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23. 11. 2014
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Ich sehe den Mann deiner Träume - "Gespenster" Light


11.12.2010 03:38 von:

Schlagwörter: Woody Allan, Film, Kino, Drama, Henrik Ibsen

Da draußen kann man auf so überschwengliche Weise Glück empfinden,
allein deshalb, weil man auf dieser Welt ist.
Mutter, hast Du bemerkt, dass sich alles, was ich gemalt habe, um die Lebensfreude dreht?
Immer um die Lebensfreude.
Da ist Licht und Sonne und Sonntagsluft – und da sind strahlende Menschengesichter.
Darum habe ich Angst, hier bei Dir zu Hause zu bleiben.

Osvald zur Mutter in
Henrik Ibsen "Gespenster"

(TB) Ist England ein Rentnerparadies, bzw. ist England der Ort an dem Woody Allan den Herbst seines Lebens verbringen möchte, vielleicht passt das regnerische Wetter ja zum Alter, man weiss es nicht.

Was ist nur los? Mittlerweile bin ich, und ich gebe das hier offen zu, als echter Woody Allen Fan, ein wenig genervt, denn der Mann zitiert sich in einem fort selbst, diesmal wieder diese an "Mighty Aphrodite" angelehnte Geschichte, dass Leute mit einem IQ von 70-80 den meisten Spass am Sex haben, aber eben nicht auf Ibsen stehen. Der Mann der seine Frau verlässt um im Viagra Rausch, diese selten dämliche ex- oder noch Prostituierte "Charmaine" zu heiraten, damit sie ihm den Sohn schenkt, den er zuvor verloren hatte, damit sie ihn zum jungen Mann macht. Natürlich bringt sie ihn um sein Geld, weshalb er noch versucht zu seiner Frau zurückzukehren. Der Autor, der die Story eines anderen klaut, weil er dachte dieser sei bei einem Unfall ums Leben gekommen, damit berühmt wird, daraufhin seine Frau verlässt, oder sie ihn, weil es vorher auch schon kriselte. Schließlich der allseits bekannte Esoteriklayer - und die Erkenntnis das Illusionen manchmal besser sind als Pillen, und Wahrsager irgendwie auch immer mit einer 50%-50% Chance richtig liegen. Das ist ein Mashup aus vielen Woody Allan Filmen, aber die Charaktere bleiben hier holzschnittartig, angedeutet, die Dialoge sind vorhersehbar. Vieles wird an der Oberfläche angerissen, um dann in in zwei - drei kurzen Dialogen abgehandelt zu werden. 

Sicher handwerklich ist der Film absolut gekonnt, liebevoll irgendwie, er hat einen gewissen Humor, und ist recht beschwingt. Aber er ist eben auch oberflächlich, nichts ist zu spüren von Allens suberversiv-konzentrierten Charakterstudien früherer Tage, es fehlen gekonnte tiefsinnige Anspielungen auf Dramen, auf den Literaturbetrieb. Die unübersehbare Anlehnung an Ibsen bleibt blass und weichgezeichnet er nimmt hier sowieso nur die Grundidee der Trugbilder auf, versucht sich aber dennoch mit ihnen auseinanderzusetzen, was nicht gelingen kann. Er setzt sich also nicht wirklich mit diesem grandiosen Werk auseinander, was er im Bezug auf viele andere Dramen und Weltliteratur in seinen besten Filmen aber sehr wohl tat, und dis um sie satirisch gegen den Strich zu bügeln, um sie in eine eigene Lebenswirklichkeit zu transformieren. Dabei sind grandiose Filme entstanden - übrigens war "Mighty Aphrodite" einer davon. 

Gut sind die rar gesähten Momente an denen die Charaktere zu implodieren scheinen, zum Beispiel als es kein Geld für die Galerie gibt, als die Verwechselung in Sachen Koma auffliegt. Die Tote, die sich in eine Liebe der Irdischen einmischt, etc. Es gibt also diese kaskadierenden Trugbilder, das Trugbild des einen zerstört das Trugbild des anderen, nur um ein neues entstehen zu lassen. Dennoch - so wie es ist, ist es ziemlich simpel gestrickt, und wirkt zum Teil aufgesetzt.

Es gibt auch in Deutschland dieses heiter beschwingte "Boulevardtheater" für Rentner, diesem nähert sich Allan mit diesem altklugen Film an, der vorgibt alles über das Älter werden und die Liebe zu wissen, aber letztlich nicht in eine Auseinandersetzung mit diesem Thema einsteigt. Er bedient  hier gesellschaftliche Klischees über "das Älter werden", der Mann in der verspäteten "Mittlebenskrise", die Frau in der Sinnkrise - Ausweg "Spiritualität", die Kinder brauchen auch mit Anfang 30 immer noch das Geld der Eltern - das sind alles tausendemale durchdeklinierte Motive die, meiner Auffassung nach, nicht ausreichen um (schon wieder) einen Film daraus zu machen.

Vielleicht sollte Woody Allan einfach mit dieser englischen Phase aufhören, und etwa bei "Deconstructing Harry" nocheinmal von vorne anfangen - und bitte, bitte in New York - oder gut meinetwegen in Mexiko oder Los Angeles.

 

"Frau Alving springt verzweifelt auf, rauft sich mit beiden Händen das Haar und schreit:
Das ist nicht zu ertragen! Flüstert wie erstarrt. Das ist nicht zu ertragen!
Nimmermehr! Plötzlich. Wo hat er sie nur? Fährt pfeilschnell über seine Brust hin. Hier!
Weicht ein paar Schritte zurück und schreit:

Nein, nein, nein! – Ja! – Nein; nein! Sie steht ein paar Schritte von ihm entfernt,
die Hände in das Haar vergraben, und stiert ihn in sprachlosem Entsetzen an."

Osvaldsitzt unbeweglich nach wie vor und sagt: Die Sonne. – Die Sonne.

Henrik Ibsen "Gespenster" Ende.

 







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