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26. 05. 2012
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In der Bütt nicht vor den Nazis gekniffen


03.11.2010 17:54 von:

Schlagwörter: Köln,Karneval,Küpper,Büttenrede,Bilz,Nazi,Rosenmontag,Gestapo,Göring,Liessem

(js) Karl Küpper war eine doppelte Ausnahme. Zum einen war er Zeit seines Lebens ein politischer Büttenredner im bis heute eher aus simple Witze angelegten Kölner Sitzungskarneval (ob‘s daran lag, dass er in Düsseldorf geboren wurde?). Zum anderen traute er sich unter der Nazi-Diktatur, Parteibonzen und Politik zu kritisieren, als sich die anderen Karnevalisten schon lange gleichgeschaltet hatten und im Karneval die rassistische Nazi-Ideologie verbreiteten. Dieselben scheuten sich nach 1945 nicht, Küpper nach 1945 als Beweis dafür zu nennen, dass der Kölner Karneval ein Hort des Widerstands gewesen sei. Als er politisch blieb, verbannten sie ihn aus der Bütt. Nicht einmal im Museum des Festkomitees Kölner Karneval fand er bisher ein Plätzchen. Der Historiker Fritz Bilz setzt ihm jetzt mit einer gründlich recherchierten Biografie ein verspätetes Denkmal.

Bilz zeichnet das Bild eines Mannes, der kein Widerständler sein wollte, sondern lediglich die Freiheit eines Narren bis an deren Grenzen ausreizen wollte. In seinen Büttenreden, vom Publikum begeistert aufgenommen, zog er über Hermann Göring her, über Robert Ley, er machte sich über das Winterhilfswerk lustig und über die Achse Berlin-Rom. Zum großen Teil nachzulesen sind sie jetzt in der Biografie, Bilz fand sie im Nachlass, den Küppers Sohn Gerhard lange eher unbeachtet hütete. Am bekanntesten eine Szene aus Küppers Bühnenauftritt: Er hebt die rechte Hand zum Hitlergruß und fragt: Eß et am rähne? (regnet es?)

Kein Wunder, dass er sich damit bei den braunen Machthabern nicht beliebt machte. 1939 erhielt er aufgrund des "Heimtückegesetzes" ein lebenslängliches Rede- , de facto also Berufsverbot. Vor dem drohenden Konzentrationslager rettete er sich die durch freiwillige Meldung zur Wehrmacht. Er war von einem befreundeten Gestapo-Mann vor einer Verhaftung gewarnt worden. Küpper landete bei der Truppenbetreuung.

Nach 1945 trat er wieder Karneval auf. Auch wieder mit politischen Büttenreden. Auch wieder mit erhobener Rechter, diesmal aber mit der Feststellung: "Et eß ald widder am rähne!" (Es regnet schon wieder). Eine Anspielung auf all die, die bei den Nazis dabei waren und nun wieder im öffentlichen Leben Fuß fassten, als wäre nichts gewesen. Das traf die Kölner Karnevalisten, aber auch die Vertriebenenverbände. Offizielle Politik in der jungen Bundesrepublik aber war das Verdrängen, wer an die berüchtigten zwölf Jahre, wurde schnell als Nestbeschmutzer diskreditiert.

Kein Wunder also, dass sich Küpper wieder einmal nicht beliebt machte. In einer Büttenrede zog er 1952 als "ne Verdötschte" über die Vertriebenenverbände her, über den ägyptischen König Faruk, der gerade den Suezkanal gesperrt hatte, und über die britische Besatzungspolitik. Diese "Herabwürdigung" in- und ausländischer Politiker kam in der Politik nicht gut an. Auch nicht bei den offiziellen Karnevalisten. Beflissen verbot der Bürgerausschuss Kölner Karneval seinen Mitgliedern, Küpper mit dieser Rede zu engagieren. Wortführer war Thomas Liessem, angepasster Karnevalsfunktionär unter den Nazis, später Präsident des Festkomitees Kölner Karneval und heftiger Verteidiger des Karnevals als "Widerstandshort" und engagierter Verhinderer von historischen Untersuchungen zu dieser Zeit. 1958 zog sich Küpper aus dem Karneval zurück, er starb 1970 im Alter von 65 Jahren.

Lange war er aus der offiziellen Erinnerung verschwunden, diese Biografie ist eine späte Wiedergutmachung. Sie ist quellenreich, flüssig geschrieben und übersichtlich gegliedert. Sie zeigt viele, bislang unveröffentlichte Privat-Fotos. Dazu noch Fotos von rassistisch verkleideten Fußgruppen aus den Rosenmontagszügen der 1930er Jahre. Sie stammen aus einem Nachlass, der erst vor zwei Jahren dem NS-Dokumentationszentrum überlassen und bislang noch nicht veröffentlicht wurde. Vielleicht überzeugt die Lektüre die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung, eine Straße nach Karl Küpper zu benennen. Das wünscht sich Werner Jung, Leiter des NS-Dokumentationszentrums. Und Fritz Bilz wünscht sich einen Karl-Küpper-Preis, der jedes Jahr für die beste politische Büttenrede verliehen wird. Eine kleine Rehabilitation des mutigsten Karnevalisten des vorigen Jahrhunderts scheint aber anzustehen, so Gerhard A. Küpper: Er hat den Nachlass seines Vaters dem Kölner Karnevalsmuseum überlassen, das dafür dann doch ein kleines Eckchen in der Dauerausstellung finden sollte.

Fritz Bilz: "Unangepasst und widerborstig – Der Kölner Karnevalist Karl Küpper" – Verlag "Edition Kalk" der Buchhandlung Winfried Ohlert, zahlreiche Fotos, 200 Seiten, gebunden, 19,95 Euro







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