25. 05. 2012
Seite drucken
Brecht entlang der roten Laufschrift
(ehu) Brecht heute? Das heißt erst einmal, ihn neu lesen. Und dazu verdonnert Regisseur Nicolas Stemann bei seiner Inszenierung der "Dreigroschenoper" im Schauspielhaus sowohl Publikum als auch Schauspieler. Auf einer roten Laufschrift – sie zieht sich quer über die karg ausgestattete Bühne – erscheint zunächst der Aufbau des Stückes, dann der Text des Eingangssongs. Die Zuschauer lesen still mit, die Schauspieler auf der Bühne laut, zunächst stockend, dann immer fließender: Langsam finden sich beide Seiten in das Stück ein.
Die "Dreigroschenoper" hatte 1928 Premiere, auf deutschen Bühnen war sie in den letzten Jahren Brechts meistgespieltes Stück. Wer nichts riskieren will, inszeniert sie als "klassische" Musikrevue. Wer sich als Neuerer positionieren will, erliegt oft genug dem Hang zur zwanghaften Aktualisierung. Was ist die Alternative? Denn bleibt auch Brechts Thema aktuell – windige Bankgeschäfte, Kriegstreiberei, Ausbeutung, verpackt in den Streit zwischen dem Londoner Verbrecherkönig Macheath alias Mackie Messer und dem nicht viel ehrlicheren Bettlerkönig Peachum –, die Präsentation sollte zeitgemäß sein. Irgendwie.
Stemann setzt Brecht mit dessen eigenen Mitteln neu zusammen
Stemann greift zu den Mitteln, die einst Brecht erfand, und setzte sie gegen ihren Erfinder an. Dazu gehört insbesondere der Verfremdungseffekt, mit dem gängige Erwartungen des Publikums gestört werden, der so zu neuen Erkenntnisse gelangen kann (oder soll). Der oben beschriebene Anfang der Inszenierung ist so ein V-Effekt. Dabei durchzieht das Laufband die Vorstellung als roter Faden, mit ihm werden auch Gedanken von Brecht über sein Stück vermittelt.
Damit sich der Zuschauer nicht daran gewöhnt, den Text "mitzulesen", wird die Routine gebrochen. Brechts Regieanweisungen werden zitiert, ohne immer befolgt zu werden. Oder dem Schauspieler fehlen die Worte, die das Publikum fast auswendig kennt. Das kann durchaus skurril sein und einen Lacher provozieren. Etwa wenn Mackie Messer auf seine Hinrichtung wartet und dann nicht weiß, was er sagen soll, als seine Begnadigung eintrifft – kurzerhand wird die dem Zuschauer zugewandte Laufschrift umgedreht. "Gerettet" kann nun auch Macheath lesen und das Wort singen.
DAs Lachen kommt nicht zu kurz, aber das wusste auch schon Brecht
Für regelmäßige Lacher ist im Übrigen gesorgt. Sei es ein Luftgitarren-Trio, eine Polly im Kostüm eines Playboy-Häschens, parterre-artistische Kampfeinlagen, etwas Travestie, ein klamaukiger Zickenkrieg zwischen Mackie Messers schwangeren Geliebten oder der Slogan "Das Schauspiel bleibt" auf einem Protestplakat, mit dem die Bettler die Festnahme Macheath´ durch die Polizei erzwingen wollen.
Ein weiterer V-Effekt ist die Verteilung der Rollen auf mehrerer Schauspieler. Das allerdings ist bisweilen verwirrend und kann es manchem erschweren, die Handlung zu verfolgen (oder wird deren Kenntnis vorausgesetzt? Das Programmheft kann da nicht unbedingt helfen). Manchmal treten die Schauspieler auch aus ihren Rollen heraus: "Wenn ich singe, vollziehe ich einen Funktionswechsel", geben Anlass, über die Funktion des Theaters nachzudenken.
Bei den Hits der "Dreigroschenoper" werden die Erwartungen voll erfüllt
Fazit: eine durchaus eigenwillige Brecht-Interpretation (die Stemann schon einmal in Hannover erprobt hat), die neue Sichtweisen zeigt, bei den "Dreigroschenopern"-Hits aber durchaus mit Sangesqualitäten die Erwartungen des Publikums erfüllt. Die Spielfreude und das Können der Schauspieler und Schauspielerinnen Ilknur Bahadir, Yorck Dippe, Robert Dölle, Sachiko Hara, Anja Lais, Wolfgang Michalek, Renato Schuch, Sonia Theodoridou stehen ebenso außer Frage wie das der acht Musiker.
Einige Zuschauer verließen die Premiere schon in der Pause, am Schluss auch einige Buh-Rufe für die Regie. Doch den minutenlange Premierenbeifall der überwiegenden Mehrheit hatte sich das Ensemble rundum verdient.
Weitere Termine: 4.-7.4., 9.4., jeweils 19.30 Uhr, 10.4., 16 Uhr, 20., 25., 29.4., jeweils 20 Uhr, Schauspielhaus, Offenbachplatz, 50667 Köln, Karten: Kartenservice im Opernhaus, Offenbachplatz, 50677 Köln, Mo-Fr 10-18.30 Uhr, Sa 11-18.30 Uhr, Tel. 0221 / 22 12 84 00, tickets@buehnenkoeln.de, Internet: www.schauspielkoeln.de.

























