25. 05. 2012
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Nackte Haut und heroische Posen
(ehu) Da schwebt sie lebensgroß auf den Wellen, zeigt dem Betrachter ihre nackte, zartrosa schimmernde Vorderfront. Fünf ebenso bloße Englein schweben über ihr. Mochte Emile Zola auch keinen Gefallen finden an Alexandre Cabanels "Geburt der Venus", er war eine Ausnahme. Für die weit überwiegende Mehrheit der Besucher und Kritiker war sie 1863 die "Göttin der Ausstellung". Und das Bild mehrte Ruhm und Reichtum des Malers. Der Star der französischen Salonmalerei – heute kennt ihn keiner mehr, nicht einmal in seiner Heimat Frankreich. Das soll die Ausstellung "Alexandre Cabanel – Die Tradition des Schönen" im Wallraf-Richartz-Museum ändern.
Die Ausstellung wurde vom Musée Fabre im südfranzösischen Montpellier übernommen, Cabanels Heimatstadt. Auch dort wurde er erst vor einem Jahr wiederentdeckt. Die zahlreichen Leihgaben kommen aus Frankreich und vor allem aus den USA. In deutschen Museen ist der Künstler nicht vertreten.
Bilder für den gängigen Geschmack
"Salonmalerei" und Akademismus – das sind die Negativa, mit denen die die gängige Kunst des 19. Jahrhunderts heute bedacht wird. Salon – das waren die jährlichen Ausstellungen der Kunstakademie. Die Jury schätzte zwar "außergewöhnliche Motive", legte aber Wert auf meisterliche Technik, Lesbarkeit, authentische Darstellung, Schönheit und Ästhetik. Keine Chance also für für Neuerungen. Immerhin durfte für Manet und Courbet ein "Gegensalon" organisiert werden. Und nur das, was gängig war und dem breiten Geschmack entsprach, wurde auf den Kunstakademien gelehrt – Akademismus eben.
In diesem Umfeld war Cabanel (1823-1889) unbestritten der Star. Mit exotischem Ambiente entführte er den Betrachter in ferne Welten. Mit nackter Haut befriedigte er die heimlichen Begierden einer prüden Gesellschaft. Als Vorwand nahm er Szenen aus Bibel und Antike. So hatten es ja auch schon die Künstler des – zum Beispiel – Barock gemacht. Monumental malt er sie, bisweilen zur Pose erstarrt sind seine Helden und Märtyrerinnen.
Hofmaler von Napoleon III.
Aber da ist seine technische Meisterschaft – und die dürfte auch heute noch viele begeistern. Dieses Können – etwa bei der Abbildung des Muskelspiels – zeigt sich insbesondere in seinen Porträts, darunter auch zahlreiche Selbstbildnisse. Er bannte nicht nur Napoleon III., seinen prominentesten und einflussreichsten Kunden, in vergleichsweise lockerer Pose auf die Leinwand, sondern auch viele reiche Frauen, die dafür sogar extra aus den USA angereist kamen. Sie sind überaus einfühlsam, und sogar Vincent van Gogh soll davon begeistert gewesen sein. In der Materialwiedergabe kann sich Cabanel durchaus mit den dafür gerühmten Niederländern des "Goldenen Zeitalters" messen: Samt ist bei ihm Samt, Seide Seide und Pelz Pelz. Zum augenfälligen Vergleich dient das Originalkleid, das seinerzeit eine der Porträtierten trug, immerhin eine Bankierstochter.
Für diese Gegenüberstellung ist der Modeschöpfer Christian Lacroix verantwortlich. Der ist nämlich auch ein ausgewiesener Kenner Cabanels und hat die Ausstellungsarchitektur geschaffen. Er legte das Museum mit einem weichen "Kachel"-Teppich aus, die Wände beklebte er mit einer Fototapete, die – auf der Grundlage zeitgenössischer Stiche – die damalige Innenarchitektur aufgreift. Neben zahlreichen Modeentwürfen Lacroix‘ werden auch die ersten Entwürfe zur Gestaltung der Ausstellung gezeigt: Von ursprünglich geplanten Palmen, Sofas und Tischchen ist nichts geblieben. Was man hinsichtlich eines "authentischen" Umfelds für die Bilder bedauern mag.
Themen von ewiger Aktualität
Und was sollen wir heute mit Cabanel anfangen? Museumschef Andreas Blühm verweist besonders auf die theatralischen Historienbilder, mit denen sich der Künstler in seinen letzten Jahren beschäftigte. Auf diesen großformatigen "Schinken" greift er Dramen etwa von Shakespeare oder Sagen auf, in denen es um verschmähte Liebe, Zwangsheirat, Gewalt und Rache, um Rassismus und Antisemitismus geht. "Themen, die immer aktuell sind", so Blühm. Nur die Ausdrucksweise sei heute anders. Und, ergänzt er, ein Besuch lohne sich allein deswegen, weil man hier sehen könne, wogegen die Impressionisten angemalt haben. In der Kunstgeschichte sind sie als Sieger verzeichnet.
"Alexandre Cabanel – Die Tradition des Schönen" – bis 15.5., Wallraf-Richartz-Museum, Obenmarspforten, Di-Fr 10-18 Uhr, Do 10-22 Uhr (außer an Feiertagen), Sa und So 11 bis 18 Uhr, Eintritt 9,50/7,50 Euro. Katalog 25 Euro.

























