Ex-WDR-Intendant Pleitgen hält die 2. Kölner Sportrede
Neben Oberbürgermeister Fritz Schramma und zahlreichen Vertretern des
Kölner Sport kamen auch der Vizepräsident des National Olympischen
Komittees Walter Schneeloch, der nordrhein-westfälische Innenminister
Dr. Ingo Wolf sowie als Festredner der ehemalige WDR-Intendant Dr.
Fritz Pleitgen. Thema der zweiten Sportrede (die erste fand im Oktober
2006 statt) war der Themenkomplex Sport – Kultur – Medien. Noch bevor
Pleitgen als Geschäftsführer des Organisationsbüros europäischen
Kulturhaupt in Essen ernannt wurde, kam bereits die Anfrage und so war
es kein Wunder, dass sich das Thema ursprünglich vorgesehene Thema
Sport und Medien um die „Kultur“ erweitert hat. „Sport wird inzwischen
als Kulturgut verstanden“, erklärte einer der Begrüßungsredner,
Sportfunktionär Schneeloch. Das Verhältnis zwischen Sport und Medien
beschrieb Pleitgen, der immer noch als Vorsitzender der europäischen
Rundfunkunion amtiert, kurz und prägnant als „labil“. Beide Seiten
profitieren voneinander. Den größten Raum seiner mehr als einstündigen
Rede nahm aber das Thema Tibet im Zusammenhang mit den Vorbereitungen
auf die Olympischen Spiele in Peking im Sommer 2008 ein.
Schwierige Diskussion um das richtige Vorgehen
Boykott oder nicht, politische Meinungsäußerung von Spitzensportlern
oder Maulkorb. Die Vielfalt der unterschiedlichen Meinungen machen eine
sachliche Debatte kaum mehr möglich. Und so war der Vortrag Pleitgens
sicher auch als Provokation und Impuls zum Nachdenken gedacht. Die
Politik habe versagt, der Sport alleine könne wenig tun. Am
allerwenigsten aber ist der Sache gedient, wenn jetzt die Olympischen
Spiele selbst oder – der „worst case“ für Pleitgen – aus politischen
Opportunitäten der Fackellauf von Olympia nach Peking abgesagt würde.
„Dieser Fackellauf hat überhaupt erst erreicht, dass die Welt über die
Menschenrechtsverletzungen in Tibet spricht“. Pleitgen kritisierte
zudem die moralisierenden Äußerungen von Politikern, die von
Sportlerboykott sprechen, gleichzeitig aber aus wirtschaftlichen
Beweggründen chinesischen Offiziellen bei jeder sich bietenden
Gelegenheit den Hof machen. „Verlogen“ so das Fazit des 70-Jährigen.
Auf der anderen Seite nahm Pleitgen kein Blatt vor den Mund, um die
unerträglichen und menschenverachtenden Vorgänge auf dem Dach der Welt
beim Namen zu nennen. Nicht Geringeres als „kultureller Genozig“ sei
das Vorgehen des chinesischen Staatsmacht in Tibet, der Plan, das
olympische Feuer auch durch eben jenes Tibet zu trafen „eine böse
Entgleisung“, die Reaktion westlicher Politiker seien
„Schaufensterpolitik“, noch deutlicher: „Die Politik hat komplett
versagt“, so Pleitgen nicht alleine in Richtung des anwesenden
nordrhein-westfälischen Innenministers. Der hatte zuvor von der
„verantwortungsbewussten und unreflektierten Rolle“ der Medien bei
Sportberichterstattung gesprochen. „Wir wissen, dass die Medien bei der
Heldenschaffung und beim Stoß vom Sockel eine wichtige Rolle spielen“,
so der Innenminister. Von einem Boykott hält Wolf, da ließ er keinen
Zweifel, rein gar nichts. „Ein Boykott der Olympischen Spiele hat in
der Vergangenheit nichts bewirkt und wird auch nichts bewirken“, so
Wolf. Der Innenminister sieht hier das IOC in einer besonderen
Verantwortung. Viel zu kurz gegriffen, so die Replik Pleitgens wenige
Minuten später. „Ein Boykott müsste umfassender sein. Wir müssten
sämtliche politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen
einfrieren“, empfahl Pleitgen angesichts der Erfahrungen der letzten
größeren Olympiaboykotte 1980 und 1984. Allerdings stellte der
ehemalige WDR-Intendant klar, dass er da wenig Hoffnung habe. Auch die
Rolle der Sportfunktionäre im IOC sieht Pleitgen zwiespältig. Auf der
einen Seite nahm er sie vor den Schmähungen einiger Politiker in
Schutz, auf der anderen waren die Reaktionen des IOC auf die Proteste
von Exil-Tibetern und Menschenrechtsgruppen in Paris, London und
Olympia „wenig souverän“. Von Peking habe er nicht anderes erwartet. Es
gilt das Gleichgewicht zu finden zwischen dem sportlichen
Wettbewerbsgedanken und dem Schutz vor „kurzfristiger und kurzweiliger
Propaganda“, die schon häufiger von Staaten zur Selbstdarstellung
anlässlich dieses sportlichen Ereignisses genutzt wurden.
Zuletzt lobte, alles andere wäre eine Sensation gewesen, die
Qualitätsberichterstattung der öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanstalten. Denn nicht nur politische Einflüsse beeinträchtigen
die Spiele, auch der Sport selbst überschreitet bisweilen die Grenzen
des Erlaubten. Und hier sei der Rückzug der ARD aus der
Berichterstattung der Tour de France ein gutes weil konsequentes
Beispiel. Dass sich einzelne Redakteure der ARD mit Wissen ganzer
Redaktionsapparate zuvor zu Klaqueren eben jener Sportler gemacht
haben, die sie kurze Zeit später vom moralischen Podest gestoßen
hatten, wurde nur kurz gestriffen. Stattdessen ergriff Pleitgen
kraftvoll die Gelegenheit, Lobby im Sinne seiner ehemaligen Mitstreiter
von WDR und ARD zu betreiben. „Wir brauchen einen Sport-Phönix“,
forderte Pleitgen mit Blick auf die Berichterstattung von
Randsportarten, die eben nicht zu Einschaltquoten während des
Halbfinalspiels bei der Fußball-WM führen. Dabei sei eine angemessen
Erhöhung der Gebühren akzeptabel. Wir dürfen gespannt sein, was die
Kollegen der Printmedien dazu schreiben werden.
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