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25. 05. 2012
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Der Affe als Ebenbild des Kölners


18.10.2010 07:02 von:

Schlagwörter: Köln,Petermann,Zoo,Schimpanse,Affe,Filz,Greven Verlag,Karneval,Nogge

(js) Und der Kölner ging hin und schuf sich sein Ebenbild. Das war ein Schimpanse und er nannte ihn Petermann. Doch als er älter wurde, erkaltete die gegenseitige Liebe. Vor 25 Jahren, am 10. Oktober 1985, konnte er aus seinem Käfig im Kölner Zoo fliehen, er fiel den neuen Zoodirekter Günter Nogge an und biss ihn. Der kurze Ausflug endete mit dem Tod, Petermann wurde erschossen. Der Kölner Journalist Walter Filz machte sich auf die Spurensuche nach dem prominenten Schimpansenen. Dabei rückt er nicht nur einige Fakten etwa über seine Herkunft zurecht, er zeigt auch verblüffende Parallelen zwischen dem kölschen Menschen und dem äffischen Petermann auf. Jetzt liegen seine Ergebnisse als höchst vergnüglich zu lesendes Buch vor.

Es waren die 50er Jahre, die Nachkriegszeit und das Wirtschaftswunder, in denen Petermann erst bundesweit, dann immerhin noch lokal Schlagzeilen machte. Filz erinnert an Geschichten, die heute fast vergessen sind: Köln als die deutsche Hauptstadt der Kriminalität, Schlägereien und Überfälle waren an der Tagesordnung, oder die Demütigung, dass der Kölner Karneval von den Fernsehübertreagungen ausgeschlossen wurde. Manches wie eine vier Tage dauernde Schlägerei zwischen Jugendlichen und Polizei 1956 wurde schon damals "vergessen", genauer: von der Presse bewusst verschwiegen. Allein mit diesen Fakten schließt Filz eine Lücke in der offiziellen Kölner Geschichtsschreibung und reiht sich in die Reihe prominenter kölnkritischer Historiker ein.

Nicht unbedingt neu, aber in ihrer Schärfe lesenswert, ist dann die Beschreibung des Kölner Charakters: Er redet seine Stadt schön, ist immun gegen Kritik von außen, die er sich gleichzeitig verbittet. Er ist krawallig und kindlich. Sein Humor ist bodenständig und vulgär, ohne Wortwitz, von Intellektualität ganz zu schweigen. Er hängt am Altbewährten und mag keine Veränderungen. Er will sich unterhalten, nicht bilden. Er ist anpassungsfähig bis zur Selbstverleugnung und toleriert andererseits nur den, der sich ihnen anpasst. Im Grunde seines Herzens ist er ein charmanter Rassist. Kommt etwas Fremdes, reagiert der Kölner in fünf Schritten: Zuerst wird der Andere als minderwertig klassifiziert, dann wird er wegen seiner Minderwertigkeit bedauert. Drittens erklärt man, dass man ihn trotzdem anerkenne, was dann als Beweis der eigenen Toleranz gilt. Schließlich wird der Andere zum Gegenstand besonderer Zuwendung.

Und wie passt nun Petermann dazu? Filz: Erst wurde er zum zurückgebliebenen Menschen erklärt, dann schloss man ihn ins Herz und ließ ihn in der Menschenwelt mitspielen. Er lernte mit dem Löffel essen und Rad fahren. Vor allem aber: Man machte ihn zum Kölner: Er durfte im Karneval auftreten und kölsche Trachten anziehen. Wie Petermann zum Menschen erzogen wird, müssen nach der Nazi-Diktatur auch die Kölner wieder lernen, was sich gehört und was nicht. Dabei sind sie so gelehrig wie die Affen. Gegen Ende der 50er Jahre kommt Petermann in die Pubertät, wird aggressiv – wie die Kölner Jugend.

Und ebenso wie deren Protest folgenlos bleibt, verschwindet auch Petermann aus der Öffentlichkeit. Für Showauftritte ist er zu gefährlich geworden. Da er nie gelernt hat, mit anderen Schimpansen auf natürliche Art zusammenzuleben, muss er einzeln in einem Käfig gehalten werden. Dort vegetiert er von den Zoobesuchern kaum beachtet vor sich hin, bis ihm die Flucht gelingt. Aber, so Filz, der wilde Affe im Kölner ist bis heute geblieben: seine Leidenschaft, seine Hemmungslosigkeit, das genussorientierte, das Zukunftssorglose – "kurz: das Affenartige".

Durch seinen Tod wird er zum Idol der unangepassten alternativen Kölner Szene. Doch die hat wenig Einfluss, die Mehrheit der Kölner bleibt dem Provinziellen verhaftet und so hat die Stadt bis heute den Anschluss an die moderne Welt verpasst. Filz aber ist überzeugt, dass nicht zuletzt durch die Skandale und Skandälchen etwa um Abriss oder Renovierung von Schauspiel, die langen Bauzeit des Rautenstrauch-Joest-Museum oder den Einsturz des Stadtarchivs die Kölner langsam zur Vernunft zu kommen. "Et hät noch immer jut jejange" – Filz ist eben ein Kölner.

Walter Filz: "Der Affe zu Köln – Oder: Petermanns Rache" – Greven Verlag, Köln 2010, gebunden, 240 Seiten, 16,90 Euro







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