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25. 05. 2012
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Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus Köln


03.07.2010 13:49 von:

Schlagwörter: Köln,Tillmann,Euthanasie,NS-Regime,Schmidt,Mitleid,Galen,Waisenhaus

(js) Die Forschungsarbeit war gründlich. Davon zeugen nicht zuletzt Quellenverzeichnis und Fußnoten, die gut ein Drittel der knapp über 200 Seiten des Buches ausmachen. Doch am Ende war auch der Autor ratlos: Wie konnte ein Christ und fürsorglicher Kinderheimleiter gleichzeitig bei der Durchführung des NS-"Euthanasie"-Programms mitwirken? Am Ende bleibt er ratlos wie auch die Freunde von Friedrich Tillmann, als dessen Mitwirken an dem Nazi-Verbrechen Anfang der 1960er Jahre öffentlich wurde. Der Historiker und Theologe Klaus Schmidt hat jetzt die Biografie Tillmanns unter dem Titel "Ich habe aus Mitleid gehandelt" vorgelegt.

Schmidt zeichnet das Leben Tillmanns vor allem anhand von Dokumenten und die (schriftlichen) Aussagen von Zeitzeugen nach. Die Sicht Tillmanns gibt er vor allem aus Gerichts- und Entnazifizierungsprotokollen wieder. Das hört sich nüchterner und wissenschaftlicher an, als es sich tatsächlich liest. Tillmann wurde 1903 in Mülheim, damals noch nicht in Köln eingemeindet, geboren. Er war christ-katholisch und sozial in der Pfadfinderbewegung engagiert, aber auch von der faschistischen Ideologie infiziert. Als Direktor des Waisenhauses Köln-Sülz bewahrte er in der NS-Zeit jüdische Kinder und einen "Negermischling" vor der Verfolgung durch die Nazis, wehrte sich gegen die Entlassung von Nonnen und die Entfernung von Kruzifixen. Noch heute erzählen seine Schützlinge dankbar, wie er sich auch außerhalb des Waisenhauses um sie kümmerte. Nach dem Krieg wurde er Leiter eines Lehrlingsheimes im Ruhrgebiet und engagiertes Gemeindemitglied.

Wie passen da die Jahre 1940 und 1942 hinein, in denen er regelmäßig nach Berlin fuhr und dort als nebenamtlicher Büroleiter in der "Euthanasie"-Zentrale an der Tiergartenstraße 4, einer arisierten Villa, arbeitete? Aus der Adresse leitet sich der Tarnname "T4" für die geheime Staatsaktion ab, der rund 70.000 Patienten psychiatrischer Anstalten zum Opfer fielen: psychisch Kranke, geistig Behinderte oder Menschen, deren Arbeitskraft zu gering war und die so als "unnütze Esser" die Gesellschaft belasteten.

Erst nach öffentlichen Protesten – allen voran Clemens August Graf von Galen, Bischof von Münster – wurde die "Aktion T4" offiziell abgebrochen, aber dezentral weitergeführt. Insgesamt, so Schätzungen, starben über 200.000 Patientinnen und Patienten durch Gas, Medikamente, Injektionen oder Nahrungsentzug. Ein Schwerpunkt von Tillmanns Arbeit war, den reibungslosen Mord-Ablauf zu organisieren. Dazu gehörte u.a., Todesmeldungen an die Familien so zu steuern, dass sie sich nicht in einer psychiatrischen Anstalt häuften oder dass nicht zwei Urnen zugestellt wurden.

In den ersten Entnazifizierungsverfahren gelang es Tillmann, diese Tätigkeit zu vertuschen. Nachforschungen wurden nicht angestellt, solches Aufarbeiten der Vergangenheit passte nicht in die Zeit. Erst als 1959 in Schleswig-Holstein der bis dahin als neurologischer Gutachter hochangesehene "Dr. Sawade" als Werner Heyde, Leiter des "Euthanasie"-Programms, entlarvt wird, regen sich die Justizbehörden. Auch Tillmann gerät erneut ins Visier, er wird verhaftet, kommt in U-Haft. Am 12. April 1964 stürzt er aus einem Fenster im 8. Stock des damaligen Bundesverwaltungsgerichts am Kölner Rudolfplatz und stirbt. Ob Unfall oder Selbstmord, ist bis heute nicht restlos geklärt.

Ebenso muss ungeklärt bleiben, ob er sein Tun im Nachhinein bereut hat. In einem Verhör gab er an, "er habe aus Mitleid" gehandelt. Denkbar ist es, lässt sich aber nicht beweisen. Auch ob das Schicksal seines ein Jahr jüngeren Bruders, der seit frühester Kindheit nach einem Fenstersturz verkrüppelt und geistig und körperlich zurückblieb, Einfluss auf seine Entscheidung nach Berlin zu gehen hatte, bleibt Spekulation. Ebenso, ob es der Stolz des verhinderten Abiturienten – Tillmann verließ auf den Rat seiner Lehrer das staatliche Gymnasium und erlangte an einer Privatschule die Mittlere Reife – war, mit anerkannten Koryphäen aus der Medizin zusammenarbeiten zu können.

Vielleicht war es auch das "verarmte Selbst", von dem etwa der Schweizer Psychoanalytiker Arno Grün spricht. Leider bleibt auch das Verhältnis zu Tillmanns Frau Melitta (sie starb 1950) bleibt unklar. Dass die erklärte Gegnerin des NS-Regimes von der Verwicklung ihres Ehemannes wusste, scheint aber naheliegend. Letztlich bleibt Tillmann ein Rätsel und ein warnendes Beispiel dafür, wozu Menschen – selbst aus "bester" Absicht – fähig sind.

Das Buch versucht, den Blick auf das Bild von Tillmann zu weiten, das vor allem von seiner verbrecherischen Tätigkeit geprägt wird. Es ist zudem nicht nur die Biografie eines Beteiligten, sondern auch ein kleines Kompendium des "Euthanasie"-Verbrechens. Dessen Grundlagen wurden schon weit vor dem Machtantritt der Nazis gelegt und waren nicht nur faschistisches Gedankengut – selbst bei einer Umfrage in den 1970er Jahren sprach sich jeder Dritte dafür aus, dass Ärzte das Leben eines "Menschen, mit schwerem geistigen Schaden, der nur noch dahindämmert", von einem Arzt beendet werden könne. Schmidt beschreibt die verwaltungstechnische Entwicklung und Umsetzung, er listet die Namen der Beteiligten auf und was aus ihnen nach 1945 geworden ist. Strafrechtlich kamen fast alle mit einem blauen Auge davon.

Klaus Schmidt: "Ich habe aus Mitleid gehandelt – Der Kölner Waisenhausdirektor und NS-‘Euthanasie‘-Beauftragte Friedrich Tillmann (1903-1964)" – Metropol-Verlag, Berlin 2010, 224 Seiten, 19 Euro







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