25. 05. 2012
Seite drucken
Stunker helfen dem lieben Gott
(ehu) Angela Merkel im Schuldenberg versunken? Kein Problem – sie könnte ja den gebürtigen Vietnamesen Philipp Rösler zum Zigarettenschmuggeln schicken. Oder Privatinsolvenz anmelden und nach sieben Jahren das Phantasialand übernehmen. Die Zehn Gebote sind nicht mehr zeitgemäß? Auch hier weiß die Stunksitzung eine Lösung: Beim nächsten Mal lässt sich Gott von der Auto-, Waffen, Pillen- und Stromindustrie beraten. Frech, visionär, respektlos und allumfassend schonungslos präsentiert sich Kölns älteste alternative Karnevalssitzung auch in diesem Jahr. Die 27. Premiere wurde dann auch zu Recht am Samstag im E-Werk begeistert gefeiert.
Und noch ein Blick in die Zukunft: Der Rosenmontagszug dauert zu lang? Einfach in die U-Bahn verlegen – Mottowagen sind eh schon unterirdisch – und von einem ICE ziehen lassen. Der traditionelle Karneval bekommt sein traditionelles Fett weg. Dabei beherrschen die Stunker das, was sie karikieren, selber meisterhaft. Sei es das klassische Krätzjer – hier besingt ein Fliesen-Trio den Fall Kachelmann – oder das Animieren zum Schunkeln. Dem kann sich das Publikum nicht entziehen.
Funke sucht Herrchen
Wäre es nicht so herrlich witzig erdacht und gespielt, könnte das Publikum fast auch Mitleid bekommen: Mit dem kleinen ausgesetzten Blauen Funken, der unter Karnevals- und Sexentzug leidet und für den ein neues Herrchen gesucht wird. Mit der Mutter, die darunter dass ihre Tochter als Funkenmariechen und lauter Männer gefallen ist. Oder Mitleid mit der Jungfrau aus dem Dreigestirn, die endlich als Frau ernst genommen werden will. Das Publikum hat auch seinen hellen Spaß, wenn sich die Roten Funken nach ihrer China-Reise auf die wacklige Suche zur Erleuchtung durch Ying und Yang machen: Auf einer riesigen Wippe suchen die Narren ihr Gleichgewicht, sind aber vor dem spektakulären Abrutschern nicht gefeit.
Nicht weniger spektakulär als die Narren eine Hommage für die Bläck Fööss, was etwas herablassend angekündigt wird, erweist sich als originelle Liebeserklärung (wie die Stunker Köln insgesamt mehr lieben, als sie zugeben). Da ragen fünf nackte Füße aus fünf Hemdenkragen, aus den Ärmeln gucken nur Hände, die Gitarre oder Akkordeon spielen. Die Füße erhalten Perücken und Schnäuzer – und fertig sind die "Bläck Fööss". Für Wirbel dürften die Einlassungen des weinseligen Ex-Bischofs Mixa sein, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat: "Erst die Kinder, dann der Wein." Das ist stellenweise hart an der Grenze zur Zote, aber so sind sie halt – die Kindesmissbraucher und da können die Stunker allemal mithalten.
Wohnen bei Ikea
Nicht zu vergessen die wieder einmal mitreißende Musik von "Köbes Underground". Nicht nur, als die Hauskapelle der Stunksitzung kölsche Tön in Beatles-Hits verwandelte, verlangte der Saal "Zugabe". Allerdings vergeblich – wie auch beim klassischen Duett von Biggi Wanninger und Ecki Pieper. Die zwei seien hier stellvertretend für alle 22 ebenso spielfreudigen und exzellenten Schauspieler und Musiker genannt.
Der Vollständigkeit halber noch in Kürze einige andere Sketche: Verquere Partnersuche nach Internet-Flirt. Die vergebliche Ermahnung der Muttergottes an Jesus und Mohammed, doch beim Spielen nicht zu zanken. Die Hartz-IV-Empfänger, die kein Geld mehr erhalten, sondern als Sachleistung eine Unterkunft bei Ikea zum friedlichen Zusammenspiel hier. Der Ortsteil Poll, der sich durch genetisch schminkunfreudige Mitbürger von der Abschaffung bedroht sieht (für Nicht-Kölner: Hier gab es einst den legendären Karnevalsverein "Poller Negerköpp" gab). Kasperl-Königin Trullala Merkel, die alle politischen Gegner abklatscht.
Letzte Hilfe
Offiziell – so heißt es – sind alle Stunksitzungen (insgesamt sind es 46) bis zum 8. März ausverkauft. Doch die Stunker haben ein Herz für ihre Fans: auf www.stunksitzung.de finden sich eine Kartentauschbörse und Angebote für Last-Minute-Tickets.


























