25. 05. 2012
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Kölner Geschichten und Geschichte von ganz unten
(ehu) Was der Historiker und Theologe Klaus Schmidt mit seinem neuen Buch "Kölns kleine Leute" vorlegt, ist Heimatliteratur im besten Sinne des Wortes. Denn mögen die Politiker und die Mächtigen, die Geschäftsleute und die Reichen, in Köln nicht zuletzt die Kirchenmänner das Geschick der Stadt bestimmt haben, was wäre Köln ohne die Hebammen und Hexen, die Henker, die Dienstmägde und Knechte, die Scharfrichter und Dirnen, die Stadtsoldaten, Straßenhändler und Karrenschieber? Ihnen und ihren weniger abenteuerlichen Nachkommen bis heute hat Schmidt ein literarisches Denkmal gesetzt.
Auch bei den Römern mag es sie in Köln schon gegeben haben, die "kleinen Leute". Doch Schmidt setzt bei seiner Hommage an diese Bevölkerungsgruppe erst im späten Mittelalter an. Schon da ist die Quellenlage äußerst spärlich. Grundbesitz besaßen sie nicht – tauchen also auch nicht in den Grundbuchunterlagen auf (das ändert sich erst im 19. Jahrhundert). Wohl haben sie ihre Spuren in juristischen Quellen hinterlassen, in Beschlüssen des Stadtrats, der zum Beispiel regelmäßig Maßnahmen gegen das "Bettlerunwesen" und die Prostitution erließ. Dabei versucht Schmidt – so weit es die Quellen hergeben –, gegen das Bild der "verbrecherischen" kleinen leute anzuschreiben.
Erst in den letzten Jahrhunderten erhalten auch die "kleinen Leute" einen Namen
Auf 304 Seiten entwickelt er eine liebevoll geschriebene, detailreiche und originelle Stadtgeschichte, bei der die Protagonisten zumindest in den Anfängen nur ausnahmsweise mit Namen auftauchen. Als Individuen treten sie durchweg erst in den letzten beiden Jahrhunderten auf, wenn sie sich als "Aufsteiger" oder wenigstens als verspottete "Originale" einen Namen machen können. Denn "Orgels Palm", oder der "Maler Bock" sind noch heute bekannt.
Oder die Aufsteiger: Schmidt erzählt von Robert Blum, der es vom Metallgießer für Gürtelschnallen und Beschläge bis zum Abgeordneten in der Frankfurter Paulskirche brachte (und nach einem Schauprozess 1848 von kaiserlichen Truppen in Wien erschossen wurde). Oder August Bebel, der Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie. Schließlich Trude Herr und Günter Wallraff – beides Prominente, die aber "aus kleinen Verhältnissen stammend und ihr Herkunftsmilieu nie verraten haben", erklärt der Autor. Einem anderen Vertreter der "kleinen Leute" hat Schmidt das Buch gewidmet: Pfarrer Franz Meurer.
Die Hoffnung auf Aufstieg ist ebenso aktuell wie die Hindernisse
Hier schließt sich der Kreis, denn "kleine Leute" – so Martin Stankowski, der das Nachwort geschrieben hat – sei kein "soziologischer Begriff" wie arm oder reich, mächtig oder machtlos. Vielmehr sei es eine moralische, wertende Kategorie, die auch die Sehnsucht und die Hoffnung auf Aufstieg, auf ein besseres Leben beinhalte.
Diese Hoffnung zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte und ist bisweilen von überraschender Aktualität. Etwa bei Themen wie Kindsmissbrauch, Kampf um gerechten Lohn, Frauenemanzipation. immer wieder kommt es zu Revolten, in denen die "kleinen Leute" vom Objekt zum Subjekt der Geschichte werden – wenn auch nicht immer von Erfolg gekrönt. Wie die "Bayenamazonen": Spinnerinnen, die 1896 vergeblich für bessere Arbeitsbedingungen und mehr Lohn streikten. In diese Rubrik gehören auch die Edelweißpiraten oder – ganz anders und doch gleich – der Boxer "de Aap" Peter Müller. Ob verfolgte Juden, Zwangsarbeiter oder verfolgte Homosexuelle – sie alle vertreten auch die "kleinen Leuten". Und die sind alles andere als "Betreuungsobjekte" für Sozialarbeiter und Stimmvieh für populistische Politiker.
Klaus Schmidt: "Kölns kleine Leute – Geschichten und Porträts" – Greven Verlag, Köln 2011, gebunden mit Schutzumschlag, 304 Seiten, 19,90 Euro

























