25. 05. 2012
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Mäuseknochen und kostbare Seidentücher
(ehu) Als 1962 die Reliquienlade im Schrein der Pfarrkirche St. Severin geöffnet wurde, schaute man wohl nicht so genau hin. 1999 war das anders, die Gemeinde im Vringsveedel entschloss sich nach längerer Diskussion den Inhalt – Gebeine und Textilien – wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Nach zwölf Jahren wurden jetzt die Ergebnisse der Arbeit von 27 Experten vorgestellt – und die kommen durchaus einer kleinen Sensation gleich.
Was die Katholiken wohl besonders freuen wird: Die Gebeine des seit über 1.500 Jahren ohne Unterbrechung verehrten Heiligen sind wohl echt. Sie stammen auf jeden Fall von einem Mann, der um dieselbe Zeit gestorben ist wie der dritte Kölner Bischof – also um das Jahr 400. Zudem war der Leichnam in ein kostbares Seidentuch gewickelt, das auf das vierten bis fünften Jahrhundert datiert wird. Daumennagelgroße Reste davon fanden sich sich in Markhöhlen der Beinknochen. Das alles zusammen lässt Ursula Tegtmeier, Archäobotanikerin an der Uni Köln; sagen: "Die Gebeine stammen wahrscheinlich wirklich vom heiligen Severin."
Mit der Dendrochronologie konnte das Alter des Eichenholzes bestimmt werden
Die Knochen und Textilien befanden sich in einer gut ein Meter langen Eichenholzkiste, die wiederum im goldenen Schrein steckte. Durch einen Vergleich der Jahresringe konnte das Fälldatum der Eiche bestimmt werden: um 940. Im Jahr 948, so ist überliefert, hatte der damalige Kölner Erzbischof Wilchfried die Überreste seines Vorgängers in einem neuen Behältnis bewahrt. In eben der Eichenkiste, die man jetzt vor sich hatte. Die Untersuchung eines Siegels beseitigte die letzten Zweifel. Joachim Oepen vom Historischen Archiv des Erzbistums Köln: "Wir haben damit das älteste bekannte Siegel eines Kölner Bischofs gefunden." Insgesamt ist der Schrein wohl nur fünfmal geöffnet worden.
Von besonderem wissenschaftlichem Wert sind die Textilien, in denen die Gebeine eingeschlagen waren: vier große Leinentücher und drei aus Seide, damals so wertvoll wie Gold. "Ihre Entstehung konnten wir in die Zeit zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert festlegen", schwärmt Sabine Schrenk von der Abteilung Christliche Archäologie an der Uni Bonn von dem "spektakulären" Fund. "Vergleichbares aus dieser Zeit ist sonst kaum bekannt."
Chrsitentum, Islam und Judentum friedlich vereint im Schrein von St. Severin
Das bezieht sich zum einen auf die Größe der Tücher, alle ist mit 274 mal 134 Zentimetern das größte erhaltene frühmittelalterliche Stück überhaupt. Es ist mit den Bildern von Perlhühnern, Hähnen, Herzchen und Kassettenmustern verziert. Es stammt aus Zentralasien, wohl aus einem frühislamischen Umfeld. Die Seidenproduktion war damals in Europa nicht bekannt. Rätsel gibt die Herkunft eines Seidentuchs mit einer hebräischen Inschrift auf. "Zumindest lässt sich vermuten, dass in dieser Zeit einen engen Austausch zwischen den die drei monotheistischen Religionen gab", vermutet Oepen.
Bei der Datierung halfen – eine kleine Kuriosität – die Knochen von drei nur wenige Zentimeter großen Zwergmäusen. Ihre Untersuchung mit der Radiumcarbonmethode ergab, dass sie zwischen 1030 und 1060 Jahre alt sind, also 948 mit in der Eichenkiste eingeschlossen worden sein müssen. Vor ihrem Tod knabberten sie noch ein bisschen die Textilien an – die also ebenfalls mit eingelegt wurden. Bis auf die Nagespuren sind sie gut erhalten, einschließlich der Webkanten. Hieraus hofft man noch Schlüsse auf die Herstellungstechnik zu gewinnen.
Die wertvollen Seidentücher können auf Anfrage in der Krypta besichtigt werden
Die Gebeine – sowohl die menschlichen wie die der Mäuse – liegen inzwischen wieder, gut verpackt, in dem goldenen Schrein. Die nun leere Holzkiste wird in der Krypta von St. Severin ausgestellt, in einer Seitenkrypta die Textilien. Auf Anfrage können sie besichtigt werden: Tel. 0221 / 931 84 20, oder E-Mail: pfarrbuero@st-severin-koeln.de
Die Forschungsergebnisse werden im Buch "Der hl. Severin von Köln: Verehrung und Legende – Befunde und Forschungen zur Schreinöffnung von 1999" ausführlich und reich illustriert dargestellt (Verlag Franz Schmitt, Siegburg 2011, gebunden, 602 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 49 Euro).


























