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3. 09. 2014
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Jerichow


26.12.2009 18:47 von:

Schlagwörter: Hennicke, Jerichow, Petzhold, Heimat, Fürmann, Hoss, Sözer


(TB) Jerichow liegt nahe der Prignitz. Kleine Orte reihen sich in der Ebene - durchflossen von der Havel irgendwo zwischen Wolfsburg und Berlin, im Niemandsland der ehemaligen "Zone". Seit dem Mauerfall verliert die Prignitz zunehmend an Einwohnern durch Wegzug in die Großstädte. Mittlerweile (2007) zählt der Landstrich zu den am dünnsten besiedelten Deutschlands. Es wird damit gerechnet, dass diese Entvölkerung noch Jahrzehnte anhalten wird. Der tatsächliche Ort "Jerichow" aber dient hier nur als Namensgeber, der Film wurde eben in der Prignitz und in Mecklenburg Vorpommern gedreht.
Jerichow fragt nach Heimat, oder besser nach den entscheidenden Motiven, die einen Ort, eine Gegend zur Heimat machen. Einer Heimat, die sich verflüchtigt. Menschen müssen sich ihre Heimat selber schaffen, wem das gelingt der hat ein postmodernes Zuhause. Dies wäre recht plakativ eine der Grundthesen des Films. Damit wird den traditionellen Heimatkonzepten eine Absage erteilt, denn was ist schon Heimat, wenn es dort keine Arbeit, kein Leben, keine Hoffung gibt - Heimat - das kann man nicht essen. Es sind die einzelnen Menschen auf die es ankommt, woher diese letztlich stammen ist vollkommen egal.


Christian Petzold:

  "Der Thomas, die Figur, die der Benno Fürmann spielt, ist von der ersten Sekunde an vom Nichts umgeben. Das ist im Grunde genommen sein Zustand. Er versucht, so etwas wie Heimatbuilding zu betreiben. Das Haus wieder aufzubauen, einen Ort, eine Adresse zu haben, Friedrich- Engels-Damm 1. Und so muss er im Film am Anfang geschichtslos sein, eher eine Bewegung in eine Geschichte, die andere Leute haben."  

  Heimat - das ist ein Niemandsland, vielleicht, ein Land das wir nur innen, nicht aber außen in Symbolen und Zuschreibungen finden können. Dies scheint traurig zu sein, beraubt es uns doch des so sicher geglaubten Gefühls des "Ankommens", des "Angekommen seins", und doch ist es letztlich die einzig mögliche Form eines zeitgemäßen Heimatbegriffes.
Wie oft in Petzolds Filmen kommt es zu einer zufallsdeterminierten Begegnung von wankenden, zweifelnden und suchenden Menschen. In Jerichow sind es Thomas (Benno Fürmann), jung, wortkarg, ein unehrenhaft aus der Armee entlassener Soldat. Ali (Hilmi Sözer), vom Leben schon ein wenig mitgenommen, aber immer noch offen, dem Leben zugewandt, ein deutsch-türkischer Unternehmer, der sich von den Pächtern seiner Imbissbuden nicht betrügen lassen will, schließlich Laura (Nina Hoss), eine Frau mit Vergangenheit, durch Alis Schein kaum wahrnehmbar.
 
Jerichow von Christian Petzold ist eine Dreiecksgeschichte voller kaskadierender Sehnsüchte und Hoffnungen, Sehnsüchte deren mögliche Erfüllung stets weitere Schichten des Verlangens bloßlegt. Ein Reigen der unerfüllten Träume, vielleicht der Unerfüllbarkeit von Träumen.
Ein innerer Roadmovie, der seine äußere Entsprechung in den Bildern von weiten, leeren lichtdurchfluteten und winddurchwehten Landschaften findet, dabei formal stets real bleibt um seine tiefe Poesie aus einer Imagination zu schöpfen, die im Inneren der Protagonisten verborgen liegt. Es entfaltet sich eine Art "Open-Air-Kammerspiel" dessen innere Gedrängtheit im krassen Gegensatz zur äußeren Leere und Weite der Mechklenburgischen Landschaft steht.
Nun - es ist wie es ist, Petzold gelingt erneut ein großartiger Film, der neue Akzente setzt, jeglischen Kitsch, der bei dieser Story seine Fettnäpchen gut platziert hatte, umschifft. Sachlich, scheinbar; Elegant, leise, leicht doch voller Sehnsucht - ohne zu schmachten, und ohne zum Holzhammer zu greifen, das nenne ich intelligentes zeitgemäßes Kino. Und ja - man darf auch noch selber denken.


   

Buch & Regie: Christian Petzold
  Bild: Hans Fromm, bvk
Montage: Bettina Böhler

Darsteller
Thomas, Benno Fürmann, Laura, Nina Hoss, Ali, Hilmi Sözer, Leon, André M. Hennicke
Sachbearbeiterin: Claudia Geisler
Kassiererin: Marie Gruber
Polizist: Knut Berger

 







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