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25. 05. 2012
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Dem Dichter über die Schulter geschaut


06.04.2011 13:04 von:

Schlagwörter: Köln,Erasmus Schöfer,Schriftsteller,Kritiker,Literatur,Dichter,Dittrich,Abseits,

(ehu) Der Kölner Schriftsteller Erasmus Schöfer hat Recht. Das Literaturgeschäft ist ein Geschäft, das wie auch andere Moden und Trends unterliegt. Dass dabei ein Dichter – durchaus zu Unrecht – ins Abseits gerät, weil er nicht mehr "zeitgemäß" ist, ist alles andere als eine Seltenheit. Dass Kritiker dabei unrühmlich und manchmal auch unfreiwillig mithelfen, sei hier selbstkritisch angemerkt, wenn sie in der Alltagshektik ein Buch übersehen oder vergessen.

Das "in" und "out" im Literaturgeschäft ist nur ein Thema in Schöfers "Der gläserne Dichter", er selber ordnet das Buch in die neue Gattung "Eine Besichtigung" ein. Es ist – der Kölner Schriftsteller ist dafür ein Garant – ein überaus dichtes Buch, und wie immer dürften auch hier autobiografische Aspekte wesentlichen Eingang gefunden haben. Auch über die literarischen Moden, denn zu den Autoren, über deren Bücher "man spricht", gehört er derzeit nicht. Schöfer handelt dieses Problem sehr ehrlich und betroffen ab, ohne dabei in sich selbstbemitleidende Larmoyanz abzugleiten.

Auch das Ausdrücken eines Pickels hilft, sich vorm Schreiben zu drücken

Zentrales Thema ist, wie ein Buch entsteht (oder auch nicht), die "Besichtigung" ist nichts anderes als der Blick über die Schulter des Schriftstellers. Der Leser erlebt körperlich mit, wie sich der Autor durch Gedankenleere und Ideenstau quält. Mit genauer, oft hart an der Grenze der Peinlichkeit beschreibt Schöfer die Versuche, die Qualen der Seele, des Geistes und des Körpers zu überwinden. Die Teezubereitung ist dabei ebenso als Verzögerungsstrategie willkommen wie das Ausdrücken von Pickeln. Es sind intimste Einblicke – bis hin zu den verschiedenen Körperentleerungen.

Natürlich beschäftigt sich Schöfer auch mit den Querelen und Neidattacken unter Schriftstellerkollegen (warum eigentlich kürzt er deren Namen ab?). Eitelkeit und die Empfindlichkeiten gegenüber Kritik werden ebenso hinterfragt wie Selbstrechtfertigungen. Honorarfragen und Lebensangst bleiben genauso wenig ausgespart wie die Flüchtigkeit der Fangemeinde oder die Fragwürdigkeit der eigenen Ansprüche. Das geht tief unter die Haut, fast müsste der Titel "Der gläsernste Dichter" heißen.

Die 68er: Wie sie wurden, was sie sind – Schöfers Bücher dazu sind überaus aktuell

Das Buch ist schon vor einem guten Jahr erschienen. Aus der Zeit gefallen ist es deswegen ebenso wenig wie sein Autor. Die verspätete Rezension bittet der Rezensent zu entschuldigen – und verweist als kleine Wiedergutmachung auf Schöfers Vierteiler "Die Kinder des Sisyfos", in dem er die Geschichte der 68er-Generation erzählt. Im zweiten Band "Zwielicht" spielt der Kampf gegen das Atomkraftwerk Whyhl und dessen Folgen für die Bürgerbewegungen eine zentrale Rolle – sollte Schöfer einmal aus der Zeit gefallen gewesen sein, angesichts Stuttgart 21 oder der aktuellen Auseinandersetzung über Atomenergie fällt er wieder mitten in sie hinein.

Erasmus Schöfer: "Der gläserne Dichter" – Dittrich Verlag, Berlin 2010, 144 Seiten, gebunden, 16,80 Euro







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