25. 05. 2012
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Der Fall Oscar Wilde im Theater neu aufgerollt
(ehu) Ob seine Gedichte unzüchtig und unmoralisch sind? Für Oscar Wilde sind solche Fragen unerheblich. Er plädiert vor Gericht lieber für die Ästhetik in der Literatur, für ihn gibt es keine unmoralischen Bücher, nur schlecht geschriebene. Und das, so der gefeierte Schriftsteller, sei viel schlimmer. Es ist vergeblich: Wilde, der "Sodomie" angeklagt, wird letztlich wegen seiner Homosexualität verurteilt. "Ein langer, süßer Selbstmord" – der Titel greift ein Wort Wildes auf – erzählt diese Geschichte nach. Im Freien Werkstatt-Theater hatte es seine Uraufführung.
Inken Kautter und Kay Link haben dafür die Akten von insgesamt drei Prozessen ausgewertet. Ihnen gelingt damit das Porträt eines Mannes, der – wohl zu sehr von sich eingenommen – der herrschenden Moral die Stirn bieten wollte und damit aufs Grausamste scheiterte. Mehrere Möglichkeiten, sich dem Verfahren – vielleicht sogar mit Billigung des Gerichts – zu entziehen, verweigerte er. 1895 wird er zu zwei Jahren Haft mit Zwangsarbeit verurteilt, 1900 stirbt er als gebrochener Mann im Pariser Exil, 46 Jahre alt.
Andreas Bittl lässt den Dichter mit all seinen Marotten lebendig werden
Andreas Bittl spielt den irischen Schriftsteller und Dramatiker, der mit seinem "Bildnis des Dorian Gray" gerade auf dem Zenit seines Ruhms stand. Er fesselt vor allem durch seine kleinen Gesten, seine Mimik. So muss Wilde wohl gewesen sein: selbstsicher, selbstherrlich, selbstvergessen, arrogant und süffisant, stets eher an der aphoristischen Formulierung interessiert als an der Sache. Auch als nach der Haft gebrochener Mann überzeugt Bittl.
Ins Rollen gebracht hatte den entscheidenden Prozess der Vater von Wildes jungem Geliebten Lord Alfred Douglas, genannt Bosie. Sebastian Kolb füllt diese Rolle mit Leben, bringt Ungestüm ebenso wie Zweifel und stürmische Liebe. Nicht ganz so überzeugend ist Marius Bechen, der gleich vier Rollen hat. Neben der von Bosies Vater und Diener auch die von Wildes Rechtsanwalt und dem Rechtsvertreter der Gegenseite. Bechen beherrscht die Schauspielkunst, zeigt aber vor allem zwischen seinen beiden "Hauptrollen" zu wenig Unterschiede.
Spannung und aktuelle Bezüge
Neben dem Porträt Oscar Wildes ist das Stück das Sittengemälde der prüden und bigotten viktorianischen Zeit. Ein interessanter Rückblick, ein dokumentarisches Stück, dem es in der durchaus stringenten Regie von Kay Link allerdings nicht gelingt, einen Spannungsbogen aufzubauen.
Bleibt die Frage nach einem möglichen aktuellen Bezug. Zur Auseinandersetzung mit heutiger Intoleranz und Verlogenheit vermag das Stück nur bedingt dienen. Dazu bedürfte es zeitgemäßerer Inhalte. Denn hier und heute läuft die Diskriminierung von Homosexuellen, der erreichten rechtlichen Gleichstellung zum Trotz, anders ab – zwischen offenem Hass und fein dosierter politisch-administrativer Diskriminierung.
"Ein langer, süßer Selbstmord – der Fall Oscar Wilde" – weitere Termine: 5. bis 7.5., 11. bis 13.5., jeweils 20 Uhr, Freies Werkstatt-Theater, Zugweg 10, 50677 Köln, Internet: www.fwt-koeln.de, Karten: Tel. 02 21 / 32 78 17, E-Mail: fwt-koeln@t-online.de

























