25. 05. 2012
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Taunusstraße wird zum HID
Das Land Nordrhein-Westfalen hat im Zuge der Diskussionen um die Revitalisierung und Belebung von Einkaufsstraßen nun den eigenen Blick auf Wohnviertel ausgeweitet. Konkret geht es um das Konzept, den Immobilieneigentümern vor Ort mehr Eigeninitiative und damit mehr Entscheidungsfreiräume einzuräumen. Anhand von drei Modellprojekten will die Landesregierung in den kommenden Wochen und Monaten prüfen, ob die Erfahrungen eine Gesetzesänderung bzw. Ausweitung der bereits bestehenden Gesetzes für Immobilien-Standortgemeinschaften (ISG) notwendig machen. Eines der drei Modellprojekte in NRW liegt dabei im Kölner Osten, genauer in der Taunusstraße im Kölner Stadtteil Humboldt-Gremberg. Die dortige Interessengemeinschaft hatte zusammen mit dem Dezernat für Stadtentwicklung zu einem Rundgang durch das Viertel geladen. Eine direkte finanzielle Unterstützung gibt es zwar nicht, was beide Seiten – Stadt und Immobilieneigentümer ausdrücklich bedauern – ausdrücklich bedauern. Auch die finanziellen Möglichkeiten der Stadt Köln sind daher eingeschränkt. Zwar soll es nach dem Willen der Verwaltung zukünftig eine zusätzliche Stelle im Dezernat geben, der sich um die Zentren kümmern soll. Davon gibt es in Köln aber über 80, entsprechend gering sind die Kapazitäten. Eine andere Lösung muss her und die hat in der Taunusstraße gute Chancen. Schließlich üben sich die Immobilieneigentümer bereits seit Mai vergangenen Jahres in regelmäßigen Treffen um eine interne Abstimmung. Und in der Tat gibt es einige Ansatzpunkte, die auch ohne Landesgesetz bereits in Angriff genommen werden können.
Chancen und Möglichkeiten sehen
Die Stimmung des Treffens war durchaus konstruktiv. Und die Taunusstraße im Stadtteil Humboldt-Gremberg ist dabei trotz eines relativ hohen Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund alles andere als ein Problembezirk. "Wenn man so hier durchgeht, ist es eigentlich eine sehr schöne Straße", meint Julius Knappertsbusch von der Interessengemeinschaft Taunusstraße. Er und seine Vorstandskollege Stefan Schotters sind zugleich auch Immobilienbesitzer. "Wir haben ein Interesse daran, dass das Wohnumfeld rund um die Taunusstraße verbessert wird. Das geht aber nur in kleinen Schritten", erklärte Schotters beim heutigen Presserundgang. Alleine das Entrée der Taunusstraße von Süden her bietet ein Bild städtebaulicher Sünden. Gleich mehrere Müllcontainer, Stromkästen und anderer undefinierter Zweckaufbauten stören den eigentlich geräumigen Blick in die Taunusstraße. Wenn hier kein Markt ist, sieht es wirklich nicht schön aus. Stromkasten und Zweckaufbau sind mit Graffiti beschmiert, aus den Mülleimer im begrünten Eingangsbereich quillt der Müll, ein schönes Wohnumfeld sieht jedenfalls anders aus, meinen die Anwohner. Stadtentwicklungsdezernent Bernd Streitberger nahm diesen Ball auf und sicher zu, die beklagten Missstände bei den nächsten Amtsleitertreffen anzusprechen. "Wir werden schauen, dass wir unsere Aktivitäten koordinieren", versicherte der Beigeordnete. Auch er glaubt, dass nur eine "Politik der kleinen Schritte" den Stadtteil wirklich weiterbringt. Immerhin gibt es schon eine Entwicklung, die von allen Seiten begrüßt wurde. Der Junkiebund, der hier seine rechtsrheinische Niederlassung betrieb, ist in den benachbarten Stadtteil Kalk umgezogen. Damit waren die Initiatoren des Projekts "HID" mit einem Schlag eine schwierige Klientel los und das habe sich positiv auf das Wohnumfeld ausgewirkt, erklärten die Anlieger.
Humboldt-Gremberg – ein bunter Stadtteil
Ein Blick auf das Sortiment der angesiedelten Geschäfte zeigt, dass die Taunusstraße durchaus den Status eines funktionierenden Nahversorgungszentrums hat. Viele Bäckereien, Imbisse und Obstgeschäfte säumen den Weg. Deutsche Ladenbesitzer leben friedlich mit ihren Nachbarn mit Migrationshintergrund zusammen, manchmal haben die Kontakte zwischen Gästen verschiedener Nationalitäten sogar etwas Kultiges, wie die Initiatoren berichteten. Und auch in der Interessengemeinschaft selbst engagieren sich Immobilienbesitzer wie der türkeistämmige Alpaslan Öztoprak. Er kam vor 16 Jahren ins Viertel und lebt seit acht Jahren in seiner eigenen Immobilie an der Taunusstraße. "Wir haben die gleichen Interessen. Wo ich wohne, will ich mich auch wohlfühlen", beschreibt Öztoprak sein Interesse. Allerdings bemängelt er wie auch seine Mitstreiter von der IG, dass es vor allem an kleinen Wohnungen fehlt. In direkter Nachbarschaft liegt die Fachhochschule mit ihren 16.000 Studierenden. Auch wenn die FH möglicherweise mit einem Großteil ihrer Fakultäten in ein paar Jahren auf die andere Rheinseite wechselt, erhoffen sich die Initiatoren viel vom Flair der jungen Studierenden. Doch bislang haben erst wenige Immobilienbesitzer Wohngemeinschaften in ihren Häusern zugelassen. "Wir müssen hier Vertrauen aufbauen und sehen die Zusammenarbeit mit den Immobilienbesitzern als langfristigen Ansatz", betonte Knappertsbusch. Auch sein Vorstandskollege Schotters weiß von der teilweise schwierigen Mieterklientel, die bereits im Viertel lebt. "Ich will aber nicht mit dem Finger auf die Immobilienbesitzer zeigen. Vielmehr wollen wir gemeinsam die Hausbesitzer beraten, sich Gedanken zu machen", erklärte der Interessenvertreter weiter. Gleiches gilt für leerstehende Ladengeschäfte, beim Rundgang selbst fielen gleich zwei Ladenlokale auf, die aufgrund ihres Leerstandes nicht gerade Begeisterung auslösten. Dezernent Streitberger brachte hier das Beispiel Leipzig ins Spiel, dort haben Kulturschaffende die leerstehenden Flächen mit Leben gefüllt und damit Flair in einige Stadtteile gebracht, berichtet der Verwaltungsfachmann. Auch das könnte ein möglicher Lösungsansatz sein, um der Taunusstraße einen zusätzlichen Impuls zu geben.
Kommentar
Als ich heute um 10:30 Uhr zum vereinbarten Treffpunkt fuhr, war der Kopf voller Vorurteile. Humboldt-Gremberg ist ein Problemstadtteil, sozial schwach mit hoher Kriminalität und geringer Aufenthaltsqualität. Schließlich liegt auch die Taunusstraße inmitten einer von inzwischen elf Kölner Sozialräumen. Und weil ich selbst kaum persönliche Bezüge zu diesem Viertel habe, sucht man sich halt Stereotype. Hinzu kam, dass genau an diesem Donnerstag die AWB kurz vor ihrer Reinigungsrunde stand, überall am Straßenrand übervolle Mülltonnen. Dazu hin und wieder ein betrunkener Obdachloser mit Bierflasche und der obligatorische Jungmann südländischen Aussehens, im tiefergelegten Sportwagen mit lauter Hip-Hop-Musik. Kurzum: Die Taunusstraße sah nicht gerade einladend aus, eher wie eine Hauptstraße mit rückläufiger Attraktivität. Wie gesagt, voller Vorurteile ging es hinein.
Aber dann schilderten die Menschen, die hier wohnen, die gelebte Realität. Sie reden von marokkanischen Geschäftsinhabern, die nach der Arbeit in das türkische Café gegenüber gehen, um dort gemeinsam mit ihren deutschen Nachbarn über Köln und die Welt zu reden, manchmal auch über die Straßenseite hinweg. Man erfährt etwas über ein Modellprojekt, dass zwar kein Geld vom Land dafür aber Unterstützung und viel Vorschusslorbeeren bekommt, ohne dass diese Nachricht jemals auf den Titelseiten der großen Leitmedien zu lesen sein wird. Und dann unterhält man sich mit einem türkeistämmigen Immobilienbesitzer und erfährt, dass die Herkunft eines Hauseigentümer nun wirklich überhaupt keinen Einfluss auf die Interessenlage hat. Und dann war da noch ein Stadtentwicklungsdezernent, der in beeindruckender Offenheit die Zusicherung abgab, seine Verwaltung darauf trimmen zu wollen, zukünftig keine bürokratischen Hürden in den Weg zu legen, wenn es darum geht mit kleinen Schritten das Wohnumfeld verbessern zu wollen. Kurzum: Die Taunusstraße ist ein Paradebeispiel für gelebte Integration und hoffentlich ein Vorzeigeprojekt für alle anderen Stadtteile mit ähnlichen Problemlagen.
Was die eigenen Vorurteile angeht. Als ich mich wieder auf meinen Drahtesel schwang, um zum nächsten Termin zu radeln, waren sie verschwunden. Diese Straße, an der ich sonst schnell vorbeifuhr, werde ich sicher noch mal besuchen. Von wegen Sozialraum gleich Problemstadtteil. Hier leben zwar viele Menschen mit Migrationshintergrund und vielleicht sogar überdurchschnittlich viele Leistungsempfänger. Aber gerade das macht doch den Flair einer multi-ethnischen Gesellschaft aus. Viel wichtiger aber war, dass die Initiatoren eine Vision von einem besseren Stadtteil glaubhaft dargelegt haben. Wenn jetzt noch das Sahnehäubchen mit dem Einzug von Studierenden und Künstlern und vielleicht sogar noch ein Stadtteilfest hinzukommt, dann wirkt dieser Ort auf mich viel Kölscher als die auf Hochglanz polierten Einkaufsmeilen und "Leuchttürme" in der Kölner Innenstadt.

























