25. 05. 2012
Seite drucken
Stadtmuseum wird zum Narrenkäfig
(js) Kommet, ihr Kölner, und betet an die Macht der Narren! Das Kölnische Stadtmuseum soll euer Tempel sein, große Fotos in seinen Fensternischen weisen euch den Weg. In den nunmehr heiligen Hallen findet ihr die Reliquien des alternativen Karnevals und seiner Stars: Die Gummikappe von Irokesen-Heinz. Und die Kanzel, von der aus er seinerzeit den Tünnes am Kreuz verteidigte. Die legendäre rose Eiger-Nordwand (vulgo Küchenschrank) des gelenkigen Kitchen-Climbers ist zu sehen. Eine E-Gitarre der sogenannten "Köbes Underground"-Bande. Zeugnisse von mannigfaltigen Wundertaten in Wort, bewegten und unbewegten Bildern und Tönen. Und auch für die Nase gibt es etwas: Ihr dürft an schweißgetränkten Kostümen schnuppern.
"Karneval instandbesetzt?" heißt die Ausstellung zu Ehren des 25. Geburtstags der alternativen Stunksitzung. Der war zwar schon vor einem Jahr, die Verspätung ist der schwierigen Finanzierung und dem großen Aufwand zu verdanken, der zu ihrer Umsetzung erforderlich war. Die Idee hatte Georg Bungarten, er gründete eigens für diese Ausstellung mit Gleichgesinnten die Arge Kulturidee. Die sammelte für das Multimedia-Ereignis originale Ausstattungsstücke, Zeitungsberichte und Fotos. Auf über einem Dutzend Monitoren sind WDR- Aufzeichnungen ganzer Sitzungen oder einzelne Sketche zu sehen, zwei Hörstationen sind dabei – der Besucher muss schon einiges an Zeit mitbringen.
Als Alternative zum traditionellen kommerziellen Karneval gestartet, ist die Stunksitzung noch immer alternativ, was Themen und Darbietungsformen betrifft. Sie ist aber auch fester Bestandteil des kommerziellen Karnevals (die Stunker bekannten sich früher zum Profit als die selbsternannten Traditionalisten). Wie aus der Feindschaft des Festkomitees Kölner Karnevals mehr als nur schulterklopfende Anerkennung geworden ist, lässt sich an Zeitungsausschnitten und der meterlangen Zeittafel verfolgen. Auch, wie die Stunker (Karnevals-)Geschichte und die öffentliche Meinung beeinflussten. So ist eine Abteilung allein ihrem aufklärenden Antiklerikalismus gewidmet und seinen beiden Höhepunkten: dem gekreuzigten Tünnes (1994) und die gemeinsame Nacht von Papst Benedikt und Kardinal Meisner (2006).
Ein anderes Kapitel sind die Persiflagen auf den "organisierten" Karneval, mit denen das Festkomitee des Kölner Karnevals zu seiner Erneuerung und Marie-Luise Nikuta zu Tränen getrieben wurde. Es folgt die satirischen Auseinandersetzung mit den beiden, die köstliche Parodien auf Wetten, dass..", "Tutti Frutti" (kennt noch jemand diese frühe RTL-Titten-Show?) oder der TV-Koch-Shows gebar. Schließlich das große Potpourri der Geschichten aus Köln, Deutschland und dem Rest der Welt – eine Zeitreise der besonderen Art.
Die Ausstellung ist eine Liebeserklärung an 26 Jahre alternativer Karneval in Köln. Doch trotz sehr persönlicher Beziehungen etwa von Georg Bungarten zu einem Ensemble-Mitglied und der langjährigen des Mit-Organisators und Hausfotografen Manfred Linke machte die Liebe nicht blind. Ohne den Spaß zu verderben, werden – sachlich und nüchtern – auch Irrungen, Wirrungen und Skandale ausgebreitet. "Vielleicht sind wir nicht mehr so radikal", stellte Stunkerin Martina Klinke 1993 fest. Diese Ausstellung erinnert an die Wurzeln der jecken Revolution, die hoffentlich noch nicht so bald von ihren Kindern gefressen wird.
"Karneval instandbesetzt? Politik, Protest, Provokation & Persiflage" – bis 11.4., Kölnisches Stadtmuseum, Zeughausstr. 1-3, Tel 0221 / 22 12 57 89, Di 10-20 Uhr, Mi-So 10–17 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 10–22 Uhr (an Feiertagen 10–17 Uhr), Eintritt: Kombiticket (Sonderausstellungen und Ständige Sammlung) 7/5,50 Euro. Ein Rahmenprogramm ist in Vorbereitung

























