25. 05. 2012
Seite drucken
„Frau Müller muss weg!“
(ehu) Da sitzen sie auf den viel zu kleinen Kinderstühlchen. Zanken sich, vertragen sich wieder, tragen Eifersüchteleien aus, schreien sich an. Wie kleine Kinder. Dabei sind es doch Erwachsene, Eltern, die sich um die Zukunft ihrer Viertklässler sorgen. Denn die sollen aufs Gymnasium wechseln, zumindest auf die Realschule. Dazu aber braucht es gute Noten. Die Lehrerin aber, darin ist sich das Quintett einig, ist überfordert. Konsequenz: Frau Müller muss weg!
„Frau Müller muss weg!“ heißt das Stück von Lutz Hübner, das am Wochenende im Theater am Bauturm Premiere hatte. Mit Witz und Sarkasmus nimmt es die aktuelle deutsche Bildungsmisere unter die Lupe und geht gleichsam nebenbei der Frage nach, wer eigentlich die Verantwortung für die Erziehung in der Schule hat.
Die Eltern halten ihre Kinder für Musterschüler – welch Irrtum!
Für die Eltern ist klar: die Lehrerin. Denn ihre Kinder sind selbsverständlich alle Engel, wenn auch nicht unbedingt die Klassenbesten. Nur allzu gerne übersehen sie dabei, was der Nachwuchs wirklich in der Schule und in seiner Freizeit treibt. Laura fälscht Entschuldigungsschreiben, Janine spielt heimlich am Computer, Fritz bewirft die Lehrerin mit Papierkügelchen und verletzt sie am Auge und Ömer ist ein kleiner Schläger.
Die Eltern sind ein Querschnitt durch die Bevölkerung, wenngleich als liebenswürdige Klischees. Katja (Tina Seydel) – stets irgendwie um Ausgleich und Gerechtigkeit bemüht und selber im pädagogischen Bereich tätig – muss ihren Fritz allein erziehen. Der arbeitslose Wolf (Gerhard Roiß) macht für seine Tochter Janine die Hausaufgaben, all seine Zeit und Energie setzt er ein, um sie durch die Schule zu boxen. Lauras Mutter Jessica (Susanne Seuffert) ist mit einer „Lusche“ verheiratet und findet ihre Befriedigung im Amt der Elternsprecherin. Schließlich das türkische Ehepaar (Gandi Mukli und Elmira Rafizadeh), das lieber in Berlin-Kreuzberg geblieben wäre und die Ehestreitigkeiten auf Türkisch austrägt.
Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler liefern eine Höchstleistung ab
Regisseur Lutz Hübner treibt sein Ensemble zu Höchstleistungen: Da gibt es Wutausbrüche, die das Publikum mit Szenenapplaus belohnt, und stille Szenen der Verklemmtheit zwischen dem Ex-Liebespaar Katja und Wolf, da wechseln die Koalitionen, die Stimmungen und die Meinungen. Unter der Oberfläche brodelt es, verdrängte Abneigungen brechen hervor: „Dieser kleinwüchsige Türkenschläger!“.
Nicht zu vergessen Doris Plenert als „Frau Müller“. Die Eltern haben sie zur „Urteilsverkündung“ in die Klasse vorgeladen, Erklärungen sind nicht erwünscht, einen „Prozess“ hat es nicht gegeben. Wie die Lehrerin aus Leidenschaft und mit Prinzipien zunächst rat- und hilflos verzweifelt, dann die Initiative zurückgewinnt – das ist höchst eindrucksvoll und überzeugend gespielt. Am Ende sorgt sie für die Schlusspointe, die – so gehört es sich – hier nicht verraten wird. Der Premierenbeifall war nur folgerichtig.
„Frau Müller muss weg!“ – weitere Termine: 23. bis 26.11., 7. bis 10. und 19. bis 22.12., jeweils 20 Uhr, Theater im Bauturm, Aachener Str. 24-26, 50674 Köln, Karten gibt es unter der Telefonnummer 0221 / 52 42 42. Im Internet finden sie weitere Informationen unter: www.theater-im-bauturm.de.

























