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17. 04. 2014
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Peter Zumthors Einsiedelei in der Eifel - die Bruder Klaus KapellePeter Zumthors Einsiedelei in der Eifel - die Bruder Klaus Kapelle


07.08.2008 22:00 von:


(tb)Der Verzicht auf jegliche modische Verrenkung und verkitschte Dekonstruktion ist zumthortypisch genial in seiner Konsequenz und Komplexität. Beeindruckend ist darüber hinaus die Verwendung beinahe natürlicher Baustoffe, der Verzicht auf allzu ausgefallenes Material. Nicht nur hinsichtlich des strukturbildenden Materials, sondern auch hinsichtlich des eigentlichen Bauprozesses. In der Gesamtbeschau ergibt sich so eine gelungene Synthese. Eine sehr sinnliche Angelegenheit, haptisch, akustisch, visuell und olfaktorisch. Insbesondere der Brandgeruch im Innenraum, der bewusste Einsatz von Geruch, noch dazu als zeitbasiertes Strukturmerkmal, ist eine einzigartige, geniale Komponente, wie man sie nur sehr selten findet.

Nahe Wachendorf einem kleinen Eifelort zur Gemeinde Mechernich gehörend, kaum 40km von Köln entfernt findet sich eine echte Rarität postmoderner Architektur. Wieder einmal ist es der Schweizer Peter Zumthor dem es gelang ein Thema in einen überzeugenden Zusammenhang mit einem Ort zu stellen. Initiiert hat den Bau der sozial sehr engagierte Landwirt Hermann-Josef Scheidtweiler. Das Thema hier ist die praktisch vollkommen in Vergessenheit geratene christliche Mystik, welche ihre Wurzeln "philosophisch" immer in dem Grundgedanken der Wandlung findet.

Wer nun allerdings an Roms Dogmen denkt ist leider auf einem Irrwege, denn die Amtskirche tat sich nicht selten schwer mit jeglicher Mystik. Handelt es sich doch um Inspirationen die keinen Namen tragen, unsichtbar wirken und keine Bilder kennen, abstrakt spirituell waren, und sich so dem direkten Machtanspruch der Amtskirche teilweise entzogen. Auch wenn es diese Konflikte gab, wurde Bruder Klaus heilig gesprochen. Seine Entscheidung zehn Kinder und seine Frau allein zurückzulassen, als er in die Erimitage ging, mag auf den ersten Blick tatsächlich befremden. Man kann aber Persönlichkeiten wie Bruder Klaus nicht einfach in die heutige Zeit verpflanzen, sondern muss sie vor dem Hintergrund ihrer Epoche sehen.

In diesem Artikel geht es aber nicht um eine wertende Aussage zum Thema christliche Mystik es geht um die Frage in wie weit es Zumthor gelang diese Quellen zu nutzen um eine Kapelle auf einem Acker zu entwerfen, die dann mit vereinten Kräften errichtet wurde. Die These die in diesem Werke geronnen ist, weist weit über die christliche Mystik hinaus. Es handelt es sich um eine Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt des Bruder Klaus in Form konkrete Architektur, mit leicht abstrakten Beimengungen. Unübersehbar ist auch eine komprimierte, abstrakte Fassung der Genesis. Zumthor bildet eine Art Fels in Form eines Monolithen auf fünfeckigem Grundriss nach, im Inneren des Turmes befindet sich dann die "Einsiedlerhöhle" des Bruder Klaus, in einer symbolischen Form.

Der weltliche Name des Bruder Klaus war Niklaus von Flüe er lebte von 1417–1487 und dürfte einer der letzten spätmittelalterlichen Mystiker gewesen sein. Besonders delikat in diesem Zusammenhang dürfte sein, dass Niklaus von Flüe, wie der Großteil der Eidgenossenschaft seinerzeit, unter einem Schisma aus Rom stand, und in weiten Teilen exkommuniziert war. Auch Niklaus blieb von der Inquisition nicht verschont. Im Jahre 1469 prüfte auf Anordnung des Bischofs von Konstanz der Weihbischof und Generalvikar, Thomas Weldner die Glaubensfestigkeit Flües. Wichtiger Aspekt der Biographie des Bruder Klaus waren auch so profane, doch wichtige Dinge wie die Politik, denn beinahe in der Rolle der alten Hofastrologen, beriet er immer wieder Entscheidungsträger und Gremien seiner Zeit. Dies bringt eine sehr weltliche, auch gewaltige, Ebene in die Auseinandersetzung. Der tatsächliche Einfluss den Flühe allerdings ausgeübt hat, beispielsweise bei der Umstrukturierung der Eidgenossenschaft, ist allerdings nicht abschließend geklärt. In der Schweiz ist Flühe eine Art Nationalheiliger.

 

Viele Infos zu Bruder Klaus bzw. Niklaus von Flühe 

Man erreicht Wachendorf am besten mit dem Zug, steigt in Satzvey aus (RB 24, stündlich ab Köln HBF, West und Süd Fahrtzeit 45 Minuten), und folgt unserem Routenvorschlag, den wir hier an den Artikel angefügt haben. Es wäre wirklich eine Freveltat nicht wenigstens die dreistündige Wanderung von 12 KM auf sich zu nehmen, um sich dem Werke mit der entsprechenden, Denkprozesse unterstützenden, Geschwindigkeit anzunähern. Der Duft der Eifel, der ständig wehende Wind, das besonders weiche Licht, all dies ist wichtiger Bestandteil des Konzepts, aber auch einfach ein Genuss. Man kann dies mit dem Auto unmöglich erleben und verstehen. Der Blick geht auf unserer Wanderung permanent in die Ferne, man sieht die hier sanften Hügel mit ihren weiten, geschwungenen Tälern, und kann an einigen Stellen bis weit in die flache Kölner Bucht blicken. Eine abwechslungsreiche Landschaft aus Wald, Feldern und satten Wiesen. Hin und wieder erblickt man die typischen alten Haufen- oder Straßendörfer der Eifel, manchmal schon mit Neubaufortsatz an einem der Ränder, immer aber mit einem einem alten und sehenswerten Kern. Besonders schön ist es während der Erntezeit wenn die Luft erfüllt ist mit dem Duft des frisch gemähten Kornes. (schon klar - das ist unromantische EU Landwirtschaft, aber trotzdem interessant.) 

Plötzlich, sich kaum aus dem goldbraun der Felder abhebend erkennt man den selbst sandfarben-weisslich, manchmal sandig-rötlich leuchtenden Block des sakralen Werkes. Erstaunlich ist mit welch sanfter Erhabenheit sich dieser Bau in die Landschaft schmiegt, obschon er nicht ortsüblich ist. Das Werk spiegelt eine imaginationsbezogene und vielschichtige Raumdefinition, wie es kaum besser gelingen kann. Sein Aussehen ergibt sich nicht aus schlichten Notwendigkeiten oder Bautraditionen, sondern aus einem tiefen Verständnis der umgebenden Landschaft. Dieses Verständnis muss man beinahe als postmodern-interdisziplinär bezeichnen, deratig viele Aspekte werden integriert, dies geht über die schlichte Dialektik der üblichen Architekturtheorien hinaus. Im kontemplativen sehr langen Bauprozess, dieses eigentlich kleinen Gebäudes, findet dieses non-lineare, komplexe und ebenenorientierte Denken seine handwerkliche Entsprechung. Das Wissen und das Gefühl welches aus dem umgebenden Raum stammt, wird gleichsam in die Struktur eingebracht, und so entsteht der wirklich neue Teilaspekt, den Zumthor immer liefert. Wenn man die Absicht hat eben Architektur an der Grenze zur Kunst zu machen, dann kann man theoretisch hinter den Wachendorfer Acker nicht mehr zurück.

Durch die langsame Annäherung unserer Wanderung wird das Werk nur langsam größer, beinahe immer ist aus der Entfernung ein zweiter Blick erforderlich um es von der Umgebung unterscheiden zu können. Der Eindruck ist freundlich, fast lächelnd, niemals diktatorisch, was ja, angesichts der vertikalen Dimensionen, eigentlich zu erwarten gewesen wäre. Nein. Bau und Landschaft scheinen sich verabredet zu haben, um "irgendwie" zusammenzuarbeiten. Wer die Eifel kennt, der weiss es gibt nicht nur die Fachwerkhäuser mit ihrem dominanten Schwarz- Ocker- bis Weißtönen, es gibt auch die zahlreichen unverputzten und wunderschönen Bruchsteinhäuser, mit ihren Fensterstürzen aus einzelnen, wuchtigen Steinen. Genau an diesen Häusertyp erinnert das Werk, mit seiner Färbung und seiner unregelmäßigen, rauhen Oberfläche. Erstaunlich, denn von Weitem scheint das Werk noch glatt. Mit etwas Phantasie, aus der Entfernung, kann man sich vorstellen, dass die Felder der Eifel sich in der Oberfläche "spiegeln". Aus der Nähe erscheint der Turm beinahe mergelig, erdig, rauh, matt. Man findet noch weitere in der Eifellandschaft geborgene Vergleichsmöglichkeiten. Nach der Ernte werden die Strohballen teilweise zu großen Türmen geschichtet, von weitem sehen diese "Strohtürme" der Zumthor Kapelle ähnlich.

Damit nicht genug der lokalen Bezüge, denn auch im Innenraum findet sich ein solcher. Der Fussboden besteht aus Blei und Zinn, und wurde in einem großen Gefäß geschmolzen und dann in die Kapelle eingebracht. Von etwa 1394 bis 1957 wurde in Mechernich Blei- und Zinkbergbau betrieben. Letztlich ist jede Inspiration, die zu der sinnlichen Erscheinung der Kapelle führte, in der Landschaft der Nördlichen Eifel um Mechernich geborgen. Zumthor gelingt es einen Ort aus einem vorhandenen Raum zu generieren. Dabei bezieht er konkrete, gegenwärtige Merkmale mit ein, wie auch historische Entwicklungen. Ebenso spielen die raumbezogenen Lebensumstände und Aspekte des lokalen Wirtschaftens eine Rolle. Zeit wird so mitgedacht, und in der fertigen Struktur komprimiert eingebracht. Zumthor achtet auf eine komplexe Einbettung des Neuen, definiert aber auch selbst. Beim Bau stand auch das Freilichtmuseum in Kommern beratend zur Seite, vor allem hinsichtlich des "herausköhlerns" der Stützstämme, auf welches später noch engegangen wird.(Die Köhler bildeten übrigens ebenfalls eine wichtige Berufsgruppe in der Eifel, wie die gesamte Holzverarbeitung.)

  Unsere Wanderung führt aus Lessenich hinaus in einen Wald Richtung Wachendorf, wir steigen am Waldsaum entlang, auf die Erhebung dessen runde Kuppe der Bau krönt. Schritt für Schritt kommen wir der Kapelle näher, langsam konkretisiert sich das Fünfeck, gleichzeitig gewinnt der Blick in Richtung Nord-Osten und Norden, also in Richtung Köln und Bonn immer mehr Weite. Der Wind nimmt zu, wir befinden uns auf einer relativ baumlosen Höhe. Die letzten Schritte stehen nun ganz und gar im Zeichen der Architektur des Peter Zumthor.

Hinsichtlich der Kombination aus Mystik und Politikberatung dürfte der Blick, der auch das Siebengebirge streift, ein besonderes Schmankerl sein. Feine Nasen dürften gar den zarten Hauch aus Adenauers Rosengarten in Rhöndorf (Siebengebirge) wahrnehmen der, der von nun an geltenden Legende zufolge, wenn der Wid aus Nordosten weht hier hoch schwebt. Es ist Zeit sich zu setzen, man sollte nicht gleich in das Innere des Gebäudes stürmen, Zeit und Raum ist hier alles. Nur wer es schafft aus seinen allzu hastigen Besichtigungsabsichten auszusteigen, sich ganz auf den Ort in Kombination mit Zumthors Gebäude einzulassen, der wird die großartige Veränderung, den Wandel erleben, den dieses Bauwerk dem Ort beschert. Man darf die Wand auch anfassen. Die rauhe Betonoberfläche, mit den sichtbaren Kieseln ist ein ganz eigenes haptisches Erlebnis, welches im Inneraum noch um ein vielfaches gesteigert wird. Natürlich fallen sofort die zahlreichen "Löcher" oder "Kanäle" in der Wand auf. Hier könnte von "Wandlungskanälen" gesprochen werden, denn es sind nicht allein Öffnungen für das Licht, denn wie man später sieht, ist die Kapelle oben offen.

Die Scheidewand zwischen Innen und Außen ist bei Zumthor immer ein sehr besonderer Aspekt, und dient niemals allein einer rationalen, technischen Trennung. In der Archäologischen Zone des Diozösanmuseums Kolumba in Köln, kann man sich ebenfalls davon überzeugen. Ich selbst konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir es hier mit einer Art "Filteranlage", einer semipermeablen Membran zu tun haben. Den Prinzipien einer Zellwand folgend, findet ein gleichsam osmotischer Austausch zwischen dem "Außen" und dem "Innen" statt. Allein gen Himmel ist die Öffnung groß und direkt.

Grundsätzlich findet sich hier auch ein wesentlicher Ansatz zur Umsetzung als Auseinandersetzung mit der Mystik des Bruder Klaus, der ja auch als Einsiedler lebte. Das Aussen dringt im meditativen Prozess des Einsiedelns, des Versuches eins zu werden mit Gott, zwar noch hinein, wird aber gewandelt. Gleichzeitig dringt das Innere gewandelt wieder nach außen. Ein differenziertes System der Kommunikation. Doch auch ganz direkt dringen äußere Einflüsse ein, da die Kapelle oben offen ist, regnet es hinein, es bildet sich ein Wasserlache auf dem Boden. Ein Verweis auf die Bedeutung des Wassers, und erneut die Einbeziehung des Zufalls, der Witterung, der Natur, auch der Zeit in das Konzept. Die starre Struktur der Kapelle wird so um prozesshafte, zufällige Bestandteile bereichert.

Der Innenraum ist die eigentliche Herausforderung, kann das äußere noch relativ leicht beschrieben und erfasst werden, so ist das Innere von großer Komplexität. Die Wandformen die sich stets gen Himmel ziehen, sind derart besonders, dass selbst ich sowas noch niemals zuvor gesehen habe. Erkennen kann man vereinfacht eine Linienform/Kerbenform wie sie der Wind oder das Wasser im Sande hinterlässt, vielleicht der Pflug im Acker, eine Art Faltenwurf, archaische Formen, die selbst Natur zu sein scheinen. Wellenartig streben diese Linien in Richtung der ovalen, tropfenförmigen Öffnung, durch die man den sich stets ändernden Himmel erkennt. Diese Struktur ist letztlich eine zu Beton geronnene, organisch anmutende in sich beinahe unendliche Struktur, bei der auch der Zufall eine Rolle gespielt hat. Entscheidend beim zustandekommen dieser Struktur war das besondere Bauverfahren. Während für die äussere Konstruktion Stampfbeton konventionell in horizontalen Schichten geschalt wurde, ist der Innenraum das Resultat einer nahezu vertikalen Schalung aus 120 Fichtenstämmen, die in einem Wald nahe Bad Münstereifel gefällt wurden.

Diese Stämme wurden nun zu einem zeltartigen Raum zusammnengefügt, ganz ähnlich einer Zeltkonstruktion wie sie noch heute autochtone, nomadische Bevölkerungen in einigen Landstrichen verwenden. Um diese Stämme des Innengerüstes wurden nun viele Schichten einer besonderen Stampfbetonmischung aus rötlich-gelben Sand, Flusskies und Zement aufgetragen. Ein langer kontemplativer Prozess. Ein "Zelt" aus Beton also, aus einer nomadischen Konstruktion wird hier eine stationäre, die die technischen Grundbestandteile, alter Nomadenkonstruktionen, wie etwa den Abzug durch das Zeltdach aufgreift. Letztlich eben eine uralte, sich aus der Logik der kulturellen Evolution ergebende Herangehensweise. Um weiter mit dem Bezug zum Bergbau in Mechernich zu spielen, könnte einem aber auch eine Art umgekehrter Bergbau in den Sinn kommnen, zunächst werden die Stempel und Stützen eingebracht, dann wird der Berg drumherum gebaut, na ja. Durch den konsequenten, lokalen Raumbezug ergibt sich eben eine vielschichtige, keineswegs eindeutige, offene Assoziationskette, die die verschiedenen historischen und aktuellen Nutzungs- und Wirtschaftsmodelle der nördlichen Eifel bewusst macht, immer vor dem Hintergrund der Biographie, der Bedeutung des Niklaus von Flühe.

Noch bevor man diese ganzen Teilaspekte voll erfasst hat, noch bevor die Augen sich an die geänderten Lichtverhältnisse gewöhnt haben, dringt ein sehr intensiver Brandgeruch in die Nase. Na klar, das Feuer, die Mutter aller Läuterungsprozesse und wichtiger Bestandteil der Mystik, als eines der Elemente. Doch hier war es auch zwingender Bestandteil der Bauphase, dem aufmerksamen Leser dürfte nicht entgangen sein, dass die Stämme, die als vertikale Stützkonstruktion dienten ja auch irgendwie wieder weg mussten. Die Stämme waren nachdem der Beton getrocknet war völlig mit diesem "verwachsen" und konnten nicht ohne weiteres entfernt werden. Die Lösung ein Köhlerfeuer, das bei verschlossener Tür 14 Tage lang schwelte. Und so wurden die Stämme "herausgekölehrt", erst durch diesen Prozess des Verschwindens der Stämme durch Feuer, entstanden die chaotischen und organisch anmutenden, wellenförmigen oder faltenartigen Strukturen, die heute die Wand bilden. Der Geruch bringt eine ungewöhnliche, abstrakte Zeitformation ins Spiel, denn noch nach Jahren wird man ihn wahrnehmen können, nur in einem langen zeit- und naturbasiertem Prozess wird dieser Geruch vielleicht irgendwann verschwinden. Ein Gebäude also, welches die Erinnerung an seine Bauphase, gleichzeitig seinen Alterungsprozess, als verschwindenden Geruch auf einer Zeit- und Witterungsachse markiert. Das ist ziemlich genial, und beschert dem Gebäude eine Art Eigenleben auf einer, für die Architektur, einzigartigen Ebene. Doch selbst die bildende Kunst tut sich mit Gerüchen immer noch sehr schwer und gibt sich eher steril.

Bauen ist unter diesen Umständen kein Bauen mehr, sondern gerät selbst zum Ritual. Der Ausgang war nicht in allen Einzelheiten vorhersehbar, die Formen die entstanden erschlossen sich auch den Beteiligten erst nach Abschluss des Brennvorgangs. Gleichzeitig findet sich hier erneut ein Ansatz der Wandlung, hier durch Feuer. Ein Feuer aber welches nicht zerstört und tötet, oder droht, sondern positiv neues schafft und ermöglicht. Feuer ist hier auch im christlichen Sinne also keine platte Drohung, sondern ein positiver Konstruktionsbestandteil.

Gleichzeitig ist das Feuer/die Stämme Baumaterial, vergängliche Materialität, wird also selbst zum abstrakten, historischen Träger der Struktur. Dieser Moment in dem das Feuer, kontrolliert, die neue Form prägte ist einzigartig, und absolut herausragender Bestandteil der Kapelle Bruder Klaus. Zurück blieben die Formen und der Geruch, und der zwingend erforderliche Abzug. Wir befinden uns in einem Kamin der Spiritualität, zunächst mal theoretisch. Wie auch immer man dazu steht, die bekannten Quellen hinsichtlich des Wirkens von Bruder Klaus werden hier absolut gekonnt umgesetzt, und zeugen von einem tief greifenden Verständnis der permanenten Wandlungsprozesse, von denen die Natur, auch die Landwirtschaft, der Raum geprägt ist. Werden und vergehen, säen, wachsen und ernten, finden im Bauwerk Peter Zumthors genauso ihren Widerhall wie horizontal und vertikal erschlossene, gegenwärtige und historische Aspekte des Raumes der nördliche Eifel. So ist die Kapelle eben auch geronnene Zeit, ein Bau der Erinnerung.

Die erstarrte, scheinbare Bewegung in den Wänden zwingt den Blick nach oben, wirft den Anwesenden gleichsam aus der Kapelle hinaus gen Himmel. Wir haben alle Elemente in konkreter und abstrakter Form versammelt. Ein mehr als gelungener Ansatz, ein unvergesslicher Raumeindruck, der auf dem Rückweg zum Bahnhof Satzvey für nachdenkliche, dabei sehr bewusste und lebendige, leichte Stimmung sorgt. Den Geruch der Kapelle nimmt man noch lange mit, er setzt sich fest. Nun es ist eine sehr sinnliche Angelegenheit, haptisch, akustisch, visuell und olfaktorisch. Ausgehend von diesen Überlegungen lässt sich natürlich eine unglaublich komplexe Assoziationkette spinnen, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. Das ist aber unerheblich, denn der Eindruck, das Erleben dieses Bauwerks ist entscheidend. Die einzige Fähigkeit die man mitbringen sollte ist die Bereitschaft sich mit allen Sinnen auf dieses "kleine" Meisterwerk der Architektur einzulassen.

Der Verzicht auf jegliche modische Verrenkung und verkitschte Dekonstruktion, ist zumthortypisch genial ins seiner Konsequenz und Komplexität. Beeindruckend ist darüber hinaus die Verwendung beinahe natürlicher Baustoffe, der Verzicht auf allzu ausgefallenes Material. Nicht nur hinsichtlich des strukturbildenden Materials, sondern auch hinsichtlich des eigentlichen Bauprozesses. Die komplexe Innen-Aussen Dialektik ist hier noch extremer als bei "Kolumba". Geradezu diametral gegenüber stehen sich die schlichte Aussenform und die hochkomplexe, unruhig-ruhige Innenform. In der Gesamtbeschau ergibt sich so eine gelungene Synthese. Wobei klassische Dialektik eigentlich nicht mehr ausreicht. Es geht sogar soweit, dass die gemachten Kompromisse zum Nachdenken über die Architektur und ihr Verhältnis zur Kunst anregen.

V. Der Rückweg

Den Brandgeruch noch in der Nase verließen wir den Ort in Richtung Rißdorf. Ja und tatsächlich hatte sich der Eindruck den die Landschaft der Eifel auf uns machte verändert. Alles war leichter, beschwingter. Nachdem eine anfängliche Schwere gewichen war. Dies ist ein eindeutiges Zeichen für Inspiration. Der Brandgeruch wollte lange nicht weichen; Grund genug mit dem Zitat von Marcel Proust zu schließen, mit dem wir schon begonnen haben:

    „Aber wenn von einer lang zurückliegenden Vergangenheit nichts mehr übrig ist, nach dem Tode der lebendigen Wesen, nach der Zerstörung der Dinge, verweilen ganz alleine, viel fragiler, aber lebenskräftiger, immaterieller, ausdauernder, treuer, der Geruch und der Geschmack noch lange Zeit, wie Seelen, entsinnen sich, warten, hoffen, auf den Ruinen von allem übrigen, und tragen, ohne zu wanken, auf ihren kaum wahrnehmbaren Papillen den ungeheuren Bau der Erinnerung.“ (Marcel Proust, Combray S. 72, Übersetzung von Michael Kleeberg, 2002)  
 

 







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