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2. 09. 2014
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Die Fratze des Kapitalismus


21.09.2009 18:13 von:

Schlagwörter: Köln,Theater im Bauturm,Glaube,Liebe,Hoffnung,Ödön,Horvath,Premiere,Selbstmord,

(js) Die Geschichte ist gut 80 Jahre alt und trotzdem ganz aktuell: Eine junge Frau braucht Geld, um sich eine selbstständige Existenz aufzubauen. Ein Traum, der im Selbstmord endet. Ämter – damals die Fürsorge, heute Hartz IV – ziehen erst das Vermögen von Angehörigen heran, ehe sie Bedürftigen helfen. Falls sie überhaupt zuständig sind. Und ewig sind die Hoffnungen und Schwächen der Menschen: Eitelkeit, Angst vor der Wahrheit, fehlendes Vertrauen, Streben nach Macht, Standesdünkel, Misstrauen, mangelnde Courage, die Sehnsucht nach Glück und die wahre Liebe. Im Theater im Bauturm ist eine einfühlsame, anrührende und bemerkenswert moderne Fassung von Ödön von Horvaths "Glaube, Liebe, Hoffnung" zu sehen, dieser Psychostudie über die im und am Kapitalismus Gescheiterten und die, die ihn zu nutzen wissen.

Das liegt nicht zuletzt an den sechs Schauspielerinnen und Schauspielern. Marie-Theresa Lohr spielt als einzige nur eine Rolle, die der Hauptfigur Elisabeth. Die will ihren Körper der Anatomie verkaufen, um 150 Mark für einen Wandergewerbeschein für Lignerie zu erwerben. Ein Präparator leiht ihr das Geld, weiß aber nicht, dass sie das Geld braucht, um eine Strafe wegen Handels ohne Gewerbeschein zu zahlen. Er zeigt sie an, sie wird wegen Betrugs verurteilt. Diese Vorstrafe verschweigt sie ihrem Freund, einem Polizisten. Als er davon erfährt, verstößt er sie, um seine Karriere nicht zu gefährden. Elisabeth geht ins Wasser, wird gerettet und kehrt kurzfristig ins Leben zurück. Gelegenheit zur Selbstkritik für die anderen – zu spät, die junge Frau stirbt doch. Lohr gibt ihr eine schillernde Persönlichkeit: keck und selbstbewusst, verzagt und etwas weltfremd, naiv und erfahren zugleich.

Die anderen Mitglieder des Ensembles übernehmen in gleicher Qualität bis zu vier Rollen. Arne Obermeyer, Sabine Hahn, Regina Welz, Martin Skoda und Steffen Casimir Roczek werden von Regisseur Harald Demmer an der kurzen Leine geführt. Er inszeniert markant und direkt, ohne überflüssiges Drumherum und Effekte, gibt jeder Person einen stimmigen Charakter – nur einige wenige Szenen geraten ihm zu theatralisch.

Eine wichtige Rolle spielt das Bühnenbild von Marpa Schneider, das die Welt als Drehbühne darstellt. Auf ihr können sich die Menschen fortbewegen oder auf der Stelle treten, sie können auf- oder absteigen, und wer sich ihrem Tempo nicht anpasst, fliegt (symbolisch) auf die Schnauze oder wird hinausgeschleudert. Ansonsten ist die Ausstattung spartanisch: Im Hintergrund stehen Stühle, auf denen das Ensemble auf seinen Einsatz wartet und vor denen es sich für die Rollenwechsel umzieht. Das Premierenpublikum war überzeugt und spendete berechtigten Beifall.

"Glaube, Liebe, Hoffnung" von Ödön von Horvath – weitere Termine: 23., 24., 26., 27., 28.9. jeweils 20 Uhr, theater im bauturm, Aachener Str. 22-24, 50674 Köln, Tickets: 0221 / 52 42 42, Karten: Mo-So 17-20 Uhr, www.off-ticket.de oder www.koelnticket.de.







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