25. 05. 2012
Seite drucken
Wie die Bürger die Erinnerung eroberten
(js) "Hier ruhen sieben Opfer der Gestapo. Dieses Mal erinnere an Deutschlands schandbarste Zeit 1933-1945". So fordert es ein schlichter flacher Stein. 1959 in der Grünanlage des Hansaplatzes "errichtet", ist er eines der frühesten Mahnmale für die in Köln von den Nationalsozialisten Verfolgten und Ermordeten. Und für diese Zeit eine Ausnahme: Denn in den ersten Nachkriegsjahrzehnten gedachte die Öffentlichkeit eher der zivilen Opfer des Bombenkrieges und der toten Soldaten. Wie sich die Gedenk- und damit die Erinnerungskultur in Köln bis heute entwickelt hat, ist Thema einer Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum.
Auf über einem Dutzend illustrierten Texttafeln werden die drei Stränge der Kölner Mahnmal-Geschichte dokumentiert. Der erste ist der, der vor allem der zivilen Toten und den soldatischen "Helden" gedenkt, wie es die "dankbare Gemeinde Zündorf" noch 1953 tat, als sie ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs "erweiterte". Auch auf dem Westfriedhof wurde lange nur der Soldaten und Bombenopfer gedacht in perverser Tradition der NS-Zeit, die für Letztere das Wort von der "Heimatfront" erfand. Politisch am bedeutendsten ist die Gedenkanlage in den Ruinen von St. Alban mit den "Trauernden Eltern", die 1955 nach einer Skulptur von Käthe Kollwitz geschaffen wurde. Es war lange Zeit die zentrale bundesdeutsche Gedenkstätte vor allem für die zivilen Opfer des Krieges und – heute oft übersehen – durch ein stilisiertes Gefängnisgitter für die Kriegsgefangenen, die noch auf ihre Heimkehr warten. Die Skulptur einer "Frau mit totem Kind" im Hansapark lenkt ebenfalls den Blick eher auf die Zivilopfer als auf die rassistischen, religiösen und politischen Opfer des NS-Unrechtsregimes.
Diese – und ebenso der antifaschistische Widerstand – wurden lange ausgeblendet, wurden umfassend erst – und dies ist der zweite Strang der Erinnerungsgeschichte – seit den 1980er Jahren durch Bürgerinitiativen ins Gedächtnis gerufen – oft genug gegen zähen öffentlichen Widerstand. Nicht zuletzt das NS-Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus, dem ehemaligen Gestapo-Zentrum, ist so entstanden. Als weitere Beispiele seien hier genannt der "Rosa Winkel" für die Verfolgung von Homosexuellen unter der Hohenzollernbrücke, die Mahntafel für die hingerichteten Edelweißpiraten in Ehrenfeld oder als jüngstes Mahnmal das für die Wehrmachts-Deserteure. Spät erst erinnerte man sich auch an das Schicksal der Zwangsarbeiter. Selbst Mahnmale für die ermordeten jüdischen Bürger Kölns brauchten Zeit.
Dies leitet zum dritten Strang über, der in Köln seinen Ausgang nahm: die individuelle Erinnerungsarbeit des Künstlers Gunter Demnig, der mit seinen "Stolpersteinen" den öffentlichen Raum eroberte. Begonnen hatte er 1990 mit einer Farbspur zum Gedächtnis an die Roma und Sinti, die 1940 von den Nazis quer durch Köln zum Deutzer Bahnhof zur Deportation in die KZs getrieben wurden. Mit seinen "Stolpersteinen" vor deren ehemaligen Wohnstätten erinnert er an Juden oder Zeugen Jehovas, die von den Nazis ermordet wurden. Über 1600 Steine hat er bis heute in Köln verlegt, insgesamt rund 23.000 in 500 europäischen Städten.
Grundlage der Ausstellung ist der gleichzeitig erschienene "mahnmal-führer köln". Der Historiker Hans Hesse und Elke Purpus, Direktorin des Rheinischen Bildarchivs, listen darin zu den sachlichen Fotos von Britta Schlier und Sabrina Waltz 141 "Denkmäler zur Erinnerung an Verfolgung und Widerstand im Nationalsozialismus" (so der Untertitel) auf. Ein wichtiges Dokument zur Kölner Geschichte – wenngleich nicht vollständig, wie sich bei der Vorstellung des Buches herausstellte. Noch nicht erfasste Erinnerungsstätten können in einer jetzt schon geplanten zweiten Auflage aufgenommen werden. Vielleicht werden dann auch noch die teilweise fehlenden (unbekannten?) Jahreszahlen zur Errichtung der Mahnmale und ein Stadtplan nachgeliefert. (Klartext Verlag, Köln 2010, 14,95 Euro)
"Gedenk-Räume – Die NS-Zeit in der Gedenkkunst in Köln" – bis 9.5., NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, EL-DE-Haus, Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln, Tel. 0221 / 22 12-63 32, Di, Mi, Fr 10-16 Uhr, Do 10-18 Uhr, Sa und So 11-16 Uhr. Eintritt: 3,60/1,50 Euro, an jedem ersten Donnerstag im Monat (außer feiertags) erhalten alle Kölnerinnen und Kölner freien Eintritt. Als Eintrittskarte gilt der Personalausweis.

























