25. 05. 2012
Seite drucken
Jeder darf mal Mondrian
(js) Die Qualität eines Künstlers zeigt sich – unter anderem – daran, wie oft seine Formensprache geklaut wird. Stimmt diese These, dann ist Piet Mondrian einer der besten und beliebtesten. Zumindest bei den Designern – und den Käufern von deren Produkte. Mondrians Ideen finden sich vor allem in den 90er Jahren auf einer Unzahl von Konsumartikeln. Eine Auswahl von genial bis grausam, von lizenziert bis – ohne Erlaubnis – geschickt aufgegriffen, ist jetzt im Museum für Angewandte Kunst (MAK) zu sehen.
Für Mondrian (1872-1944) kam die Erkenntnis beim Malen von Bäumen (vor gar nicht so langer Zeit im Museum Ludwig bei der großen Mondrian-Ausstellung nachzuvollziehen). Aus deren Astwerk entwickelte er seine Gitter aus Linien und Quadraten in den Farben Rot, Blau, Gelb und Weiß. Diese konstruierte er in seinen Bildern – jeweils nach langen Vorstudien – zu dem Zweck, "die allgemeine Schönheit so bewusst wie möglich darzustellen". Das Ergebnis sind geometrisch-harmonische Verhältnisse von Flächen und LInien, sind Gemälde von höchster Abstraktion. Auf der einen Seite höchst intellektuelle Arbeiten, auf der anderen fast schon "banale" Konstruktionen. Die Erkenntnis ihrer Klarheit brachte die Designer wohl dazu, in seinem Schatten ihre Produkte zu verkaufen.
Der Kölner Architektur-Professor Richard G. Winkler war von diesem Ideenklau – von Mondrian sowieso – so fasziniert, dass er ihn sammelte. Das Ergebnis dieser Leidenschaft hat er dem MAK vermacht, und dort sind die Objekte jetzt zu sehen: Socken, Kondome, Tischtücher, Teller, Gläser, Koffer, Lippenstifte, Feuerzeuge, Kleider, Toilettenvorleger, Pumps, Pillendosen, Aktenablagen, Adressbücher, Baukästen, Teekessel, eine Eis-Karte des Berliner Cafés Kranzler, die komplette Ausrüstung eine Radrennfahrers vom Radrahmen bis zu Schuhüberzügen, die Verpackung der "Studioline"-Kosmetikreihe von L‘Oreal, Rasierapparate, Duschwanne, eine Kinder-Elektroorgel, Plastiktüten undundund...
Einige Objekte wie die niederländischen Telefonkarten sind vom Mondrian-Trust lizensiert. Andere ohne offizielle Erlaubnis nachempfunden (ein spannendes Kapitel für Experten im Urheberrecht) – selbst bei schlechten Imitationen denkt der Betrachter bei diesen Farben und diesen Linien sofort an Mondrian. So sehr ist er mittlerweile selber zur Marke geworden. Oder liegt seine Bekanntheit und Beliebtheit daran, dass auch Kinder "malen können wie Mondrian"? Ob dies Urteil stimmt, können die Besucher an einer Magnetwand mit entsprechenden Formen nachprüfen. Sie werden feststellen: Nein, so einfach ist das denn doch nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie den echten Mondrian "Komposition mit Schwarz, Rot und Grau" aus dem Jahr 1927 mit allen dem Nachgemachten vergleichen.
Beim Verlassen der amüsant-ernsten Ausstellung schwankt der Besucher dann vor dem Museumsshop zwischen Enttäuschung und Genugtuung ob mageren Angebots an Mondrian-Verschnitt: Lediglich bunte Gläser und eine zerlegbare Vase werden Angebot. Mehr ist aktuell nicht auf dem Markt, heißt es. Mondrian scheint out. Zumindest bei den Designern.
"all over mondrian. kunst + konsum" – bis 8. August, Museum für Angewandte Kunst, An der Rechtschule, 50667 Köln, Tel. 0221 / 22 12 67 35, Di-So 11-17 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 11-22 Uhr. Eintritt: 6,50/3,50 Euro

























