25. 05. 2012
Seite drucken
Kunst und Gedenken
(ehu) Die Geschichte hat eine bittere Pointe. Tanya Ury, Enkelin des vor den Nazis aus Köln nach England emigrierten jüdischen Schriftstellers Alfred H. Unger, schenkte 1999 den Nachlass ihres Großvaters dem Kölner Stadtarchiv. Gegen anfänglichen Widerstand der Familie. Es sollte ein Zeichen der Versöhnung und des Vertrauens Deutschland gegenüber sein. Mit dem Einsturz des Archivs vor zwei Jahren ging auch der Nachlass – vorläufig – verloren. Nur ein Koffer mit Drehbüchern überlebte. Er war irrtümlich an Tanya Ury statt an das Stadtarchiv geliefert worden
Nun drehte die Künstlerin ein Video, wie sie mit dem Koffer nach Köln reist und vor dem "Loch" einen Text aus dem Koffer verliest. Zu sehen ist jetzt es in der Ausstellung "Kunst und Gedenken" im NS-Dokumentationszentrum. Neben Ury zeigen dort zwölf Kölner Künstlerinnen und Künstler ihre Arbeiten, die an die nationalsozialistischen Verbrechen und deren Folgen erinnern. Es sind sehr persönliche Arbeiten, die ein breites Spektrum der Techniken repräsentieren.
Mit Porträts und Namensnennung das Vergessen der Opfer bekämpfen
Ingeborg Drews etwa porträtiert jüdische Künstler und Intellektuelle, deren Werke von den Nazis als "entartet" verfemt wurden. Marita Maisey gibt in ihrem Gemälde 727 jüdischen Kindern, die aus Köln in die Vernichtungslager deportiert wurden, ihren Namen zurück. Jürgen Knabe greift in seinen expressiven Bildern das Masser an 200 Juden im burgenländischen Rechnitz auf: Die Zwangsarbeiter wurden kurz vor Kriegsende von den Gästen eines Schlossfestes erschossen. Das Gemälde "Geißelung" von Rolf Maria Koller gehört zur Dauerausstellung des Dokumentationszentrums.
Nur als weiße Konturen auf schwarzem Grund erscheinen die lebensgroßen Figuren mit Judenstern in der Installation von Grigory Berstein. Kleine Löcher ermöglichen den Blick auf das Bild dahinter: Dort erhalten die Menschen in brutaler roter Farbigkeit ein Gesicht, ihre Gestalten verlieren sich in Flammen. Rolf Steiner verarbeitet seine Empfindungen während eines einwöchigen Studienaufenthalts in Auschwitz und den Besuchen der Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau in Büchern und eindrucksvollen Fotomontagen.
Kölner bereicherten sich an Hab und Gut ihrer deportierten jüdischen Nachbarn
Ulrike Oeter öffnet ihr "geheimes wucherndes Archiv": Darin bewahrt sie alles auf, was sich bei Aktionen für ihr "Rollendes Gedächtnis" angesammelt. Mit dem Wagen, beladen mit Geschirr aus Papier und Personaldokumenten, zog sie 2004 erstmals durch Köln und thematisierte damit die Bereicherung der Kölner am Habe ihrer deportierten jüdischen Nachbarn auf. Wie in die Jerusalemer Klagemauer sollen die Besucher auch in die Ritzen der Stein-Skulptur von Julia Scher kleine Zettel mit ihren Wünschen und Gedanken stecken.
Marcel Odenbach drehte im Rahmen des Projekts "Jüdisches Leben in München" ein Video mit Schüler und Schülerinnen. Die Nachkriegsgeneration ist auch Thema von Barbara Riege. Ihre Skulturengruppe zeigt ausgemagerte Gestalten. Sie stehen für die deutschen Kinder, die zu jung waren, um Täter zu werden, aber Opfer des von den Älteren angezettelten Kriegs wurden. Über ihre Leiden durfte viele Jahre nicht gesprochen werden. Sarkastisch der Kommentar von Sigmar Polke zu den Kriegsfolgen: Sein Foto von dem Loch, das eine Bombe an der Basis des Nordturms hinterließ, trägt den Titel "Kölner Dom. Skulptur eines unbekannten meisters (vermutlich englischer Bomberpilot. 1944)"
Im Spiel mit der Kunst wird der Besucher zum Täter
Nicht fehlen darf Gunter Demnig. Von ihm sind nicht nur Stolpersteine und eine Dokumentation über die Auseinandersetzung mit dem Finanzamt zu sehen, das die Stolpersteine nicht als Kunst anerkennen will. Aus dem eher unbekannten Teil seines Oeuvres zeigt er einen "Spielautomaten", bei dem eine Lok der Baureihe 52 hin und her fährt. Diese Lokomotive wurde ab 1942 von der Reichsbahn für Transporte an die Front und für die Deportationen in Ghettos und Vernichtungslager eingesetzt. Wer das graue Modell in Bewegung setzt, wird so symbolisch zum Teil des mörderischen Vernichtungswerks.
"Kunst und Gedenken" – bis 26.6., NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, EL-DE-Haus, Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln, Tel. 02 21 / 22 12-63 32, E-Mail: nsdok@stadt-koeln.de, Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 10- 16 Uhr, Do 10-18 Uhr, Sa, So 11-16 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr. Eintritt: 4,20/1,80 Euro

























