25. 05. 2012
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Kölns Kultautor Brinkmann auf die Bühne gebracht
(ehu) Köln in den 60er Jahren, die Studenten hatte gerade mit ihrer Revolte begonnen. Noch herrscht der Muff des Wirtschaftswunders. Eine karg eingerichtete Dreizimmerwohnung, Altbau. Tapeten mit den typischen Mustern von damals engen die Welt ein. Halten den Muff der Zeit fest. Hier kämpft ein junges Paar um seine Beziehung, um seine individuellen Träume. Ein Kind war nicht geplant, jetzt ist es da. Der Kölner Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann hat über diese Leben – mit autobiografischen Bezügen – seinen einzigen Roman geschrieben. Der erschien 1968, jetzt hat Stefan Nagel "Keiner weiß mehr" ihn für die Schlosserei dramatisiert und inszeniert.
Es ist die Geschichte von zwei Menschen, die zu früh geheiratet haben. Heiraten mussten, so war das damals, denn eine Abtreibung war nicht möglich. In drastischen Worten beschreibt Brinkmann, wie die verlaufen wäre, wenn... Es geht um Eifersucht, um geplatzte Träume, um die richtige Kindererziehung, um die Versuche, Liebe zurückzugewinnen. Um Sex, echten und phantasierten. Darüber öffentlich und detailreich zu sprechen – auch das war damals ein Tabubruch. Der Text ist atemlos – und auch die Schauspieler stehen kurz davor Dass der Text schon über 40 Jahre alt ist, lässt sich nicht wegkürzen, auch wenn die deutlichsten Zeitbezüge fehlen. Ein klein bisschen angestaubt wirkt er schon, vieles, was seinerzeit skandalös und provokativ gewesen war, ist heute Alltag, Routine, Gewohnheit. Doch die Schilderung von Verzweiflung und Einsamkeit, von Versuchen des Ausbruchs und der Wiedergutmachung in einer Beziehung, von Selbsterforschung und Zielsuche, der Suche nach Zärtlichkeit und Geborgenheit, schließlich seine Atemlosigkeit machen den Text in dieser Inszenierung zeitlos.
Auch die Darsteller sind manchmal kurz davor, den Atem zu verlieren. Der Regisseur treibt sie im Laufe des Abends nicht nur zu immer größerem Sprechtempo an, er schickt sie auch immer wieder auf ein symbolträchtiges Laufband, Mittelpunkt des ansonsten kargen Bühnenbilds. Hier dürfen sie rennend ihren Lebenszielen nachrennen – erreichen werden sie sie wohl nicht. Und ob sie die Freiheit nutzen können, die sich ihnen mit dem Herunterreißen der Tapeten bietet, bleibt offen. Immerhin: Er hat sich gegen das Studium und für die Literatur entschieden. Wie Brinkmann.
Nagel übernimmt in seiner Inszenierung Brinkmanns Perspektive. Christoph Luser übernimmt die treibende Rolle des erzählenden "Er". Jennifer Frank spielt dessen ebenfalls namenlose Frau und Orlanda Klaus die Freunde der Familie und das spielende Kind. Am Ende gab es für alle den berechtigten, langanhaltenden Premierenbeifall.
"Keiner weiß mehr" – nächste Vorstellungen: 22. und 23.6., 29. und 30.6., 1. bis 3.7. jeweils 20 Uhr, Schlosserei des Schauspiels Köln, Karten: Kartenservice im Opernhaus, Offenbachplatz, 50677 Köln, Mo-Fr 10-18.30 Uhr, Sa 11-18.30 Uhr, Tel. 0221 / 22 12 84 00, tickets@buehnenkoeln.de, im Internet unter:www.schauspielkoeln.de.

























