24. 05. 2013
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Die letzte Drainage auf der Bowlingbahn - There will be Blood
Nun
der Film ist schon etwas älter,
aber er hat eine beeindruckende Halbwertzeit, und wer ihn bis jetzt
nicht gesehen hat, der sollte ihn sich anschauen. Für uns ist er ein
beeindruckendes Werk zum Thema "Religion Kapitalismus". Was ist so
"dumm" am normalen Western, warum ist der Western nichts
als ein Märchen? Er erzählt die Geschichte von Bauern und
Viehzüchtern, sowie von kriminellen Elementen in den "Städten"
der jungen USA, diese Fokussierung ermöglicht eine vergleichsweise
harmlose Geschichtsschreibung, mit klar verteilten Rollen -
Gesetzloser, Cowboy, Marshall – manchmal böse oder verherrlichte "Indianer".
„Oil“ von Upton
Sinclair, diente als lockere Vorlage für „There will be Blood“,
allerdings ist der Film ganz sicher keine Verfilmung, nach Auskunft des
Regisseurs ließ er sich nur von den ersten 150 Seiten inspirieren.
Der Inhalts Limerick zu "There will be blood": Plainview will das Öl und
was er alles dafür tut er findet's im Boden der
dritten Offenbarung plötzlich explodiert der
Förderturm Plainviews Sohn ist nun
taub, der arme Wurm am Ende Bowlingbahn
- der Priester liegt im eignen Blut. „There
will be blood“
dies ist ein Titel, der eine Prophezeiung ist, der aber auch die
Handlung einer zeitlichen Dynamik unterwirft, die letztlich in der
Erwartung der Erfüllung der Prophezeiung liegt. Diese zeitliche
Dynamik einer Prophezeiung ist die U(h)rsuppe jedweder Religion, die
ihre Anhänger stets der Struktur einer Vorhersage, einer
apokalyptischen oder einer paradiesischen, unterwirft. Diese
strukturelle Erwartungshaltung finden wir mehr oder weniger in allen
Religionen, je interventionistischer das Gottesbild der Religion ist,
umso drastischer und stärker werden die Prophezeiungen, "denn
wahrlich Brüder ich sage euch der Herr wird kommen und euch richten",
Ursuppe des Glaubens – Ursuppe Öl, dies ergibt in "There will be Blood"
die
wahre Suppe des Lebens - Blut. Und so haben wir alle dramatischen
Elemente des überzeugenden und streckenweise in eine neue
Ästhetik getunkten Films „There will be blood“ zusammen.
Abstrakt ergibt dies den – INDUSTRIELLEN
– "Gründungsmythos" der USA – der Ölmann, der Priester, der arme
Farmer – der sein karges Land an den Ölmann verkauft, damit seine
Kirche, dieses mal die der "dritten Offenbarung", blühen möge – und
fürwahr es waren seltsame Geschöpfe und eigentümliche
Glaubensvorstellungen, die sich seinerzeit in das Land der Verheißung
aufgemacht haben. Große Teile dieser „Kirchen“ gründen sich
auf das Laienpriestertum, und nun ja, der Laienpriester, dies ist
dann eben oft ein Mann, der seine Offenbarungen auf einem einsamen
Hügel in den Plains erhalten hat, es erschien ihm Dies und Das. Eines
aber was die Amtskirche Europas prinzipiell schon hinter sich hatte,
lag noch vor diesen Laienkirchen, sie mussten ein Wirtschaftsimperium
werden, um endlich auch
politische Macht erlangen zu können, und hier da trafen sich dann
Kapitalismus und Kirche in irgendeinem dreckigen und stinkenden
Bohrloch in den Plains, welches nur eine Zapfstelle der Hölle gewesen
sein kann, daran aber muss Mann zugrunde gehen, der Laien-Prediger wie der
Ölbaron.
Doch es geht hier auch um
eine Abstraktion, die erste Generation der Ölbarone, zu denen
zweifelsohne auch Daniel Plainview zählte, stand noch selbst bis zum Halse in der
stinkenden und krebserregenden Brühe. Die Öllöcher waren
keine Fördertürme, sondern offenliegende Ölbrunnen, die mit
primitivsten Mitteln ausgebeutet wurden. Im Laufe der Zeit
entwickelte sich die Technik, das Öl wurde abstrakter, es wurde nun
gepumpt, es blieb das Transportproblem, die ersten Pipelines
entstanden. Für diese Teilabschnitte des ersten Ölbooms in den
USA findet Paul
Thomas Anderson hervorragend raffinierte Bilder – es gelingt
ihm also aus dem Öl feinstes "Super" zu raffinieren, öche. Es sind vor allem
in der beinahe stummen ersten viertel Stunde archetypische Bilder der
Konfrontation von Wildnis und Industrie, die gerade gekennzeichnet
sind durch die Abwesenheit jedweder Spiritualität. Angesichts
des Öls und der frühen Fördermethoden will der Dreiklang aus „Land
– Weite – Gott“ nicht gelingen, es sei denn dieser Dreiklang
ließe
sich in einem 20 Meter tiefen stinkendem Loch erhören. Das alles
interessiert Daniel Plainview sowieso erst als er durch einen
Farmersohn erfährt, dass in „Little-Bosten“ Öl aus dem Boden
tropft, dieses Land gehört elenden Farmern, die zur „Kirche der 3.
Offenbarung“ gehören, die von einem Laienprediger angeführt wird. Vor
diesem Hinergrund kann sich das industriell-religiöse Frühstadium der
heutigen
Weltmacht entfalten. Und letztlich werden beide Religionen gleich
radikal und rücksichtslos um die Menschen und die Werte kämpfen:
auf der einen Seite die Religion Kapitalismus und auf der anderen
Seite die Religion einer der zahlreichen Kirchen der USA. Doch "Kirche
Kapitalismus" und "Kirche Religion" gehen auch Bündnisse ein, was bis
heute gerade in der Person "George W. Bushs" oder "der Tea-Party"
virulent ist. (Damit ist nicht gesagt, dass die "Baptisten", die Obama
mit tragen, hier weniger "offenbart" sind, aber das ist eine andere
Geschichte.) USA - Civil Religion. Insbesondere Plainviews religiös anmutender Kampf gegen den Monopolisten "Standard Oil", definiert die Konkurrenz als eine ebenfalls religiöse, rituelle Triebfeder der "Religion Kapitalismus". Obschon Plainview auf ein Angebot von Standard hätte eingehen können, weißt er es zurück, nur um seine sinnlos gewordene Exisenz im Kampf gegen den Monopolisten wetier zu rechfertigen. Es entsteht ein dauernder
Tonus, getragen vom genialen Soundtrack Jonny
Greenwoods. In einer der stärksten Szenen, als
Daniel seinen Sohn nach einem Unfall vom Förderturm holt, löst der
Sound die Sequenz gleichsam aus dem Strom des Filmes, kippt ins
gänzlich Lyrische und erreicht damit eine Erhabenheit, eine
Entrücktheit, wie sie vielleicht bei den Gläubigen des LaienPredigers Eli entstehen. Dies sind tatsächlich deliriante bis
ekstatische Bilder und Klänge, die vortrefflich mit einer
ekstatischen bis deliranten Religiosität korrespondieren. Der Film
distanziert sich ansonsten durch seinen harten Realismus von diesen
Bildern, aber, er macht diese „Verzückung im Elend“ erfahrbar. Gleich
eine der ersten Szenen erreicht ebenfalls eine grandiose Kraft: Ein
Arbeiter steht in einem Ölloch und ist vollkommen Schwarz von der
Brühe, nur seine Augen funkeln noch ein Wenig, plötzlich bricht
oben die Förderkonstruktion und schießt nach unten, als die
Konstruktion mit Wucht auf den Körper schlägst sehen wir für den
Bruchteil einer Sekunde zartes Rot – Blut aus dem ölverschmierten
Körper spritzen, wie ein feiner Nebel nur, um sich sofort mit dem
Schwarz des Öls zu mischen, der Mann bricht zusammen ist tot.
Nein, „There will be
Blood“ hat nichts heroisches wie „Giganten“, es entstehen keine
(Anti)-Helden, keine Eroberer, es entstehen gebrochene Menschen, nichts
außer Einsamkeit, kleine, elende Menschen, die keine eigene Sprache finden –
Menschen die nicht zuhören können, wir sehen Menschen in ein Räderwerk verstrikt.
Dennoch entstehen, nicht auf der Leinwand, aber in unseren Köpfen die alt bekannten Bilder der "Epischen US Helden",
das ist die Erinnerung an all die "designte" Geschichte, die Erinnerung an andere Filme. Und so wird in "There will
be Blood" eben auch die Frage nach einer nur gestalteten "Erinnerung" gestellt. Wenn Tarantino Gewalt zum Designelement gemacht hat,
dann bricht "There will be Blood" derartige Designvorstellungen, dadurch, dass innerhalb der Gewaltszenen, wie beim Tod des "Bruders",
Gewalt stets als fast unsichbare, stille und kleine Handlung passiert, nicht zur "erhabenen" Designerfahrung wird.
Vielleicht ist der „Sohn“
von Daniel ja deshalb taub geworden, weil es in einer solchen Welt
nichts gibt dem man zuhören sollte. Der Film transponiert die
Ereignisse auch nicht in einen "Indipendent - Poplayer", nicht in
glanzvolle Oberflächen, so lässt er keine Flucht zu – in gewisser
Weise also auch ein „No Country for old men“ für Erwachsene. In kaum
einem anderen Film werden die Helden der US Geschichte derart
zurechtgestutzt, wird die Abwesenheit von Bildung, Kultur und Liebe
derart drastisch thematisiert. Die große Leere der Plains mit
irgendwas anderem als Wildnis oder Gier zu füllen ist nicht
gelungen, es bleibt abzuwarten was uns am Ende des Ölzeitalters
bevorsteht, wahrscheinlich nichts als die letzte Drainage auf der
Bowlingbahn. Mephisto. „There Will Be Blood“
USA
2007
Regie
Paul
Thomas Anderson
Drehbuch
Paul Thomas Anderson
Produktion
Paul Thomas Anderson, Musik
Jonny
Greenwood
Kamera
Robert Elswit
Schnitt
Dylan Tichenor
Darsteller: Daniel
Day-Lewis: Daniel Plainview Paul
Dano: Eli Sunday und Paul Sunday
Kevin
J. O’Connor: Henry
Ciarán
Hinds: Fletcher
Dillon Freasier: H.W. (Kind)
Russell Harvard: H.W. (Erwachsener)
(TB)Nun
der Film ist schon etwas älter,
aber er hat eine beeindruckende Halbwertzeit, und wer ihn bis jetzt
nicht gesehen hat, der sollte ihn sich anschauen. Für uns ist er ein
beeindruckendes Werk zum Thema "Religion Kapitalismus". Die letzte Drainage auf
der Bowlingbahn
Daniel Lupi, Joanne Sellar






















