26. 05. 2012
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ZDF: Gutachten klärt Unfallgeschehen um Samuel Koch
Am 4. Dezember 2010 geschah das Unfassbare. Bei einer Wette mit dem 24-jährigen Samuel Koch, der auf Federbeinen, so genannten "Powerisern" seinen Stunt "Power Jump" ausführen wollte, war der geplante Sprung über einen Audi A8 ein Sprung zu viel. Der junge Leistungssportler prallte gegen das entgegenkommende Fahrzeug und blieb regungslos und schwer verletzt am Boden liegen. Die Live-Übertragung wurde abgebrochen und die Aufbereitung begann. Am heutigen Mittwoch stellten Programmdirektor Thomas Bellut und Prof. Gert-Peter Brüggemann vom Kölner Institut für Biomechanik und Orthopädie an der Kölner Sporthochschule die Ergebnisse der Untersuchungen fest. Ergebnis: Die Gerätschaften, insbesondere die mechanischen Federbeine, waren voll funktionstüchtig. Auch sonst waren alle "notwendigen und möglichen Sicherheitsvorkehrungen" getroffen, wie ZDF-Intendant Markus Schächter schriftlich mitteilen ließ. Trotzdem kündigte sein Programmdirektor Konsequenzen für das zukünftig Konzept der Sendung an. "Wir werden zukünftig hochsportive Wetten nicht mehr anbieten", erklärte Bellut im gut gefüllten Hörsaal 1 der Sporthochschule, dem Ort der Pressekonferenz.
Bei der Analyse des Unfallgeschehens dokumentierte Sportmediziner Brüggemann, dass ein Fehler im Bewegungsablauf den Unfall verursacht hatte. Mit anderen Worten: Samuel Koch sprang in Vorlage ab, erreichte dadurch eine viel zu geringe Sprunghöhe und kam folgerichtig mit dem relativ ungeschützten Hinterkopf an der Windschutzscheibe auf. Die nachfolgende Flugphase dürfte der junge Mann nicht mehr bei Bewusstsein erlebt haben, schlussfolgerte der Wissenschaftler nach Auswertung des zur Verfügung stehenden Bildmaterials. "Ein trainierte Turner hätte den Sturz der Länge nach verhindern können. Wir konnten aber keine Muskelbewegung mehr beobachten", so Brüggemann weiter. Demnach prallte der Hinterkopf des Verunglückten mit einer Kraft von 3000 Newton auf die betroffenen Halswirbel des 24-Jährigen. Dass er nicht zusätzlich noch einen Schädelbruch erlitt, habe er wohl nur seinem Schutzhelm zu verdanken. Brüggemann verwies jedoch auf die spezifischen Gefahren des Stunts. So werden die Federbeine fest mit den Unterschenkeln fixiert, ein Abbruch muss damit zu einem möglichst frühen Zeitpunkt erfolgen. Der dritte Sprung am 4. Dezember vergangenen Jahres konnte aber nach Meinung des Experten nicht gelingen, weil die Parameter nicht passten. So erzielte der Wettkandidat mit seinem letzten Stemmschritt nur eine so genannte "Treibhöhe" von 1,56 Meter, wie die Wissenschaftler anhand einer Simulation aufzeigten. Das entspricht einer tatsächlich gesprungenen Höhe von 46 Zentimetern. Bei seinen erfolgreichen Versuchen erreichte Koch hingegen fast einen Meter gesprungene Höhe. Die Analyse des Unglücks-Sprungs basierte übrigens neben den offiziellen ZDF-Aufzeichnungen der Live-Sendung auch auf einem privat aufgenommenen Video aus den Reihen der Zuschauer, wie Brüggemann erläuterte.
Dokumentation des ZDF
Auch im Vorfeld deutete nichts auf das bevorstehende Unglück. Tatsächlich hatte Koch sein Können nicht nur in einem Video bewiesen. Bei gleich zwei Proben unter den Augen der ZDF-Verantwortlichen hatte Koch zudem bereits im Vorfeld gezeigt, dass er selbst sich des Risikos durchaus bewusst war. "Mehrfach brach er Sprünge ab, weil die Entfernung nicht stimmte", erläuterte ZDF-Programmdirektor Bellut. Die Wette selbst wurde bereits im März vergangenen Jahres von der Agentur Joe Alexander Entertainment Group eingereicht, Doch der ursprünglich vorgesehene Zeitplan für den Wettvorschlag wurde von der zuständige ZDF-Redakteurin als zu knapp beurteilt. Erst am 27. Juli 2010 geht das erste Video mit Samuel Koch beim Sender ein. Es folgt ein Testsprung am 1. Oktober in München. Schon damals gab es nach Aussagen der Verantwortlichen eine "eingehende Bewertung der Physik der Sprungtechnik und Betrachtung der Athletik" des Wettkandidaten. Sowohl bei der Auswahl des richtigen Bodenbelags als auch bei der Auswahl der Karossen arbeitete Samuel Koch intensiv mit den zuständigen Stellen innerhalb des Senders, insbesondere dem Sicherheitsingenieur. Am 6. November gelang Koch sogar der Sprung über einen SUV, wie die Verantwortlichen in ihrer hauseigenen Dokumentation berichteten. Ein Audi Q7 sei jedoch zu hoch und zu lang und wurde deshalb als Fahrzeug abgelehnt. Die tatsächlichen Fahrzeuge wurden von beiden Seiten unter Einschaltung der Clearing-Stelle des Senders ausverhandelt. Dabei wurden zusätzliche Risiken ausgeschlossen, so dass die Reihenfolge – inklusive des Unglücksfahrzeugs Audi A8 – schließlich feststand.
"Wir haben in jeder zweiten Sendung mindestens eine Wette, die wir als "gefährlich oder riskant" einstufen", erklärte der Programmverantwortliche des Senders weiter. Alle Beteiligten waren sich nach der monatelangen Vorgeschichte einig, dass das Risiko "adäquat" war. Auch der Kölner Wissenschaftler teilt anhand der physiologischen Voraussetzungen des Wettkandidaten diese Einschätzung. Der 24-Jährige hatte auf seinem Fragebogen unter anderem Erfahrungen in der französischen Division National B sowie andere Akrobatiksportarten wie Snowboarden, Turmspringen oder Inline-Skaten angegeben. Auch die kurz nach dem Unfall kolportierten angeblichen Unfälle werden zumindest für die Generalprobe ausgeschlossen. Auch der Sprung über den Audi A8 funktionierte einwandfrei, schreibt der Sender in seiner 15-seitigen Dokumentation.
De-Facto-Aus "hochriskanter" Wetten
"Die Wette wurde verantwortungsvoll und sorgfältig begleitet und mehrfach begutachtet", fasste Bellut die Ergebnisse der beiden Untersuchungen zusammen. Auch am Kandidaten selbst und seine physiologischen Voraussetzungen gaben keinen Anlass zum Zweifeln. "Trotzdem war uns schnell klar, dass wir die Wetten nicht so weiter spielen können", erklärte der ZDF-Programmverantwortliche. Fortan will sich die Redaktion, das ist eine Konsequenz aus dem Unfall, anhand einer viergliedrigen Risiko-Skala orientieren. Mit wachsendem Anspruch an Körper und Material geht die Skala von "0" beispielsweise für Gedächtnisleistungen über "2" (sportive Wetten) zur höchsten Risikostufe "3". Bei solchen Wetten soll zukünftig neben den internen Kontrollen und Abwägungen auch externer Sachverstand eingeholt werden. Weil das aber mit hohem Aufwand verbunden sein wird, ließ Bellut zunächst durchblicken, dass er sich das "nicht mehr vorstellen" könne. Am Ende der Pressekonferenz wurde er dann deutlicher: Wir werden solche hochsportiven Wetten nicht mehr anbieten", so der ZDF-Programmdirektor abschließend.

























