25. 05. 2012
Seite drucken
Wer brachte Silbermünzen aus Venedig nach Deutz?
(ehu) Die ältesten Fundstücke sind Steine aus dem Mauerwerk des römischen Kastells, das jüngste ein preußisches Bajonett: In ihnen spiegelt sich die 1.700-jährige Geschichte des rechtsrheinischen Deutz, das erst 1888 dem linksrheinischen Köln eingemeindet wurde. Zu sehen sind sie jetzt im Römisch-Germanischen-Museum. Die Ausstellung "Divitia – Deutz" erzählt nicht nur Stadt(-teil)geschichte, sondern auch die Geschichte der Archäologie auf der "schäl Sick".
Die begann 1879 mit dem Bau des Bahnhofs für die Bergisch-Märkische Eisenbahn auf den Fundamenten des römischen Kastells. Aus dieser Zeit stammt auch das Prunkstück der Ausstellung: Eine kleine Bronzegruppe, sie zeigt Herkules, der gerade die Amazonenkönigin Hippolyte vom Pferd reißt. Wahrscheinlich zierte diese Figurengruppe einst eine römische Kutsche.
Das Grabungsareal wird bald auf 4000 Quadratmeter erweitert
Aktuell wird entlang der geplanten Hochwasser-Schutzmauer entlang des Kennedy-Ufers gegraben, später soll das Gebiet rechts und links davon auf 4.000 Quadratmeter erweitert werden. Zu den Funden aus jüngster Zeit gehört auch eine kleine Sensation: vier Silbermünzen aus Venedig. Derlei ist aus Köln bislang unbekannt. Man entdeckte sie in einem Grab aus dem 13. Jahrhundert auf dem Friedhof der ehemaligen Pfarrkirche Alt St. Urban. Ob Mann oder Frau, weiß man noch nicht, erst recht nicht, wer die oder der Tote war: ein Händler aus dem Rheinland, aus Italien, ein Durchreisender?
Erst in diesem Jahr fand man ein preußisches Bajonett und den Stein aus einem Denkmal. Diese erinnerte an die im Ersten Weltkrieg Gefallenen Soldaten des "Rheinischen Kürassier-Regiments Nr. 8", das dort seit 1819 stationiert war. Wegen ihrer weißen Uniform wurden sie von den Kölnern als "Mehlsäcke" verspottet.
Das Museum machte auch im eigenen Depot "Ausgrabungen"
Worauf die Archäologen in diesem "archäologisch höchst brisanten Bereich" – so Markus Trier, kommissarischer Leiter des Museums – immer wieder stoßen, sind zwangsläufig Steine aus der Befestigung des Kastell, das Kaiser Konstantin I. um 310 gegenüber Köln errichten ließ. Es sollte das Reich vor den Germanen schützen und bot Platz für eine Legion, also 1.000 Soldaten. Es war mit einer vier Meter dicken Mauer geschützt, hatte zwei Tore und 14 Türme. Eine 420 Meter lange Holzbrücke mit Steinpfeilern verband es mit dem linken Rheinufer. Von beiden werden auch zwei Modell gezeigt – auch dies zwei "Fundstücke". 1950 gebaut, verstaubten sie bis vor Kurzem in einem Außendepot. "Bis auf für einen Laien unwichtige Einzelheiten entsprechen sie dem aktuellen Wissenstand", freut sich Trier.
Beim Bau des Kastells waren die Römer im übrigen aus Zeitnot sparsam und pflegten die moderne Tugend der Nachhaltigkeit: Weil die nächsten Steinbrüche zu weit weg waren, bauten sie einfach die Steine von alten Häusern, sogar von Grabmalen und Weihestätten in die Mauern ein. Sogar eine Statue der Göttin Fortuna meißelten sie sich passgenau zurecht. Die Preußen machten es später übrigens ebenso und bezogen römische Mauern in den Bahnhof ein.
Germanische Söldner übernahmen das römische Köln ohne Gewalt
Gefunden werden und werden auch immer wieder zahlreiche Schmuckstücke oder Reste römischer Legionärswaffen. Ihre kunstvolle Gestaltung verweist darauf, dass ihre Besitzer Germanen in römischen Diensten waren. Markus Trier: "Als Mitte des 5. Jahrhundert der Sold ausblieb, machten sie sich selbstständig und übernahmen Deutz und Köln". Durchaus friedlich, versichert er und widerspricht damit landläufigen Überlieferungen von römischen Fluchten und germanischen Eroberungen. Sie sind die Vorfahren der späteren Rheinfranken.
"Divitia – Deutz" – bis 24.7., Römisch-Germanisches Museum, Roncalliplatz 4, 50667 Köln , Di-So 10-17 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat 10-22 Uhr, Eintritt: 6/3,50 Euro

























