25. 05. 2012
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Der Waidmarkt – ein exemplarisches Stück Köln
(ehu) Der Maler Anton Räderscheidt wohnte hier. Die Widerstandskämpferin Freya von Moltke. Im Polizeipräsidium arbeitete in den frühen 1950er Jahren Kriminalkommissar Oskar Wenzky, unter den Nazis an der Deportation holländischer Juden beteiligt. Trude Herr sang in der „Barberina“. Der Waidmarkt war Verkehrsknotenpunkt, und das schon seit Römerzeiten. Hier hatten Handwerker ihre Werkstatt. Kirchen säumten ihn. Wie unter einer Lupe lässt sich die bunte und widersprüchliche Geschichte Kölns am Waidmarkt ablesen. Eine Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum erzählt sie jetzt mit vielen Exponaten.
„Drunter und drüber“ ist ihr programmatischer Titel. Im Erdgeschoss des Museums ist zu sehen, was die Archäologen seit über 100 Jahren dort aus dem Boden geholt haben – alles aus den beständen des Römisch-Germanischen Museums. Im Ausstellungssaal zeigt das Stadtmuseum, was sich in seinem Magazin dazu gefunden hat. Zwar haben sich beide Häuser in der Vergangenheit regelmäßig ausgetauscht, doch dies ist die erste gemeinsame Ausstellung. Weitere mit diesem Ansatz sollen folgen.
Der Platz hat seinen NAmen von den Tuchfärbern, die einst hier arbeiteten
Die Exponate zeigen, dass der Waidmarkt und seine nähere Umgebung schon immer ein Ort geschäftigen Lebens war. Nicht umsonst hat er seinen Namen von den Färbern, die hier im Mittelalter mit Waid dem Tuch seine blaue Farbe gaben. Der Pflanzenstoff entfaltetet seine volle Wirkung allerdings erst nach dem Einweichen in reichlich Urin. Den lieferten die Handwerker – es muss unheimlich gestunken haben.
Parfumeur Uwe Manasse hat diesen Geruch nachgebildet. Hebt man die Klappe eines kleinen Kästchens hoch und steckt die Nase hinein, fühlt man sich in diese Zeiten zurückversetzt. Aber auch Wohlriechendes gibt es zu riechen, schließlich hatte hier auch der Kölnisch-Wasser-Produzent Farina seine erste Produktionsstätte.
Schon zu Römerzeiten gab es Produktpiraterie – und das auch in Köln
Zur Römerzeit arbeiteten hier unter anderem Metallhandwerker und Töpfer. Einer von ihnen betrieb schon Produktpiraterie und zeichnete seine lackierten Tonwaren mit einem Stempel, der eigentlich der „terra sigilata“ aus Italien vorbehalten war. Vor allem aus den Kloaken und Latrinen konnten zahlreiche Tonkrüge, Essgefäße und andere Objekte geborgen werden. Jüngste Fundstücke erinnern an die Zerstörung des Zweiten Weltkriegs. In den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs fiel eine Fliegerbombe auf eine Straßenbahn, sie forderte 41 Tote.
Dass die KVB hier ihre Ursprünge hatte, war selbst dem Verkehrsbetrieb lange unbekannt. Hier hatte ihre Vorgängerin, die belgische „Societe Anonyme du Tramway du Cologne“, VB ab 1885 ihren „Hauptbahnhof“, das Depot bot 130 Pferde und 65 Wagen Platz. Schon früh passierte der Rosenmontagszug diesen Ort, und seit 1594 ist hier eine Wache nachweisbar. Klar, dass die Preußen hier 1840 auch die „Alte Wache“ bauten, Vorläufer des späteren Polizeipräsidiums.
Direkt vor dem Polizeipräsidium hatten Homosexuelle ihren Treffpunkt
Mit ihm verbindet sich auch ein moralisch-politischer Skandal. 1966 stürmten Polizisten das öffentliche unterirdische Pissoir vor dem Präsidium. Es war Treffpunkt von Homosexuellen, die damals noch den Paragrafen 175 zu fürchten hatten. Zwar konnten sie niemanden in flagranti beim unerlaubten Tun erwischen, wohl aber den Regierungspräsidenten Grobben – den kostete die Affäre das Amt. Die Leuchtschrift „Herren“ konnte gerettet werden und ist jetzt im Museum zu sehen.
Jüngster Skandal am Waidmarkt ist 2009 zweifellos der Einsturz des Stadtarchivs, der zwei Todesopfer forderte. Auch dies ist Thema der Ausstellung, ebenfalls die neue Bebauung. Doch das ist hier nur der (vorläufige) chronologische Abschluss. Hauch der Geschichte. Barmherzigkeit hatte eben auch ihre Grenzen.
Seit 2004 hält der Kölner Fotograf Eusebius Wirdeier die Veränderungen rund um den Waidmarkt fest. Zu dieser Ausstellung legt er sein Buch „Zeitraffer Waidmarkt – Bildarchiv 2004-2011“ mit den besten 51 Aufnahmen vor. Es ist im Verlag der Eusebius-Werke erschienen, Subskriptionspreis bis 31.12.2011: 18 Euro
„Drunter und drüber – der Waidmarkt“ – bis 18.2.2012, Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1-3, 50667 Köln, Di 10-20 Uhr, Mi-So 10-17 Uhr, am ersten Donnerstag eines Monats 10-22 Uhr, Eintritt 3,50/1,50 Euro. Katalog: 14,95 Euro

























