25. 05. 2012
Seite drucken
Hiob in der heutigen Welt
(js) Da hängen sie in den Museen, die Bilder aus dem Mittelalter. Bestaunt von den Besuchern ob der Kunstfertigkeit ihrer Schöpfer, der Phantasie, der unverkennbaren Frömmigkeit – doch was können sie uns heute aus dieser zeitlichen Entfernung noch sagen? Eine ganze Menge, man muss sich nur die nötige Zeit nehmen. Wie die elf Schüler der Johann-Christoph-Winters Schule, die sie als stationäre und ambulante Patienten der Kölner Uni-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters besuchen. Sie beschäftigten sich im Unterricht mit dem sogenannten Hiob-Altar im Wallraf-Richartz-Museum, einem Glanzstück aus dem späten 15. Jahrhundert, zwei unbekannten Künstlern aus Brüssel zugeschrieben. Das Ergebnis dieser künstlerischen Auseinandersetzung ist jetzt in eben diesem Museum in einer außergewöhnlichen Ausstellung zu sehen.
Der Altar zeigt die biblische Leidensgeschichte von Hiob. Um seine Seele hatte der Teufel mit Gott gewettet: Wird Hiob weiter an Gott glauben, auch wenn er einen Schicksalsschlag nach dem anderen erfährt? Er bleibt gläubig – trotz Tod seiner Familie, einer verdorbenen Ernte, Verlust seines Viehs und anschließender Verspottung. Der Teufel hat seine Wette verloren. Dieses alles wird auf einem Flügel des Altars in drastischen Bildern erzählt. Die Jugendlichen im Alter zwischen 17 und 19 Jahren setzten sich mit dem Bild und dessen Themen Leid, Klage und Trost auseinander. Sie lernten seine Symbolik verstehen und deren Vieldeutigkeit – etwa dass das Übergießen mit Wasser das Hören lauter Posaunen nicht nur Pein, sondern auch Erholung bedeuten kann.
Fabian (17) etwa zog Parallelen zu sich selbst, den seine Geige tröstet, wenn es ihm schlecht geht. Benjamin (19) erinnerten die Dämonen, die Hiob quälen, an eigene schlechte Träume. Er interpretierte die Hiob-Legende auf zwei Leporellos mit expressiven Zeichnungen, Collagen, zerrissenem Papier und Texten, die in "Ich bin der Tod" münden. Fabian schuf mit zwei jungen Frauen großformatige Fotos, die auf eindringliche Weise "Trost" und "Klage" bildnerisch umsetzen. Andere schrieben Gedichte oder reagierten mit einem Puzzle.
Die Kunst half hier, das eigene Schicksal zu verarbeiten, eröffnete einen dritten Weg zwischen Aufbegehren und Resignation. "Durch die Verschiebung des Aufmerksamkeitsfokus von der eigenen Person auf Hiob in der sprachlich-künstlerischen Gestaltung entstand allmählich der Raum, wie Hiob anzuerkennen, dass das Gute und das Böse zum menschlichen Leben gehören", fasst es Lehrerin Ulrike Busse-Mainzer von der Johann-Christoph-Winters Schule zusammen.
"Hiob & Ich" – bis 16.5., Wallraf-Richartz-Museum, Obenmarspforten, 50667 Köln, Di-Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr, Sa und So 11-18 Uhr, Eintritt: bis zum 29. April 5,80/3,30 Euro, danach wegen der dann beginnenden Ausstellung "Liebermann, Slevogt, Corinth: Die Landschaften" 9,50/7,50 Euro

























