25. 05. 2012
Seite drucken
Von der Revolution zur Realpolitik
(js) Sie sind an (fast) allem Schlechten dieser Zeit schuld, "die 68er". Doch wer waren und sind die 68er, was haben sie mit dem von SDS-Mitglied Rudi Dutschke geforderten "Marsch durch die Institutionen" erreicht? Jeanette Seiffert geht dieser Frage am Beispiel der SPD und der Parteimitglieder nach, die um 1968 ihre politische Laufbahn begannen. Ihre überaus quellenreiche Untersuchung, ergänzt mit Gesprächen der wichtigsten Politiker, hat sie jetzt unter dem Titel "Die 68er in der SPD" vorgelegt.
Zur Versachlichung der Diskussion um den Einfluss der 68er trägt ihr Eingangskapitel Rechnung, in dem sie ausführlich die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der vor allem als Studentenrevolte wahrgenommenen Bewegung, die schon Jahre vor 1968 ihren Anfang nahm. Überaus detailreich schildert Seiffert, wie die SPD immer wieder mit ihren "Jugendorganisationen" aneinander geriet, mit SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund), SHB (Sozialdemokratischer Hochschulbund) und Jusos (Jungsozialisten). Wie sie deren Mitglied zu disziplinieren versuchte, sie aus der Partei ausschloss oder schließlich mit der Aussicht auf Karriere "auf Linie" bringen konnte. Ein besonderer Augenmerk liegt auf den Kölner Auseinandersetzungen zwischen junger Basis und Partei-Establishment: Etwa die "Schlacht" gegen die von den SPD-Ratsherren beschlossene KVB-Preiserhöhung 1966, die Verbrüderung der SPD-Studenten mit den Arbeitern von Ford oder die Basisarbeit der Jusos gegen die Wohnungspolitik der Stadt.
Seiffert dröselt die theoretischen Ansätze der verschiedenen Flügel auf sowie die Auseinandersetzungen zwischen diesen und der Mutterpartei, alles gut les- und nachvollziehbar. Schließlich zeigt sie auf, wie viele der anfangs "revolutionären" Jungpolitiker am Ende zu "Realpolitikern" wurden. Auch dies wurde untereinander und in der breiten Öffentlichkeit heftig diskutiert: Verrat an Idealen, Einsicht in die Realität oder gar reines Karrieredenken? Und was wurde etwa aus der damals angestoßenen Bildungs- oder Frauenpolitik? Auch hier wartet die Autorin mit zahlreichen Zitaten auf. Einer eigenen Bewertung verweigert sie sich – und diese Enthaltung tut dem Buch gut. Es ist nicht ihr Thema, aber Parallelen zu anderen Auseinandersetzungen der SPD mit – zunächst – parteiinternen Kritikern sind nicht zu übersehen, seien es Pazifisten, Umweltschützer oder Sozialpolitiker: Immer wieder fehlte der Parteiführung die Bereitschaft zur Diskussion. Das führte schließlich zur Abspaltung der USPD, der Grünen und jüngst der WASG (heute: Die Linke) führte.
Seiffert ist eine kenntnisreiche und engagierte Journalistin, die in ihrem Brotberuf diffizile Zusammenhänge verständlich darstellen kann. Dies trifft auch auf diese gründliche wissenschaftliche Arbeit zu. Doch für eine breite Öffentlichkeit hätten der (erfolgreichen) Doktorarbeit einige stilistische Glättungen und Kürzungen gut getan. Vor allem aber: Es fehlt ein Personenregister, das es dem Leser erleichtert, einzelne Lebensläufe zu verfolgen. Der angehängte Epilog mit den Biografien der wichtigsten Protagonisten – z.B. Anke Brunn, Wolfgang Roth, Hertha Däubler-Gmelin, Norbert Gansel oder Jürgen Büssow – reicht nicht. Trotz allem: Vor allem durch seine ausführliche Kölnbezüge ist dieses Buch eine wichtige Ergänzung zum gleichthematischen kürzeren Beitrag Seifferts in "KölnRot", der Geschichte der Kölner SPD von 1945 bis heute.
Jeannette Seiffert: "Die 68er in der SPD – Marsch durch die Institutionen?" Bouvier-Verlag, Bonn 2009, 336 Seiten, 29,90 Euro

























