25. 05. 2012
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Publikum in Geiselhaft
(ehu) Nach anderthalb Stunden Beklemmung befreite sich das Premierenpublikum nach einer kurzen Schockstarre mit minutenlangem Beifall. Davor hatten es drei Schauspielerinnen ohne Pausenunterbrechung in Atem gehalten. Drei Frauen in der Rolle von Überlebenden des Geiseldramas, bei dem vor acht Jahren tschetschenische Terroristen das Moskauer Dubrowa-Theater besetzten und 850 Menschen als Geiseln nahmen. Der abschließende Befreiungsangriff russischer Spezialeinheiten, die auch Nervengas einsetzten, kostete 192 Geisel und alle 42 Terroristen das Leben. Der Schriftsteller Torsten Buchsteiner hat über dieses Ereignis nach jahrelangen gründlichen Recherchen sein Bühnenstück "Nordost" geschrieben.
Auch wenn jede der Frauen ihre eigene Geschichte hat, unsichtbar sind sie miteinander verbunden. Zum einen durch die Geiselnahme, zum anderen durch den Krieg im Kaukasus. Da ist Zura (Amely Draeger), eine "schwarze Witwe", eine Frau im schwarzen Tschador, eine Selbstmord-Attentäterin. Dazu wurde sie, nachdem ihr Mann von russischen Truppen getötet wurde. Dem Sturmangriff der Spezialeinheiten entkommt sie, weil sie mit einer toten Geisel die Kleider tauscht. Das widerspricht zwar ihrem Einsatzbefehl, aber zumindest in diesem Moment "liebt sie das Leben mehr als den Tod". Doch ihren Ehemann will sie weiter rächen.
Mitleid mit der Selbstmordattentäterin, sogar Verständnis für ihre Tat
Olga (Doris Plenert) besucht das Theater mit ihrer Tochter und ihrem Ehemann Oleg. Für die Karten musste sie lange sparen. Oleg erstickt an dem Gas, das bei der Befreiung eingesetzt wird. So durch einen staatlichen Fehler zur Witwe geworden, kann sie die "schwarzen Witwen" verstehen, hat fast Mitleid mit ihnen, könnte sich sogar vorstellen, sich selber einen Sprengstoffgürtel umzubinden.
Tamara (Fiona Metscher) schließlich ist eine Rettungsärztin. Eigentlich wollte sie sich an diesem Abend mit ihrer Tochter und ihrer Mutter auch "Nordost" ansehen. Doch sprang sie für einen Kollegen ein – der nächtliche Einsatz führt sie zum Theater Dubrowa, wo auch Mutter und Tochter unter den Geiseln sind. Tamaras Ehemann war als russischer Soldat im Tschetschenienkrieg. Von den Grausamkeiten dort brutalisiert, hat er sich nach der Rückkehr nach Moskau das Leben genommen.
Auch ohne billige Effekte kann der Zuschauer den Schrecken nachempfinden
Die Aufführung im Theater der Keller macht das Publikum zum Mitspieler, verwandelt es in das Publikum, das sich am Abend des 23. Oktober 2002 beim Musical "Nordost" entspannen wollte. Die drei Protagonistinnen verhalten sich ihren Rollen entsprechend, bewegen sich auf der Bühne, sitzen im Publikum, stehen am Rand. In miteinander verschränkten Selbstgesprächen beschreiben sie das Geschehen jeweils aus ihrer Sicht. Ihre Sprache ist nüchtern, fast emotionslos – und darum um so fesselnder. Alles ist intensiv, dicht, kein Zuschauer kann sich dem entziehen. Regisseur Daniel Kuschewski verzichtet auf schauspielerische Gefühlsausbrüche und billige Effekte, trotzdem spiegeln sich in den "Berichten" der Frauen Zweifel und Verzweiflung, Angst und Hoffnung so, dass in den Köpfen des Publikums die Bilder des Dramas entstehen. Eine große, eine starke Leistung aller Beteiligten.
"Nordost" – 22.-24.3., 29.-31.3., 9. und 10.4., jeweils 20 Uhr, Kleingedankstr. 6, 50677 Köln, Karten: Tel. 02 21 / 31 80 59 (Mo-Fr 10-17 Uhr). Ticket gibt es unter: www.offticket.de, per Mail an:
tickets@theater-der-keller.de oder unter: www.theater-der-keller.de.

























