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25. 05. 2012
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Karneval – eine mittelalterliche Erfindung


15.01.2010 07:55 von:

Schlagwörter: Köln,Karneval,Geschichte,Römer,Mittelalter,Fastnacht,Herborn,Klersch,Jesuiten

(js) "Schon die alten Römer..." – so lautet der beliebteste Anfangssatz der Kölner, wenn sie Geschichten aus der Geschichte ihrer Stadt erzählen. Das gilt auch für den Karneval. Großer Irrtum, erklärt jetzt der Historiker Wolfgang Herborn, Karneval ist ein katholisches Fest, eine Erfindung des Mittelalters. Damit widerspricht er den Thesen von Joseph Klersch, bis jetzt unangefochtener Experte für den Kölner Karneval. Die Ergebnisse seiner langjährigen Forschungen im Kölner Stadtarchiv – fertiggestellt kurz vor dessen Einsturz – legt Herborn jetzt in Buchform vor.

Fastnacht – das Wort deutet darauf hin – ist die letzte Nacht vor der vorösterlichen Fastenzeit. Vereinfacht gesagt, mussten bis Aschermittwoch alle Lebensmittel verzehrt werden, die zum einen anschließend nicht mehr erlaubt waren oder sich nicht lange hielten wie Fleisch oder Milchprodukte. Kühlschränke gab es schließlich keine. Fress- und Saufgelage waren die Folge – auch der Klerus langte in jeder Beziehung ordentlich zu. Auf dem Konzil von Benevent 1091 wurde die Fastenzeit einheitlich festgelegt – und ein neues Brauchtum mit festem Termin war geboren.

So gründlich wie Herborn hat noch keiner vor ihm historische Dokumente in Sachen Karneval durchforscht. Trotzdem ist sein Buch – trotz zeitbedingt fehlender Illustrationen – keine trockene wissenschaftliche Abhandlung, dafür sorgt neben dem flüssig-lockeren Stil oft genug der Inhalt der zitierten mittelalterlichen Texte (das alte Deutsch wird sofort in aktuelles Deutsch übersetzt), insbesondere der Polizei- und Gerichtsprotokolle. Er legt das erste umfassende Bild vor, wie in Köln zwischen 1200 und 1600 Karneval gefeiert wurde. Er beschreibt die Ritterturniere, die die Stadt zu diesem Anlass organisierte, erzählt von Esssitten und Bräuchen wie Umzüge der Handwerksburschen, Schweineschlagen oder Mädchenlehen. Besonders ergiebig war die Chronik von Hermann Weinsberg, ein Tagebuch, das der Ratsherr in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts schrieb. Nicht zu kurz kommen auch die – regelmäßig vergeblichen – Versuche, das Karnevalstreiben zu regeln oder ihm entgegenzuwirken, wie es etwa die Jesuiten versuchten. Übrigens: Erst nach der Neu-Erfindung des Karnevals im Jahr 1823 löste der Rosenmontag den Karnevalsdienstag als wichtigsten Tag des närrischen Treibens ab.

Eine Quellenlücke allerdings gibt es, räumt Herborn auf Nachfragen ein. Denn woher das Verkleiden als Bestandteil der Fastnacht kommt, kann er nicht erklären. Erstmals erwähnt wird es in den Jahren nach 1396, aus dieser Zeit sind die ersten Vermummungsverbote bekannt. Es wurde sich also wohl auch schon vorher verkleidet. Darüber allerdings fehlen schriftliche oder andere Dokumente wie Bilder oder Plastiken. "Sich zu verkleiden, einmal jemand anders zu sein, ist wohl ein Urbedürfnis des Menschen", sagt der Wissenschaftler, das habe es zu entsprechenden Festen bei den Germanen ebenso gegeben wie bei den Römern und Kelten. Aber solange es keine wissenschaftlich gesicherten Quellen gebe über eine Kontinuität zwischen ihnen und dem rheinisch-katholischen Karnevals, dürfe man diese eben nicht behaupten. Also, ran an die Suche. Vielleicht darf man künftig doch wieder sagen: "Schön die alten Römer feierten in Köln Karneval..."

Wolfgang Herborn: "Die Geschichte der Kölner Fastnacht von den Anfängen bis 1600" – Publikationen des Kölnischen Stadtmuseums, Band 10, Olms Verlag, Hildesheim 2010, 152 Seiten, 29 Euro







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