26. 05. 2012
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Großbrand: Kritik an offiziellen Stellen wächst
Auf die Resultate der Luftmessungen muss die Öffentlichkeit aber weiter warten.
Demnach hat die Bezirksregierung, die seit dem Jahreswechsel für die
der Störfallverordnungen unterliegenden Großbetriebe zuständig ist, 15
Pflanzen- und 20 weitere Bodenproben im Gebiet südlich des
Chemiestandorts entnommen. Insgesamt 20 Standorte, zumeist an besonders
sensiblen Punkten wie Kindergärten oder Spielplätzen, wurden dabei
untersucht, wie die Aufsichtsbehörde mitteilte. Die durchgeführten
Luftmessungen vom 26. März werden derzeit noch abschließend
ausgewertet, man wolle keine Extrem- sonder nur gemittelte Werte
veröffentlichen, hieß es dazu weiter. Bei den Boden- und Pflanzenproben
habe es keine Auffälligkeiten gegeben, versicherte die Behörde. Ein
unabhängiges Institut hatte die Untersuchungen im Auftrag der
Bezirksregierung durchgeführt.
Kritik der Medien zeigt Wirkung
In einem am heutigen Donnerstagabend ausgestrahlten Beitrag der
ARD-Sendung Monitor kritisierten die Autoren die unzureichende
Informationspolitik der offiziellen Stellen. Auch die Stadt Köln hatte
erst gestern offiziell bestätigt, dass es drei auffällige Messungen
gegeben habe, wenn auch zwei der kritischen Messungen zu
nachtschlafener Zeit gemessen wurden. Die anderen Messungen hatten
durchweg Werte von unter zehn ppm Acrylnitril ergeben, ein nach Ansicht
von Experten tolerabler Wert, wenn er nur phasenweise auftritt. Die
Recherchen der WDR-Autoren hatten jedoch bei eigenen Messungen auch
Blausäurewerte oberhalb der empfohlenen Grenzwerte (DFG: 1,9 ppm)
ergeben. Blausäure ist ein Abfallprodukt von Acrylnitril. Das Magazin
zitiert den Chemiker Prof. Jürgen Rochlitz, der auf die Gefahren durch
Blausäure aufmerksam macht. Solche Konzentration sollten in
Wohngebieten eigentlich gar nicht auftreten. Allerdings hänge die
Schwere der Folgen von der Dauer der Belastung ab. Bei der gestrigen
Pressekonferenz der Stadt Köln war Blausäure zumindest kein Thema, auch
die Bezirksregierung machte in ihrer offiziellen Verlautbarung von
heute keinerlei Angaben zu möglichen Blausäurebelastungen. In einer
Eilmeldung am späten Donnerstagabend widersprach die Pressestelle der
Stadt Köln der Darstellung des WDR. Bei den erwähnten Messwerten sei
der Monitor-Redaktion ein „Übertragungsfehler“ unterlaufen. Angeblich
soll die Redaktion der ARD-Sendung davon auch Kenntnis haben, erklärte
Stadtsprecherin Inge Schürmann dazu.
Sondersitzung in Dormagen / Kritik von Grünen und CDU
Die Berichterstattung der Medien sowie die jüngsten Erkenntnisse haben
auch aufseiten der Politik zu ersten Reaktionen geführt. Die Kritik der
Kölner SPD-Ratsfraktion klingt demnach noch halbwegs gedämpft. „Es ist
unerträglich, wenn mir von den Bürgerinnen und Bürgern im Kölner Norden
der Eindruck vermittelt wird, dass ihnen wichtige Informationen
vorenthalten werden“, erklärte die aus dem Kölner Norden stammende
Stadtverordnete Dagmar Paffen. Ihr Ratskollege Götz Bacher hat am
heutigen Donnerstag in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des
Ratsausschusses für Umwelt, Gesundheit und Grün zu einer
außerordentlichen Sondersitzung des Gremiums am 14. April eingeladen.
Dort sollen Experten die Bevölkerung noch einmal mit den
Messergebnissen und ihren möglichen Auswirkungen konfrontieren. Die
Veranstaltung findet im Vereinshaus Köln-Worringen statt.
Die CDU sieht hingegen das Vertrauen in die offiziellen Stellen
„erschüttert“. Auch die Bezirksvertretung wird am gleichen Tag eine
Sondersitzung im Kölner Norden gemeinsam mit dem Ausschuss durchführen,
bestätigte Bezirksbürgermeister und Ratsmitglied Hans-Heinrich
Lierenfeld (CDU). Die CDU-Fraktion erwartet konkrete Lösungsvorschläge
und ehrliche Antworten. Insbesondere müssen die „Schwächen in der
Kommunikation“ zukünftig vermieden werden. Um das Vertrauen wenigstens
in Teilen wiederherzustellen ist „eine transparente Darstellung des
Unfallgeschehens, einschließlich der Emissions- und Immissionslage,
durch die Verantwortlichen Stellen zu gewährleisten“, erklärten
Lierenfeld und der umweltpolitische der CDU-Ratsfraktion Dr. Michael
Paul.
Die Partei der Grünen schließlich will die Angelegenheit sogar im
Landtag zur Sprache bringen. Deren umweltpolitische Sprecher der
Landtagsfraktion der Grünen Johannes Remmel prangerte neben der
schlechten Informationspolitik vor allem das Wirrwarr um
Zuständigkeiten an. So soll die Bezirksregierung über die
Messergebnisse der Stadt nicht informiert worden sein, erklärte Remmel
in der Aktuellen Stunde des WDR-Regionalprogramms. „Das Chaos der
Behörden muss geklärt werden“, so Remmel. Kern der Kritik ist auch für
seine Partei die Frist von über zwei Wochen, bevor die Betroffenen vor
Ort über die wirklichen Gefahren des Vorfalls informiert wurden.
Die Bürgerinitiative Kölner Norden hatte bereits vor Wochenfrist
Anzeige gegen Unbekannt wegen des Verdachts auf Verstöße gegen die
Störfallverordnung sowie gegen mehrere Umweltparagrafen des
Strafgesetzbuches erstattet. Ähnliches hatte der BUND NRW e.v. wenige
Tage zuvor getan. Beide Klagen sind derzeit anhängig.


























