25. 05. 2012
Seite drucken
Michael Kohlhaas kämpft um sein Recht
(ehu) Michael Kohlhaas wurden die Pferde geklaut. Ein schwacher Trost, dass er sich jetzt auf einem Fahrrad fortbewegen muss. Den Zuschauern aber gefällt die "Modernisierung", die das "N.N.-Theater" der bekannten Novelle Heinrich von Kleists hat angedeihen lassen. Bei der Köln-Premiere im Südstadt-Friedenspark gab es langen Beifall für die Dramatisierung in bester Tradition des freien Theaterensembles.
Das zeitlose Stück über Recht und Gerechtigkeit, über Macht und Ohnmacht, Ideal und Wirklichkeit, Verbrechen und Selbstjustiz, Konsequenz und Querulantentum mag in der Schule als Pflichtlektüre die Schüler quälen, in dieser Bühneninterpretation ist es ein wahres Vergnügen. Sie zeigt, was das N.N.-Theater bekannt gemacht hat: Witz, Phantasie und die Kunst, mit wenig Aufwand ganze Welten und große Gefühle zu produzieren.
Eine bittere Erfahrung: Recht und Gerechtigkeit sind manchmal zwei Dinge
Und die Geschichte von Michael Kohlhaas bietet davon eine Menge. Sie beruht auf einer historischen Figur aus dem 16. Jahrhundert. Einem Rosshändler wurden unter einem Vorwand zwei Pferde beschlagnahmt. Die Klage gegen den betrügerischen Junker blieb erfolglos, zumal dieser die wertvollen Tiere inzwischen zu Tode gequält hatte. Enttäuscht von der Justiz, nimmt Kohlhaas das Recht in die eigene Hand, schart Kumpane um sich, sie brandschatzen und morden. Martin Luther schaltet sich ein, vermittelt freies Geleit zum Kurfürsten von Sachsen, auf dessen Gebiet das Unrecht geschah. Nun bekommt Kohlhaas Recht, allerdings nicht seine toten Pferde zurück. Und wegen seiner Gewalttaten endet er am Galgen.
Mit seinen üblichen spitzen Bemerkungen, die Bezüge zur Tagesaktualität herstellen, hält sich diese Inszenierung (Regie: George Isherwood und Ute Kossmann) zurück. Auch die gewohnte Akrobatik ist etwas zurückgeschraubt. Doch das ist nur eine kleine Nörgelei. Grandios ist wieder die schauspielerische Leistung. Dazu zeichnet sich das fünfköpfige Ensemble (in der Titelrolle Tom Simon, dann Michl Thorbecke, Irene schwarz, Christine Per und Bernd Kaftan, überwiegend für die Musik verantwortlich) wieder durch rasante Kostüm- und Rollenwechsel aus. Immerhin tauchen neben der Titelfigur noch eine Ehefrau, zwei Kinder, ein Junker, ein Kurfürst, vier Gespielinnen, Martin Luther, drei Nonnen, zahlreiche Verwaltungsbeamte und Berater, eine Wahrsagerin, ein Knecht, ein marodierender Haufen und zwei Zöllner auf der Bühne auf.
Aus Fahrradteilen lässt sich mehr machen als nur ein Fortbewegungsmittel
Ein Genuss sind auch die Einfälle der Kostümbildnerinnen Sarah Damm und Lena Berens. Sie ersetzen nicht nur die klassischen Pferde durch moderne Stahlrösser, sondern nutzen die Einzelteile eines Fahrrads für alles nur Denkbare. Aus Rockschonern werden Fächer, aus Schutzblechen Schwerter. Eine Hängematte aus Schläuchen lädt zum adligen Nichtstun ein, und ein Reifenmantel eignet sich als Henkersstrick. Warum nicht eine Fahrradklingel als Ehering tragen? Ganz zu schweigen von den Kostümen, die sich aus Schlauchgummi nähen lassen.
Auf der Bühne wechselt saftiger Klamauk mit Momenten sensibler Gefühle. Für letzteres steht etwa die Sterbeszene von Kohlhaas‘ Ehefrau, die das Publikum ergriffen schweigen lässt. Dass der Tod auch anders sein kann, zeigt die Vergiftung des Kurfürsten am Ende des Dramas: Da wird gezuckt und gestöhnt, dass das Publikum nur lachen kann. Und Irene Schwarz fällt aus ihrer Rolle und fragt ihre Mitspieler: "War ich gut?". Ja, sie war gut – und alle anderen auch.
N.N. Theater: "Michael Kohlhaas" – nur noch Samstag, 6.8., 20.30 Uhr, Fort I, Friedenspark in der Südstadt, Oberländer Wall, Karten: KölnTicket oder im Intenet unter: www.nntheater.de.

























