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Labyrinth für Dummies und sonstige Stadtmöblierung


18.07.2011 14:39 von:

Schlagwörter: Kunst, Kontextualisierung, Öffentliche Kunst, Kunsthochschule für Medien, Skulp

(TB) Der sogenannte "Herkulesberg" ist einer jener Berge, wie sie in den meisten deutschen Großstädten zu finden sind. Im Volksmund, wenigstens im rheinischen Volksmund, werden diese Berge auch als „Monte Klamotte“, als Berg der "Klamotten" bezeichnet. „Klamotte“ meint hier keine Bekleidungsstücke sondern den „Sperrmüll“, die „Trümmer“ (Wobei sich in Köln hartnäckig das Gerücht hält, die Bezeichnung hätte doch was mit den "schicken Klamotten" der Szene zu tun.). Nach dem zweiten Weltkrieg mussten die Trümmer der Städte beseitigt werden, man schob sie in der Regel zu großen Trümmerbergen zusammen, die man dann irgendwo am Stadtrand „links“ liegen ließ.



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Erinnern wollte sich niemand gerne an diese Zeit. So hoffte man, dass die Natur diese Trümmerberge früher oder später wie ein gnädiger Mantel der Geschichte überdeckt. In Köln ist es genau so gekommen, zwischen "Subbelrather Straße", " Innerer Kanalstraße" und dem sogenannten Mediapark/Gleisanlagen des "Westrings", erhebt sich ein etwa 40 Meter hoher Trümmerberg, der mittlerweile ein „Trümmerdschungel“ ist, eine halb gepflegte, halb wilde Parkanlage. Auf den Trümmern des „dritten Reiches“ hat sich außerdem eine lebendige "Cruising Area" entwickelt. Es treffen sich Schwule in jedem Alter zum "cruisen" und auf der Suche nach "Dates". Genauso finden sich, in typisch kölscher Gemengelage, aber auch Jogginggruppen, Radfahrer und Spaziergänger.

Da Köln ansonsten Flachland ist hat man von hier eine wunderbare Aussicht über die ganze Stadt. Dennoch - der Herkulesberg ist einer jener Orte geblieben, die auf Distanz zur übrigen Stadt gehen. Ein Ort also, der "entrückt" ist aus dem Gewimmel der Großstadt, ein eigenes kleines Reich voller Überraschungen.

Genau hier hatte Andrey Ustinov, ein junger Künstler aus St. Petersburg, der gerade sein Diplom an der Kölner "Kunsthochschule für Medien" gemacht hat, seinen „Vorschlag für Stadtmöblierungen“ platziert. Es handelte sich um ein „Labyrinth für Dummies“.

Fotos unten: Vera Drebusch, Andrey Ustinov
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Eine graue Außenhülle, auf den ersten Blick vielleicht ein „stilles Örtchen“, entpuppt sich als ein weitgehend sinnentleertes „Gebäude“, von dem man nicht weiß welchen Zweck es haben soll. Vielleicht eine öffentliche Umkleidekabine? Eine Toilette oder gar eine Duschkabine? Einige Passanten fühlten sich sogar an eine Wahlkabine erinnert. Oder ist es ein innovativer Beichtstuhl, eine Sicherheitsschleuse, die Assoziationen sind so vielfältig wie die Besucher des Herkulesberges.

Bei einem Besuch der Skulptur standen dann die meisten Leute auch ratlos herum und fragten sich, was „die Stadt“ nun wieder aufgestellt hat. Dies liegt in der Absicht des Künstlers, der insbesondere an der Kontextualisierung seiner Skulptur interessiert ist.

Die Kontextualisierung und Neu-Kontextualisierung der Skulptur läuft dabei auf verschiedenen Ebenen ab. Jedes Objekt, welches heute in die „freie Wildbahn“ entlassen wird, muss sich die Kontextualisierung z.B. durch „Graffiti“ gefallen lassen. Auch Vandalismus und sonstige Kommentierung öffentlicher Möblierung ist zum Standard geworden. Genau diese Ebene der „Reaktionen der Öffentlichkeit“ lag im Fokus des Werkes, ist elementarer Bestandteil des Settings von Ustinov.

Die grauen Außenflächen, der vermeintlich administrative Charakter, und der nicht vorhandene direkt verständliche „Nutzen“, die Selbstzweckhaftigkeit des Objektes also, luden geradezu dazu ein die Skulptur zu kommentieren, in Besitz zu nehmen.

Doch die Kontextualisierung findet auch im Rahmen des Ortes selbst statt. Der Herkulesberg hat sich zu einer "Cruising Area" entwickelt, zu einem Ort halb öffentlicher Sexualität. Durch ihre Erscheinung als eine Skulptur, die gerade so etwas wie geschützte „Öffentlichkeit“ repräsentiert, handelt es sich hier auch um einen Verweis auf die Geschichte der „Homosexualität“, auf die Zeit also, als sich viele der homosexuellen Männer nicht wirklich in die Öffentlichkeit trauten, als ihre Sexualität in die Randzonen der Wahrnehmung verdrängt wurde, sogar strafbar war. Der graue „Liebestempel“, was aussen so langweilig, administrativ erscheint, dies ist hier vielleicht auch ein Ort der Lust.

Andrey Ustinov will mit seinem Objekt weitere Kontexte erforschen, so ist ein Aspekt der Arbeit die Verlagerung des Objektes an andere öffentliche Orte. Am Herkulesberg zeigten sich sofort die üblichen Graffitis und Zerstörungen. Werden sich diese auch an anderen Plätzen zeigen? Unterscheiden sich die Graffitis abhängig vom gewählten Ort?

Eine weitere Skulptur aus der Stadtmöblierungsserie ist der „Leuchtkasten“, ein Objekt was derzeit nahe der sogenannten Brachfläche „Kalk-Berg“ an der Grenze zwischen Buchforst und Kalk zu sehen ist. Der „Kalk-Berg“ - erneut ein städtischer „Sekundärdschungel“, nicht aus den Trümmern des zweiten Weltkrieges, aber aus dem Abraum der ehemaligen "Chemischen-Fabrik-Kalk". Ein auf einer Brachfläche gefundener alter Kasten mit einem unbekannten Verwendungszweck wurde abfotografiert, von seinem ursprünglichem Ort abmontiert, in ein Atelier verbracht und dort verändert. Auch hier erprobt Ustinov die de- und re-Kontextuierung von vorgefundenen und veränderten, transformierten Gegenständen.

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Insgesamt also durchaus überzeugende und spannende Arbeiten, die die Skulptur aus ihrer repräsentativen Statik befreien, und dabei stets den vorgefundenen und neu entstehenden Kontext betonen. Ein zufallsdeterminiertes Konzept der "Kunst der Zerstörung" ebenfalls integrieren, damit in einen Dialog mit der Öffentlichkeit einsteigen. Diese Position beinhaltet aber auch die Frage nach Besitz - nach Verteilung öffentlicher Ressourcen, denn das "Labyrinth für Dummies" markiert einen öffentlichen Raum, und entreisst ihn gleichzeitig der Öffentlichkeit, indem es einen scheinbar privaten Raum ausweist, besetzt, in Besitz nimmt.  

Alle Informationen auf der Website des Künstlers.

"Labyrinth für Dummies"

"Leuchtkasten"

 

 

 







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