25. 05. 2012
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Kafka mit viel Aufwand weichgespült
(ehu) Wo vor einigen Jahren noch Autobesitzer mit der Bürokratie einer Zulassungsstelle kämpften, befindet sich zur Zeit Kölns neueste Einrichtung der Rechtsprechung: das "Basalgericht". Welche Urteile es fällen sol, ist allerdings unklar, fest steht nur: Wer hier vorgeladen wird, ist schuldig. Wessen, wird er wohl nie erfahren – denn "Die Hundsprozesse" sind neuste Performance-Installation der Gruppe SIGNA für das Kölner Schauspiel. Die Idee dazu gab Kafkas Erzählung "Der Prozess".
Mit größtem Einfallsreichtum, Akkuratesse und Liebe zum Detail wurde das Haus in ein absurdes Gerichtsgebäude verwandelt. Da gibt es Zimmer voller Akten, eine öde Kantine, Überwachungskameras, jede Menge Formulare, ein Fotostudio, vertrocknete Blumen. Dann Putzfrauen, die mit Staubsaugerlärm die Gespräche stören, patroullierende Wachleute, Angestellte, die sich von Antragstellern verfolgt fühlen, Streit zwischen den Angestellten, schleimige Rechtsanwälte, die nur auf Geld aus sind, eine bestechliche Richterin, Wodkaflaschen auf den Schreibtischen – eine faszinierende Mischung zwischen Realität einer Behörde und schlimmsten Klischees.
Nicht das Vergehen ist im Basalgericht entscheidend, sondern die Schuld
Rund 60 Schauspieler kümmern sich um jeweils rund 60 Zuschauer, mehr verkraftet das Projekt nicht, das jedem Zuschauer ein individuelles Erlebnis bietet. Denn jeder Zuschauer wird mit dem Betreten des Hauses zum Verhafteten, zum Angeklagten. Auf jeden wartet ein ganz persönlicher Gang durch die Institutionen: er wird mehrfach verhört, zu seiner finanziellen Lage befragt (denn der Prozess wird teuer), vom Richter befragt, fotografiert, über das richtige Auftreten vor Gericht belehrt, mehr oder weniger schlecht von einem Anwalt beraten. Dazu gehört auch der Besuch eines makabren "Poeniaters", eines Arztes, der inkjlusive Urin-Abschmecken verschiedene Methoden entwickelt hat, mit der die Angeklagten lernen sollen, ihre Schuld zu akzeptieren.
Welche Schuld aber, erfährt der Zuschauer nicht. Wie auch Josef K. nicht, von dem Kafka erzählt. Doch das Gefühl der Hilflosigkeit, einer unnahbaren Institution ausgeliefert zu sein, will sich nicht recht einstellen. Zu sehr lenkt der durchschaubare Aufwand ab, der getrieben wird. Dazu tragen z.B. auch "Dauerangeklagte" bei, die als warnendes Beispiel durch die Gänge irren, ein Junkie, der – in Jesus ähnlicher Pose – die Schuld der Zuschauer auf sich nehmen will und dafür Prügel der Verhörenden bezieht. Das wirkt befremdlich, aber warum soll man als Zuschauer in ein Theaterspiel eingreifen?
Von Kafkas beklemmenden Abgründen bleibt bei den "Hundsprozessen" wenig übrig
Sollten tatsächlich Gefühle von "Betroffenheit" oder Beklemmung das Ziel des Abends sein, hat das Theater dafür bessere Mittel, die sich meist auch durch sparsamen Einsatz auszeichnen. "Kafkaesk" ist hier bestenfalls der Anspruch.
Man kann "Hundsprozesse" natürlich auch als Spiel sehen, sich einmal ohne negative Folgen mit einer Behörde zu streiten, ohne gleich "in echt" böse Folgen befürchten zu müssen. Doch Vorsicht: Die Schauspieler – Hochachtung! – sind auf alle Winkelzüge vorbereitet, sie aufs Glatteis zu führen – so gut wie ausgeschlossen. Und wer sich auf Facebook verewigt hat, muss sich nicht wundern, wenn sein Foto in den Gerichtsakten auftaucht. "Der Prozess" kann so zu einem sechs Stunden dauernden "Mensch ärgere Dich nicht" im Mitmachtheater werden. Von einem derart weichgespülten Kafka bleibt da allerdings auch nicht mehr viel übrig.
Fazit: "Die Hundsprozesse" sind – so oder so – ein grandioses Scheitern.
"Die Hundsprozesse" – weitere Termine: 25.-30.4., 10.-15.5., 17.-22.5., jeweils 18 Uhr, ehemalige Kfz-Zulassungsstelle in der Herkulesstr. 42, Karten: Erfrischungsraum des Schauspielhauses, Offenbachplatz, 50667 Köln, Karten: Kartenservice im Opernhaus, Offenbachplatz, 50677 Köln, Mo-Fr 10-18.30 Uhr, Sa 11-18.30 Uhr, Tel. 0221 / 22 12 84 00, tickets@buehnenkoeln.de, www.schauspielkoeln.de

























