26. 05. 2012
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Die "Fahrt ins Ungewisse" endete im Tod
(ehu) Stolz posiert Straßenbahnfahrer Moritz Revesz auf dem Foto mit zwei Kollegen vor seinem "Arbeitsgerät". Ende Oktober 1941 wird der Kölner Jude nach Litzmannstadt deportiert, 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Von Protesten seiner Kollegen ist nichts bekannt. Auch nicht von Protesten anderer Kölner, als insgesamt 2000 jüdische Nachbarn und Arbeitskollegen in den Tod deportiert wurden. Zur selben Zeit erleiden 1000 Juden aus Düsseldorf und anderen Städten im Rheinland das gleiche Schicksal. Zum 70. Jahrestag des Geschehens erinnert die Ausstellung "Deportiert ins Ghetto" im Kölner NS-Dokumentationszentrum an das Verbrechen der Nationalsozialisten.
Zehn Jahre lang dauerten die Vorbereitungen für diese Ausstellung. Zwei Millionen Akten-Seiten wurden dafür namentlich ausgewertet, zusammen 200 Regalmeter. Es waren sowohl die Akten der Selbstverwaltung des Ghettos als auch der zuständigen deutschen Stellen in Litzmannstadt. Der Stadt, die die Nazis nach einem Ersten-Weltkrieg-General und frühen Parteimitglied umgetauft hatten und die heute wieder Lodz heißt.
Der schnelle Vormarsch der Roten Armee verhinderte die Aktenvernichtung
Dass auch die deutschen Verwaltungsunterlagen komplett vorhanden sind, wundert. Doch nach der Auflösung des Ghettos Ende 1944 hatten die Besatzer nicht mit dem schnellen Vormarsch der Roten Armee gerechnet und keine Zeit mehr gefunden, alle Spuren ihres Mordregimes zu vernichten. Lange Jahre hütete das Staatliche Archiv Lodz diese beiden Aktenstränge. Eine Auswertung aber erschien angesichts des lange herrschenden latenten Antisemitismus in der "sozialistischen" Volksrepublik nicht opportun.
Durch die gründliche Forschung konnten viele Schicksale der Deportierten und Ermordeten geklärt werden, bei denen bislang nur das Wort "verschollen" stand. Den Kölner Nazi-Opfern konnte so – bis etwa 200 – buchstäblich ihr Name wiedergegeben werden. Und viele Angehörige wissen endlich, wo und wie Vater und Mutter, Bruder oder Schwester gestorben sind oder beerdigt wurden.
Ein Fotoalbum ist das einzige, was an die Familie Moses erinnert
Weil viele Lebensgeschichten beispielhaft vorgestellt werden, ist die Ausstellung von beklemmender Authentizität. Auf den Schautafeln – gegliedert in sechs Kapitel – wird die Geschichte mit historische Fotos, amtlichen Dokumenten,Briefen, Zitaten und wenigen persönlichen Hinterlassenschaften erzählt.
Zu letzteren gehört ein Fotoalbum. Ein bunter Kinderwagen ziert den Einband, innen halten Fotos die ersten zwei Lebensjahre der kleinen Mathel, geboren 1939 in Köln fest. Babyfotos, wie sie wohl in jedem Familienalbum zu finden sind. Das Album ist das einzige, was von der Familie Moses übrig geblieben ist. Auch sie wurde deportiert und in Kulmhof ermordet.
Die materialreiche Ausstellung zeigt, wie die Vertreibung der Juden aus dem öffentlichen Leben auch in Köln schon direkt nach der Machtergreifung Hitlers 1933 begann. Zunächst mit dem Aufruf, jüdische Geschäfte zu boykottieren, wobei etwa die Kaufleute Arno und Benno Katz von den Nazis gezwungen wurden, Plakate mit den Boykottaufrufen durch die Stadt zu tragen. Es folgten Berufsverbote, der rausschmiss aus den Wohnungen und der Zwangseinzug in "Judenhäuser", Zwangsarbeit, der gelbe Judenstern, die Enteignung, dann die Deportation am 22. und 30. Oktober 1941. Von dem, was sie erwartete, hatten sie zu Beginn der "Fahrt ins Ungewisse" keine Ahnung, wie der verhaltene Optimismus in Briefen aus dem Sammellager in der Kölner Messe zeigen.
Wer "arbeitsunfähig" war, wurde im Vernichtungslager Kulmhof ermordet
Im Ghetto Litzmannstadt begann der letztlich aussichtslose Kampf ums Überleben. Wie dort der Alltag aussah, zeigte die vorige Ausstellung im EL-DE-Haus. Nur wer arbeitete, bekam seine karge Tagesration an Essen. "Arbeitsunfähige" wurden nach Kulmhof (Chelmno) "ausgesiedelt", wie es die Nazis zynisch nannten, und dort ermordet. "Durch die Straßen ziehen die Elenden aus Köln und Düsseldorf: Sie sind die ersten Aussiedler", hielt der Ghetto-Chronist Oskar Singer für den 4. Mai 1942 fest. Nur 23 Kölner und 11 Düsseldorfer haben Litzmannstadt überlebt. Erst in den 1980er Jahren kamen sie – nach mühevollem Gang durch die Justizinstanzen und wenn sie dann noch lebten – zu Entschädigungen.
Köln ist die erste Station dieser Wanderausstellung. Sie wurde gemeinsam von den 25 nordrhein-westfälischen NS-Gedenkstätten erarbeitete Wanderausstellung. Es gibt ein umfangreiches begleitprogramm. Unter anderem wird am 23. Oktober, 11 Uhr, dem letzten Tag der Ausstellung, Henry Oster aus seinem Leben berichten. Er hatte als Kind drei Jahre im Ghetto Litzmannstadt leben müssen, sein Vater starb dort, seine Mutter wurde in Auschwitz ermordet, er selber leistete Zwangsarbeit in Buchenwald, bis er im April 1945 befreit wurde.
"Deportiert ins Ghetto – Die Deportation der Juden aus dem Rheinland im Herbst 1941 ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz)" – bis 23.10., NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, EL-DE-Haus, Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln, Tel. 02 21 / 22 12-63 32, Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 10- 16 Uhr, Do 10-18 Uhr, Sa, So 11-16 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr. Eintritt: 4,20/1,80 Euro. Umfangreiches Begleitprogramm unter www.nsdok.de


























