25. 05. 2012
Seite drucken
Was nach dem Pogrom von 1349 übrig blieb
(js) Einst hatte Köln eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden nördlich der Alpen. Bis zum August 1349. Was damals bei einem Pogrom durch christliche Mitbürger zerstört und verbrannt wurde, taucht jetzt zum Teil wieder auf. Über 150.000 Fundstücke sind es schon. Im Praetorium unter dem Rathaus wird jetzt gezeigt, was bei den Ausgrabungen zur Archäologischen Zone vor dem Rathaus allein letzten halben Jahr gesichert wurde.
Besonders stolz ist Sven Schütte, Leiter der Archäologischen Zone, auf die Bruchstücke der gotischen Bimah, der Lesekanzel, die den Mittelpunkt der mittelalterlichen Synagoge bildete. Rund 500 Steine sind es schon, Teile der Basis, der Säulen, der Kapitelle. Sie sind geschmückt mit Affen und Vögeln, Weinlaub, Efeu, Rosen und Rainfarm – über 20 Pflanzenarten konnten schon identifiziert werden. Geschaffen wurden die Kunstwerke – wohl gegen gutes Geld – um 1280 von den Steinmetzen der Dombauhütte aus französischem und englischen Kalkstein. "Es ist die einzige bekannte gotische Bimah", so Schütte.
Die ältesten Fundstücke sind Teile eines Marmorbodens aus dem 5. Jahrhundert, für den römische Steine "recycelt" wurden. Jüngstes Stück ist ein Seder-Teller, der beim Pessach-Fest benutzt wird. Er entstammt einer Grabungsschicht, die dem Zweiten Weltkrieg zugeordnet wird. Seine Herkunft gibt noch Rätsel auf. Weitere Funde sind namentlich gekennzeichnete Stücke von Schiefertafeln, auf denen Jungen hebräische und lateinische Schrift übten, Schmuckstücke, Münzen, Fliesen, Bronzenadeln, Tonkrüge, ein Schach-Bauer aus ägyptischem Bergkristall, der die internationalen Verbindungen der damaligen jüdischen Gemeinde zeigt. Fast alles wurde aus dem Brandschutt des Jahres 1349 geborgen. Bei den Vorbereitungen zu dieser Ausstellungen erinnerte man sich auch an einen jüdischen Hochzeitsring im Museumsdepot, der im Jahr 1928 erworben wurde. Bislang dem 18. Jahrhundert zugeordnet, glaubt man inzwischen, dass er erheblich älter ist. Eine Untersuchung hat immerhin schon ergeben, dass es kein versilbertes, sondern massives Gold ist.
Die Eröffnung der Ausstellung "Kunst und Kult" fällt zusammen mit dem "Europäischen Tag der Jüdischen Kultur" am 5. September. Mit ihm soll an jüdische Kultur, Traditionen und Bräuche sowie deren Bedeutung für die Geschichte des Abendlands erinnert werden. In Köln – einziger nordrhein-westfälischer Teilnehmer – will man darüber hinaus auch den Gedanken an das geplante Jüdische Museum auf dem Rathausplatz wachhalten.
"Kunst und Kult" – bis 16.1.2011, Praetorium, Kleine Budengasse 2, Köln-Innenstadt, Di-So 10-17 Uhr, Eintritt 2,50/1,50 Euro

























