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22. 11. 2014
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Die letzte Drainage auf der Bowlingbahn - There will be Blood


30.12.2010 03:12 von:

Schlagwörter: Öl, Religion, Kapitalismus, Daniel Day-Lewis, Jonny Greenwood, Paul Thomas And

(TB)Nun der Film ist schon etwas älter, aber er hat eine beeindruckende Halbwertzeit, und wer ihn bis jetzt nicht gesehen hat, der sollte ihn sich anschauen. Für uns ist er ein beeindruckendes Werk zum Thema "Religion Kapitalismus".

Die letzte Drainage auf der Bowlingbahn

 

Nun der Film ist schon etwas älter, aber er hat eine beeindruckende Halbwertzeit, und wer ihn bis jetzt nicht gesehen hat, der sollte ihn sich anschauen. Für uns ist er ein beeindruckendes Werk zum Thema "Religion Kapitalismus".

Was ist so "dumm" am normalen Western, warum ist der Western nichts als ein Märchen? Er erzählt die Geschichte von Bauern und Viehzüchtern, sowie von kriminellen Elementen in den "Städten" der jungen USA, diese Fokussierung ermöglicht eine vergleichsweise harmlose Geschichtsschreibung, mit klar verteilten Rollen - Gesetzloser, Cowboy, Marshall – manchmal böse oder verherrlichte "Indianer".

„Oil“ von Upton Sinclair, diente als lockere Vorlage für „There will be Blood“, allerdings ist der Film ganz sicher keine Verfilmung, nach Auskunft des Regisseurs ließ er sich nur von den ersten 150 Seiten inspirieren.

Der Inhalts Limerick zu "There will be blood":

Plainview will das Öl und was er alles dafür tut

er findet's im Boden der dritten Offenbarung

plötzlich explodiert der Förderturm

Plainviews Sohn ist nun taub, der arme Wurm

am Ende Bowlingbahn - der Priester liegt im eignen Blut.

 

„There will be blood“ dies ist ein Titel, der eine Prophezeiung ist, der aber auch die Handlung einer zeitlichen Dynamik unterwirft, die letztlich in der Erwartung der Erfüllung der Prophezeiung liegt. Diese zeitliche Dynamik einer Prophezeiung ist die U(h)rsuppe jedweder Religion, die ihre Anhänger stets der Struktur einer Vorhersage, einer apokalyptischen oder einer paradiesischen, unterwirft. Diese strukturelle Erwartungshaltung finden wir mehr oder weniger in allen Religionen, je interventionistischer das Gottesbild der Religion ist, umso drastischer und stärker werden die Prophezeiungen, "denn wahrlich Brüder ich sage euch der Herr wird kommen und euch richten", Ursuppe des Glaubens – Ursuppe Öl, dies ergibt in "There will be Blood" die wahre Suppe des Lebens - Blut. Und so haben wir alle dramatischen Elemente des überzeugenden und streckenweise in eine neue Ästhetik getunkten Films „There will be blood“ zusammen. Abstrakt ergibt dies den – INDUSTRIELLEN – "Gründungsmythos" der USA – der Ölmann, der Priester, der arme Farmer – der sein karges Land an den Ölmann verkauft, damit seine Kirche, dieses mal die der "dritten Offenbarung", blühen möge – und fürwahr es waren seltsame Geschöpfe und eigentümliche Glaubensvorstellungen, die sich seinerzeit in das Land der Verheißung aufgemacht haben. Große Teile dieser „Kirchen“ gründen sich auf das Laienpriestertum, und nun ja, der Laienpriester, dies ist dann eben oft ein Mann, der seine Offenbarungen auf einem einsamen Hügel in den Plains erhalten hat, es erschien ihm Dies und Das. Eines aber was die Amtskirche Europas prinzipiell schon hinter sich hatte, lag noch vor diesen Laienkirchen, sie mussten ein Wirtschaftsimperium werden, um endlich auch politische Macht erlangen zu können, und hier da trafen sich dann Kapitalismus und Kirche in irgendeinem dreckigen und stinkenden Bohrloch in den Plains, welches nur eine Zapfstelle der Hölle gewesen sein kann, daran aber muss Mann zugrunde gehen, der Laien-Prediger wie der Ölbaron.

Doch es geht hier auch um eine Abstraktion, die erste Generation der Ölbarone, zu denen zweifelsohne auch Daniel Plainview zählte, stand noch selbst bis zum Halse in der stinkenden und krebserregenden Brühe. Die Öllöcher waren keine Fördertürme, sondern offenliegende Ölbrunnen, die mit primitivsten Mitteln ausgebeutet wurden. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Technik, das Öl wurde abstrakter, es wurde nun gepumpt, es blieb das Transportproblem, die ersten Pipelines entstanden. Für diese Teilabschnitte des ersten Ölbooms in den USA findet Paul Thomas Anderson hervorragend raffinierte Bilder – es gelingt ihm also aus dem Öl feinstes "Super" zu raffinieren, öche.

Es sind vor allem in der beinahe stummen ersten viertel Stunde archetypische Bilder der Konfrontation von Wildnis und Industrie, die gerade gekennzeichnet sind durch die Abwesenheit jedweder Spiritualität. Angesichts des Öls und der frühen Fördermethoden will der Dreiklang aus „Land – Weite – Gott“ nicht gelingen, es sei denn dieser Dreiklang ließe sich in einem 20 Meter tiefen stinkendem Loch erhören. Das alles interessiert Daniel Plainview sowieso erst als er durch einen Farmersohn erfährt, dass in „Little-Bosten“ Öl aus dem Boden tropft, dieses Land gehört elenden Farmern, die zur „Kirche der 3. Offenbarung“ gehören, die von einem Laienprediger angeführt wird. Vor diesem Hinergrund kann sich das industriell-religiöse Frühstadium der heutigen Weltmacht entfalten. Und letztlich werden beide Religionen gleich radikal und rücksichtslos um die Menschen und die Werte kämpfen: auf der einen Seite die Religion Kapitalismus und auf der anderen Seite die Religion einer der zahlreichen Kirchen der USA. Doch "Kirche Kapitalismus" und "Kirche Religion" gehen auch Bündnisse ein, was bis heute gerade in der Person "George W. Bushs" oder "der Tea-Party" virulent ist. (Damit ist nicht gesagt, dass die "Baptisten", die Obama mit tragen, hier weniger "offenbart" sind, aber das ist eine andere Geschichte.) USA - Civil Religion. Insbesondere Plainviews religiös anmutender Kampf gegen den Monopolisten "Standard Oil", definiert die Konkurrenz als eine ebenfalls religiöse, rituelle Triebfeder der "Religion Kapitalismus". Obschon Plainview auf ein Angebot von Standard hätte eingehen können, weißt er es zurück, nur um seine sinnlos gewordene Exisenz im Kampf gegen den Monopolisten wetier zu rechfertigen.

Es entsteht ein dauernder Tonus, getragen vom genialen Soundtrack Jonny Greenwoods. In einer der stärksten Szenen, als Daniel seinen Sohn nach einem Unfall vom Förderturm holt, löst der Sound die Sequenz gleichsam aus dem Strom des Filmes, kippt ins gänzlich Lyrische und erreicht damit eine Erhabenheit, eine Entrücktheit, wie sie vielleicht bei den Gläubigen des LaienPredigers Eli entstehen. Dies sind tatsächlich deliriante bis ekstatische Bilder und Klänge, die vortrefflich mit einer ekstatischen bis deliranten Religiosität korrespondieren. Der Film distanziert sich ansonsten durch seinen harten Realismus von diesen Bildern, aber, er macht diese „Verzückung im Elend“ erfahrbar. Gleich eine der ersten Szenen erreicht ebenfalls eine grandiose Kraft: Ein Arbeiter steht in einem Ölloch und ist vollkommen Schwarz von der Brühe, nur seine Augen funkeln noch ein Wenig, plötzlich bricht oben die Förderkonstruktion und schießt nach unten, als die Konstruktion mit Wucht auf den Körper schlägst sehen wir für den Bruchteil einer Sekunde zartes Rot – Blut aus dem ölverschmierten Körper spritzen, wie ein feiner Nebel nur, um sich sofort mit dem Schwarz des Öls zu mischen, der Mann bricht zusammen ist tot.

Nein, „There will be Blood“ hat nichts heroisches wie „Giganten“, es entstehen keine (Anti)-Helden, keine Eroberer, es entstehen gebrochene Menschen, nichts außer Einsamkeit, kleine, elende Menschen, die keine eigene Sprache finden – Menschen die nicht zuhören können, wir sehen Menschen in ein Räderwerk verstrikt.  Dennoch entstehen, nicht auf der Leinwand, aber in unseren Köpfen die alt bekannten Bilder der "Epischen US Helden", das ist die Erinnerung an all die "designte" Geschichte, die Erinnerung an andere Filme. Und so wird in "There will be Blood" eben auch die Frage nach einer nur gestalteten "Erinnerung" gestellt. Wenn Tarantino Gewalt zum Designelement gemacht hat, dann bricht "There will be Blood" derartige Designvorstellungen, dadurch, dass innerhalb der Gewaltszenen, wie beim Tod des "Bruders", Gewalt stets als fast unsichbare, stille und kleine Handlung passiert, nicht zur "erhabenen" Designerfahrung wird.   Vielleicht ist der „Sohn“ von Daniel ja deshalb taub geworden, weil es in einer solchen Welt nichts gibt dem man zuhören sollte.

Der Film transponiert die Ereignisse auch nicht in einen "Indipendent - Poplayer", nicht in glanzvolle Oberflächen, so lässt er keine Flucht zu – in gewisser Weise also auch ein „No Country for old men“ für Erwachsene. In kaum einem anderen Film werden die Helden der US Geschichte derart zurechtgestutzt, wird die Abwesenheit von Bildung, Kultur und Liebe derart drastisch thematisiert. Die große Leere der Plains mit irgendwas anderem als Wildnis oder Gier zu füllen ist nicht gelungen, es bleibt abzuwarten was uns am Ende des Ölzeitalters bevorsteht, wahrscheinlich nichts als die letzte Drainage auf der Bowlingbahn. Mephisto.

„There Will Be Blood“ USA 2007

Regie Paul Thomas Anderson

Drehbuch Paul Thomas Anderson

Produktion Paul Thomas Anderson,
Daniel Lupi, Joanne Sellar

Musik Jonny Greenwood

Kamera Robert Elswit

Schnitt Dylan Tichenor

Darsteller:

Daniel Day-Lewis: Daniel Plainview

Paul Dano: Eli Sunday und Paul Sunday

Kevin J. O’Connor: Henry

 

Ciarán Hinds: Fletcher

Dillon Freasier: H.W. (Kind)

Russell Harvard: H.W. (Erwachsener)

 







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