25. 05. 2012
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Die verlogene Moral der Regierenden
(ehu) Nicht voller Geigen, sondern voller TV-Monitore hängt der Himmel im Reich des Herzogs Vincentio. Darin laufen in Endlosschleife die Persönlichkeitsprofile seiner Untertanen. Und die machen dem Herrscher Sorgen. Geben sie sich doch der Dekadenz und dem Laster hin und kümmern sich nicht um die Regeln für Sitte und Moral. Doch wie will er sie auf den rechten Weg zurückführen, nachdem er die Zügel so lange hat schleifen lassen?
Die Handlung
Das ist – in die aktuelle Zeit versetzt – die Ausgangslage von Shakespeares "Maß für Maß", von Gerhard Roiß im Theater im Bauturm inszeniert. Und so geht‘s weiter: Der Herzog geht auf Urlaub und übergibt die Macht Angelo, der im Ruf der Strenge steht. Der greift auch sofort durch und errichtet einen Überwachungsstaat auf dem neuesten technischen Stand, in dem sich die Bürger buchstäblich bis auf die Unterhose ausziehen müssen. Bald kann er ein abschreckendes Exempel statuieren: Claudio wird zum Tode verurteilt, weil er vor der Hochzeit mit seiner künftigen Frau geschlafen hat. Claudios Schwester Isabella bittet um Gnade für ihn. Angelo will die die Situation ausnutzen und lockt die angehende Nonne in sein Bett. Doch sie wird durch eine Prostituierte ersetzt – eine geschickt gesponnene Intrige des Fürsten, der sich als Priester zurück in seine Stadt geschlichen hat um zu beobachten, wie Angelo die Dinge meistert. Nun hat sich der Platzhalter Vincentios desselben Verbrechens schuldig gemacht, das er Claudio vorwirft. Er müsste – "Maß für Maß" ebenfalls zu Tode verurteilt werden...
Mit diesem Stück verhandelt Shakespeare ein klassisches Gesellschaftsthema: Was ist gute Regierungskunst, wie hält es der Herrscher mit den Gesetzen, die er selber erlassen hat? Das stimmt nicht immer überein, man braucht sich nur in dieser Welt umzusehen. Die Einhaltung der Menschenrechte etwa: hier von einer Regierung gefordert, wird das Fehlen in anderen Staaten gern übersehen, wenn es nur dem eigenen Vorteil dient. Und regelmäßig glauben nicht wenige Bürger, nur durch tiefgreifende Überwachung und strengere Strafen können Gesetzesverstöße verhindert werden.
Es liegt also nahe, dass Regisseure diesen Klassiker immer wieder "modernisieren", ihn in die aktuelle Zeit versetzen. Doch Roiß überlastet das Stück mit seiner Umsetzung. Warum er sich gerade eine jugendliche HipHop-Szene mit Sprachschwierigkeiten ausgesucht hat, bleibt rätselhaft, zumal da auch einiges nicht so richtig passt. Dazu lenken die vielen flimmernden Überwachungs-Monitore immer wieder vom Spiel auf der Bühne ab. Und das ist schade.
Die Schausspieler
Denn das Spiel der sechs Schauspieler ist hervorragend (auch das eine Leistung des Regisseurs). Sie machen, dass der Theaterabend doch noch zu einem Vergnügen wird. Da ist Johann Krummenacher als Herzog: herrisch und unsicher, durchtrieben, perfekt getarnt (Kompliment der Ausstattung). Bernhard Bauer als Angelo: machtbesessen, schleimig, bigott, als Wachtmeister: zackig und stur. Maximilian Löwenstein als Claudio: sensibel und verzweifelt, aber dazu verdammt, den Großteil der Aufführung als "gläserner Mensch" fast nackt in einem Glaskäfig zu stehen, comedyreif als osteuropäischer Knacki. Alexandra Lowygina: tugendhaft und verzweifelt als Claudios Schwester, verrucht und hintertrieben als Prostituierte. Claudio-Schulz-Keune als Lucio, der geflissentliche und opportunistische Helfer Angelos. Schließlich André Lehnert als Escalus, ein bisweilen aufgedrehtes Dilldöppchen mit Narrennase, Kommentator und Vorantreiber des Geschehens. Am Ende übersteht auch die machtvolle Sprache Shakespeares das Geschehen.
"Maß für Maß" – weitere Termine: 26.-29.1., 7.-10.2., jeweils 20 Uhr, Theater im Bauturm, Aachener Str. 24-26, 50674 Köln, Karten: Tel. 0221 / 52 42 42, Internet: www.theater-im-bauturm.de.

























