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25. 05. 2012
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Wenn schon Antisemitismus, dann in eigener Regie


21.11.2011 09:46 von:

Schlagwörter: Köln,Karneval,Antisemitismus,NS-Dokumentationszentrum,Rosenmontagszug,Liessem,Ha

(ehu) Selbstbewusst waren Kölns Karnevalisten unter der Nazidiktatur durchaus: Sie wollten sich nicht von der Partei die rassistischen und antisemitischen Witze vorschreiben lassen. Nein, die wollten sie schon selber formulieren. Und so zettelten sie 1935 die „Narrenrevolte“ an, die sie nach 1945 als große Widerstandsaktion verkauften. Übrigens in guter Gesellschaft mit Dr. Konrad Adenauer, der damals gleich ganz Köln zum „geistigen Widerstandszentrum“ verklärte. Mit der Legende des nazifreien Kölner Karnevals räumt jetzt die Ausstellung „Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz – Karneval zwischen Unterhaltung und Propaganda“ im Kölner NS-Dokumentationszentrum auf.

Wobei das eigentlich nichts Neues sein sollte. Schon in der jungen Bundesrepublik regte sich Widerspruch gegen die Geschichtsverklärung, wurde aber regelmäßig niedergebügelt. Vor allem von Thomas Liessem, schon unter den Nazis Chef der „unabhängigen“ Karnevalisten und in den 1950er Jahren wieder Präsident des Festkomitees Kölner Karnevals (FKK)und somit Symbolfigur für personelle Kontinuität im Karneval. Erst seit etwa zehn Jahren hat sich das FKK seiner Geschichte gestellt, in seinem Karnevalsmuseum auch diesem Kapitel eine kleine Ausstellung gewidmet. Und jetzt die Absicht erklärt, Teile der „Kölle Alaaf“-Ausstellung einzubauen.

So umfassend wurde noch in keiner deutschen Stadt der "braune Karneval" aufgearbeitet

Denn diese Ausstellung ist in ihrer Komplexität tatsächlich etwas Neues und bisher auch bundesweit etwas Einmaliges, wie Hausherr Werner Jung zu Recht feststellt. Zwar gab es auch schon in anderen Karnevalshochburgen wissenschaftliche Untersuchungen über die Verstrickung des Karnevals als Teil der Gesellschaft in die Nazi-Ideologie. Die betrafen aber immer nur einzelne Aspekte, und schon gar nicht wurden die Ergebnisse so breit präsentiert.

Wesentlicher Mitgestalter dieser Ausstellung ist der Historiker Markus Leifeld. Er hat vor ein knappen Jahr mit Carl Dietmar das Buch „Alaaf und Heil Hitler. Karneval im Dritten Reich“ veröffentlicht. Außerdem konnte er die Archive dreier großer Karnevalsgesellschaften auswerten. Auch die Archive des FKK und des Kölnischen Stadtmuseums wurden erstmals gründlich durchgesehen.

Der Karneval sollte reine Unterhaltung sein – und diente dann der Kriegsvorbereitung

Die Ausstellung zeigt ein sehr differenziertes Bild vom Verhältnis Karneval-Politik in der Zeit von 1933 bis 1945. Das war durchaus gespannt. In den ersten zwei Jahren versuchte NS-Bürgermeister Wilhelm Ebel über die Parteiorganisationen, insbesondere „Kraft durch Freude“ zu vereinnahmen. Der Festausschuss musste ihm die Entwürfe zum Rosenmontagszug zur Genehmigung vorlegen. Der Rosenmontagszug sollte zum touristischen Magnet werden, zu einem reinen Unterhaltungsangebot. Politik blieb ausgespart, sogar auf Antisemitisches wurde verzichtet, um ausländische Gäste nicht abzuschrecken.

Doch das ging schief, karnevalistische Ausgelassenheit: Fehlanzeige. So kam es zur „Narrenrevolte“, die Karnevalsgesellschaften übernahmen wieder die Regie. Und in der Folge wurden quasi in eigener Verantwortung antisemitische Büttenreden gehalten, auf Mottowagen des Rosenmontagszuges wurden die Juden verhöhnt und ihre "Emigration" gefeiert. Später häuften sich die Angriffe auf das Ausland, auf Frankreich, England und die Sowjetunion. Die versteckte Botschaft: Deutschland muss sich wehren. Geschickt wurde die Bevölkerung auf den Krieg vorbereitet.

Eine originelle Ausstellungsarchitektur erleichtert die Beschäftigung mit dem heiklen Thema

Fotos, Filmaufnahmen, nachgesprochene Büttenreden, Lebensläufe und andere historische Dokumente zeigen, wie sich der Karneval in die politische Propaganda einpasste. Darunter auch ein Film von der 1936 erstmals eingeführten feierlichen Proklamation des Dreigestirns – eine Veranstaltung, die bis heute stattfindet. In diesem Zusammenhang ist die einfallsreiche Ausstellungsarchitektur zu erwähnen: Neben den unvermeidlichen Schrifttafeln kann der Besucher auch drei „Zugwagen“ besteigen, wo er die Bücher mit den Fotos der Rosenmontagszüge durchblättern kann.

Widerstand war möglich. Dafür steht zum Beispiel der Büttenredner Karl Küpper. Er entzog sich der Verhaftung durch den Einsatz bei der Truppenbetreuung. Nach dem Krieg bekam er keinen Fuß mehr in die Bütt – die Karnevalsfürsten von damals hatten weiter das Sagen. Als die „Narrenzunft“ sich weigerte, beim Rosenmontagszug einen Mottowagen mit antisemitischem Motiv als Pate zu übernehmen, durfte sie nur als Fußgängergruppe mitgehen.

Wie Karneval im privaten Kreis gefeiert wurde, ist noch nicht umfassend erforscht

Ein noch näher zu erforschendes Feld ist die Frage, wie der „kleine Narr“ unter den Nazis Karneval feierte. Fotos zeigen, dass die Karikatur eines Juden mit großer Hakennase und strubbeligem langen Bart ein durchaus nicht ungewöhnliches Kostüm war. Mit Druck wurde die Unterstützung des Rosenmontagszuges erzwungen. Zu seiner Finanzierung wurden „Bausteine“ aus Papier verkauft, die an die Häuser geklebt wurden. Weil es in der Severinstraße an dieser deutlich sichtbaren Unterstützung mangelte, gab es Überlegungen, sie aus dem Zugweg zu streichen. Wer wollte daran schuld sein?

„Kölle Alaaf unterm Hakenkreuz – Karneval zwischen Unterhaltung und Propaganda“ – bis 4. März 2012, NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln im EL-DE-Haus, Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln, Tel. 0221 / 22 12 63 32, www.nsdok.de, Di-Fr 10-18 Uhr, Sa, So und feiertags 11-18 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 10-22 Uhr, Eintritt 4,20/1,80 Euro







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