Mehrsprachigkeit kann nicht früh genug beginnen
31-05-2008 00:00:00
Und prominente Unterstützung konnten sich die Veranstalter, das Zentrum
für Sprachenvielfalt und Mehrsprachigkeit an der Universität zu Köln,
die Türkisch-Deutsche Industrie- und Handelskammer ID-IHK sowie die
Landesarbeitsgemeinschaften der kommunalen Migrantenvertretungen (LAGA)
NRW auch für sich gewinnen. In der Podiumsdiskussion am heutigen
Vormittag waren unter anderem die WDR-Moderatorin Asli Sevindim
(zugleich künstlerische Direktorin der Ruhr 2010), Alpin Harrenkamp
(Koordinatorin bei Ford für den Bereich Aus- und Weiterbildung), der
Vorsitzende der LAGA NRW und des Kölner Integrationsrates Tayfun Keltek
sowie der stellvertretende Vorsitzende des Landtagsausschusses für
Schule und Weiterbildung im Düsseldorfer Landtag Michael Solf anwesend.
Dabei forderten die Diskussionsteilnehmer übereinstimmend mehr
Anstrengungen, um Mehrsprachigkeit zum Normalfall zu machen. Selbst
CDU-Landtagspolitiker Solf sprach sich für die Einführung von
muttersprachlichen Unterricht aus. Integrationspolitiker Keltek, der
bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten in verschiedenen Positionen den
politischen Prozess intensiv verfolgt, sprach in diesem Zusammenhang
von einer gewissen „Beratungsresistenz“ der Landesregierung.
Einsprachigkeit ein Zeichen von „verarmten Milieus“
Auch vonseiten der Wissenschaft erhalten die Befürworter einer
mehrsprachigen Förderung Rückenwind. Universitäts-Professorin Claudia
Röhl, Vorsitzende des Zentrums für Sprachenvielfalt und
Mehrsprachigkeit, erläutert, dass das kindliche Gehirn von seinen
physiologischen Voraussetzungen auf Mehrsprachigkeit angelegt ist.
Untersuchungen hatten bei mehrsprachig aufgewachsenen Kindern
verstärkte Hirnaktivitäten in den für Sprache zuständigen Arealen
festgestellt. Einsprachig erzogene Kinder hingegen haben hier deutlich
weniger Aktivitäten. Die Voraussetzungen sind also längst vorhanden,
allerdings gebe es in Deutschland noch immer zu viele Bremser, wie
Riehl andeutete. Die streitbare wie energische Professorin setzt sich
schon seit langem für Mehrsprachigkeit im Vorschulalter ein. Dabei
sollte man nicht immer nur auf „Modesprachen“ wie Englisch oder
Französisch setzen. „Kinder sollten die Sprachen erlernen, die auch in
ihrem Umfeld gesprochen werden“, so die provokante These der
Sprachwissenschaftlerin, die für Vorschläge wie diesen bereits in den
Jahren zuvor teilweise hart attackiert wurde. Wichtig sei es nun, die
Multiplikatoren zu schulen.
Nordrhein-Westfalen steht in Sachen Fortschrittlichkeit keineswegs
schlecht da. Vor allem in den Ballungsräumen tut sich etwas. Schon im
kommenden Schuljahr könnte der erste deutsch-türkische Grundschulzug
eingeführt werden. Im Gespräch ist eine Primarschule im Kölner
Stadtteil Bickendorf, dessen Lehrerkollegium der Idee ausgesprochen
aufgeschlossen ist. Sprachexperten Riehl geht aber noch einen Schritt
weiter. Anhand des Beispiels „Ruetli-Campus“ sollte man
Mehrsprachigkeit in der gesamten Bildungskette, angefangen von der
Kindertagesstätte über die Grund- bis hin zu den weiterführenden
Schulen, einführen. Auch diese Idee der Professorin dürfte für Unmut
bei ihren Gegnern sorgen. Aber das hält sie nicht davon ab, ihre
Forderungen aufrecht zu erhalten, immerhin hat sich ihrer Auffassung
nach auch das Bewusstsein für Mehrsprachigkeit in den vergangenen
Monaten zugenommen.
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