und Migranten – angesprochen werden vor allem Ältere –, die zudem ihre Erfahrungen und ihr Wissen z.B. von alten Kinderreimen weitergeben können.
Der Verband beschäftigt sich schon lange mit den Problemen der Zweisprachigkeit, die nicht zuletzt eine große Chance ist. Er entwickelte das Projekt, das in Nordrhein-Westfalen mit 30.000 Euro vom Bundesfamilienministerium gefördert wird, gezahlt werden davon u.a. Fahrtkosten, Aufwandsentschädigungen und Qualifizierung der Vorleserinnen, die Türkisch, Russisch, Arabisch und Französisch anbieten. Drei NRW-Städte nehmen derzeit daran teil, Darunter Köln mit sechs Kitas, die sich acht Vorleser "teilen". Als Marion Lonczewski davon erfuhr, griff sie sofort zu. "Wir hatten schon eine Deutsche, die ehrenamtlich vorlas – allerdings nur deutsch. Das reichte uns uns aber nicht, weil viele unserer Kinder einen Migrationshintergrund haben." Seit Anfang November kann sie nun Irina Streltsova und Nataya Arslan in ihrer Kita begrüßen. Angelegt ist das Projekt auf ein Jahr, für die Zeit danach werden noch Sponsoren gesucht.
Der Projektname "Unsere Omas und Opas erzählen in vielen Sprachen" ruft bei den beiden Vorleserinnen allerdings nur Lachen hervor. "Hoffentlich werden wir bald Oma", sagen sie. Streltsova ist 50 Jahre und zwei erwachsene Kinder. Arslan erst 39, hat vier Kinder im Alter von 5 bis 19 Jahren. In der Türkei hat sie Wirtschaft studiert, was hier aber nicht anerkannt wurde. Sie kennt viele traditionelle türkische Kinderreime und Kinderlieder. Etwa das von dem kleinen Vogel, den ein Mädchen vor der Kälte rettet – ein Lied, das beim Singen von zahlreichen Gesten begleitet wird. "Ich will meine Kultur weitergeben, leider tun das viele Eltern nicht", sagt sie. Dass beide auch hervorragend Deutsch sprechen, sei nur der Vollständigkeit erwähnt.


























